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Gema storniert Rechnung Warum die Senioren wieder singen dürfen

Die Gema storniert die Rechnung: Die älteren Damen dürfen weitersingen.
Die Gema storniert die Rechnung: Die älteren Damen dürfen weitersingen.
© colourbox.de
Ein Sing-Treff älterer Damen erhält von der Gema eine Rechnung: Sie sollen Urheberrechte verletzt haben. Steht der Gesangsverein vor dem Aus? Nein, die Gema storniert überraschend die Rechnung.
Von Katharina Grimm

Welch ein Aufreger: Eine Handvoll älterer Damen (die zum Teil an Demenz erkrankt sind) trifft sich einmal im Monat in einem Café in dem Dörfchen Fahrdorf, um gemeinsam bei Filterkaffee und Kondensmilch Volkslieder zu singen. Bis die Gema sich meldet - und recht fix eine Rechnung an die Café-Betreiber verschickt. Plötzlich steht der Gesangstreff vor dem Aus. Und die Gema ist Schuld! Buh! Aber war das wirklich so?

Nicht, wenn man der Gema glaubt. Die veröffentlichte eine Richtigstellung. Dort steht zu lesen, dass die Senioren nicht auf die Gema reagiert hätten. Dass die Gema gar nicht gewusst habe, wer dort singen würde. Und nun, da man weiß, dass nur ein paar ältere Ladies (und ein Senior) alle paar Wochen gemeinsam trällern, würde die Rechnung natürlich storniert. Ende gut, alles gut? Nein, zwar sind die Seniorinnen die Rechnung los - doch das eigentlich Problem bleibt bestehen: Wann ist eine Veranstaltung öffentlich?

Urheberrecht gilt für alle

Kern ist die Frage nach der Öffentlichkeit beim Musizieren. Wer unter der Dusche mitsingt, muss natürlich nichts an die Gema zahlen. Wer hingegen auf einem Stadtfest - auch wenn es eine Non-Profit-Veranstaltung ist - ein paar Lieder säuselt, muss die Rechnung der Gema begleichen. Aber wie war das bei den älteren Damen aus Fahrdorf? Sind die Sing-Treffen öffentlich?

Sie trafen sich einmal im Monat in einem Café am Ortsrand. Für die Veranstaltung wurde sogar in der lokalen Presse geworben - also recht deutlich eine öffentliche Veranstaltung. Also müsste tatsächlich eine Rechnung fällig werden - das kann man gemein und moralisch verwerflich finden, aber das Recht ist auf Seiten der Gema. "Auch für alte Menschen gilt das Urheberrecht", sagt eine Gema-Sprecherin dem stern.

Doch nun will die Gema nicht mehr nur kein Geld, nein, sie fordern die singenden Senioren sogar zum Weiterträllern auf. "Wir (...) ermutigen dazu, auch künftig den Sing-Treff durchzuführen", heißt es in der Richtigstellung.

Ist der Sing-Kreis öffentlich?

Tatsache ist: Die Gema hatte der Café-Betreiberin geschrieben und darum gebeten, den Meldebogen auszufüllen und eine Titelliste zuzusenden. Doch Helga von Assel, Café-Betreiberin und selbst schon 77, schrieb nichts zurück. Und kassierte eine Rechnung.

Doch eine Reaktion gab es: Die "Schleswiger Nachrichten" berichteten über den Fall. Und diesen Bericht entdeckte natürlich auch die Gema. "Wir müssen jeder Meldung nachgehen, aber wir wollen den alten Damen auch nicht den Sing-Kreis verderben", sagt eine Gema-Sprecherin.

Also wie jetzt? Auf der einen Seite spielt das Alter beim Urhebergesetz keine Rolle - auf der anderen Seite sollen die Damen weitersingen, jetzt, wo man weiß, dass es ein Kreis älterer, dementer Damen ist? Dass der mediale Druck die Gema zum Umdenken gebracht habe, verneint die Sprecherin entschieden. "Dass sich die Veranstalter nach Erhalt der Rechnung nicht an uns, sondern direkt an die Presse gewendet haben, ist bedauerlich", heißt es in der Richtigstellung. Die Gema sei vielmehr zu dem Ergebnis gekommen, dass der Sing-Treff keine öffentliche Veranstaltung ist. Auch wenn die Damen in einem Café singen, das natürlich öffentlich zugänglich ist und auf die Veranstaltung per Zeitungsinserat hingewiesen wurde.

Die singenden Seniorinnen haben Glück gehabt. Sie müssen die Rechnung nicht bezahlen. Doch es wird künftig weiterhin schwierig sein zu erkennen, wann jemand öffentlich musiziert - und wann es tatsächlich eine private Sause ist. Der Fall aus Fahrdorf zeigt das ganz deutlich.

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