Gesundheitsreform Brillen-Schlangen


Wer jetzt Gläser oder Kontaktlinsen kauft, hat die Gesundheitsreform verstanden - Zuschüsse von den Kassen gibt es nur noch bis Jahresende.

Während des Irak-Krieges setzte Uwe Klemann dem amerikanischen Präsidenten George Bush eine Brille auf: "Intelligentes Aussehen ist nur eine Frage der richtigen Brille", schrieb er auf das Bush-Plakat vor seinem Optikerladen. Seit Oktober muss Klemann sich keine Werbekampagnen mehr ausdenken - die Kunden kommen von ganz allein in sein kleines Optikgeschäft in Hamburg. Sie wollen eine Brille, zack zack, vor Jahresende muss sie her. Denn ab 1. Januar 2004 wird es von den Krankenkassen keine Zuzahlungen zu Brillengläsern und Kontaktlinsen mehr geben, so wurde es in Ulla Schmidts Gesundheitsreform Ende September festgelegt.

Bislang zahlen die Krankenkassen bei simplen Einstärkenbrillen rund 22 Euro dazu, bei Mehrstärkenbrillen (Gläser für Menschen, die kurz- und altersweitsichtig sind, betroffen sind Leute ab etwa 40 Jahre) rund 100 Euro. In Einzelfällen, also bei besonders komplizierten Gläsern, sind aber auch mal Zuschüsse von bis zu 210 Euro drin. Zukünftig wird jeder seine Brille komplett aus eigener Tasche bezahlen müssen, auch die Zuschüsse bei Kontaktlinsen fallen weg. Ausgenommen von den Kürzungen sind nur Sehbehinderte (dazu zählt, wer auf beiden Augen weniger als 30 Prozent Sehschärfe hat) und Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Einige gesetzliche Krankenkassen wollen ab Anfang nächsten Jahres eine private Zusatzversicherung anbieten. Das Paket der Techniker Krankenkasse soll beispielsweise zwischen zehn und 15 Euro pro Monat kosten, dafür wird ein Teil der Heilpraktiker- und Zahnarztkosten erstattet, und bei Brillengläsern ist eine Zuzahlung von bis zu 150 Euro geplant.

Wer sich eine Zusatzversicherung erst mal sparen will, rennt jetzt noch schnell zum Optiker. "Anfang des Jahres war hier noch die totale Flaute. Aber seit Oktober kommen doppelt so viele Brillenkäufer wie in normalen Monaten", sagt Dirk Wilmer, Geschäftsführer bei Lühr Optik in Hamburg. Wenn er morgens um neun Uhr den Laden aufmacht, stehen schon die ersten Kunden vor der Tür. Später reicht die Brillen-Schlange dann vom Tresen bis zur Eingangstür. Viele Kunden lassen auch ihre Sehstärke beim Optiker vermessen - um eine Brille zu bestellen, braucht man kein Rezept vom Augenarzt. "Ich sabble mir die Fransen an den Mund, und abends bin ich fix und fertig", so Wilmer.

Nicht nur bei der kleinen Optikkette Lühr, auch beim Marktführer Fielmann gilt für alle Mitarbeiter für den Rest des Jahres eine Urlaubssperre, Überstunden dürfen erst im Januar abgebummelt werden. Fielmann will 2003 den höchsten Umsatz seit der Gründung des Unternehmens erwirtschaften. In den vergangenen Wochen haben sich die Umsätze in fast allen Filialen verdoppelt, in den neuen Ländern sogar verdreifacht. "Wir kommen mit der Brillenproduktion gar nicht mehr nach", sagt Firmenchef Günther Fielmann. Mehr als 70 neue Schleifautomaten hat er angeschafft.

Einen Brillen-Boom gab es schon zweimal: 1988, als der damalige Sozialminister Norbert Blüm höhere Selbstbeteiligungen für Brillen durchsetzte, schnellten die Umsätze der Optiker nach oben, die Ausgaben der Krankenkassen auch. Die Branche sprach vom "Blüm-Bauch" in der Statistik. Knapp zehn Jahre später kam dann ein "Seehofer-Gipfel", benannt nach dem damaligen Gesundheitsminister, der die Zuzahlung zur Brillenfassung komplett strich. "Waren die Kürzungen dann erst einmal in Kraft, verzeichneten Optiker Umsatzeinbußen von über 20 Prozent. Wir müssen damit rechnen, dass auch 2004 ein hartes Jahr wird", sagt Günther Fielmann.

Freuen können sich die Zahnärzte: In den vergangenen Wochen seien rund 30 Prozent mehr Anträge auf Zahnersatz gestellt worden, so die Sprecherin der Techniker Krankenkasse Antje Walther. Zwar steht eine Reform des Kostenmodells beim Zahnersatz erst 2005 an, trotzdem kommen schon jetzt immer mehr Menschen in die Praxen, um dritte Zähne zu bestellen. Für die Zahnärzte wird 2004 ein gutes Jahr.

Nikola Sellmair print

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