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Gewerkschaft Verdi: "Lidl-Bespitzelung hat ein unglaubliches Ausmaß"

Die Gewerkschaft Verdi ruft bespitzelte Lidl-Mitarbeiter zu Schadensersatzklagen gegen den Discounter auf. Dies sagte die stellvertretende Bundesvorsitzende Margret Mönig-Raane im Interview mit stern.de. Das vom stern und stern.de aufgedeckte Ausspionieren bei Lidl habe ein "unglaubliches Ausmaß".

Frau Mönig-Raane, wie bewerten Sie den Skandal um die Mitarbeiterüberwachung bei Lidl?

Diese Bespitzelung hat ein unglaubliches Ausmaß. Eine solche Systematik habe ich nicht erwartet. Sie dokumentiert tiefstes Misstrauen in die Beschäftigten und dokumentiert die Missachtung der Persönlichkeitsrechte der Mitarbeiter. Das System Lidl leistet einen Offenbarungseid. Lidl scheint unfähig, mit anständigen Methoden gute Geschäfte zu machen.

Glauben Sie dem Unternehmen, dass es nur um Ladendiebstahlkontrolle und nicht um das Ausspionieren der Mitarbeiter ging?

Die Art und Weise, wie diese Überwachung inszeniert und ausgewertet wurde, zeigt, dass es offenbar in erster Linie um das Ausspionieren der Beschäftigten ging. Man muss bei der Lektüre der Berichte den Eindruck haben, dass die Mitarbeiterbespitzelung im Vordergrund stand.

Ist dies der extremste Fall von Mitarbeiterüberwachung den Sie kennen?

In dieser Systematik, in dieser Breite und in diesem Ton: ja.

In den "Schwarzbüchern Lidl", die Verdi herausgegeben hat, wurde vor einigen Jahren schon mal über schlimme Arbeitsbedingungen bei Lidl berichtet. Hat sich die Situation der Lidl-Mitarbeiter seitdem verbessert?

Unser Eindruck war schon, dass bestimmte Missstände bei Lidl abgestellt wurden. Lidl hat z.B. Überstunden bezahlt. Aber die jetzigen Veröffentlichungen über die Bespitzelung zeigt, dass Verbesserungen nicht flächendeckend gibt und offensichtlich nur dort, wo es von außen sichtbar ist.

Was fordern Sie nun von Lidl?

Wenn die Unternehmensführung im stern behauptet, diese Überwachung sei nicht ihr Stil, diese Methoden seien Ausreißer und so nicht gewollt, dann ist es ein leichtes, den Beweis dafür anzutreten: Wir fordern, dass die Mitarbeiter ohne Druck und Androhungen Betriebesräte gründen können. Lidl soll deshalb mit uns einen Tarifvertrag abschließen über die Gründung von Betriebsräten. Solange dies nicht passiert, und Beschäftigte Angst haben, dass sie entlassen werden, wen sie Betriebsräte gründen, passt es ins bild eines Unternehmens, das auf Kosten der Beschäftigten billige Preise macht. Unsere Forderung an Lidl: Beweist, dass ihr es ernst meint.

Glauben Sie, dass die oberste Lidl-Unternehmensleitung in Neckarsulm von dieser Bespitzelung wusste?

Der Lidl-Vorstand wusste mit Sicherheit Bescheid. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Lidl-Bereichsleitung solche kriminellen Machenschaften durchführen kann, ohne dass dies nicht zumindest von der Zentrale gebilligt wird oder die zuständige Bereichsleitung sogar dafür belobigt wird. Ich glaube einem so straff geführten Unternehmen nicht, das dieser Skandal auf einen Ausreißer einzelner Regionalbereiche zurückzuführen ist. Denn das ist der Stil dieser Unternehmensleitung: Wer Angst hat vor der Gründung von Betriebsräten fürchtet, bei bestimmten Machenschaften nicht frei schalten und walten zu können. Dazu passt eine solche Bespitzelung.

Was raten Sie den von der Bespitzelung betroffenen Lidl-Angestellten?

Sofern sie Gewerkschaftsmitglieder sind, können sie von uns Rechtsschutz bekommen und Lidl auf Schadensersatz verklagen.

Was können Betroffene tun, die keine Gewerkschaftsmitglieder sind. Können die nachträglich bei verdi eintreten und wegen dieser Vorgänge klagen?

Nein, das verbietet das Rechtsschutzberatungsgesetz.

Aber werden Sie Nicht-Verdi-Mitgliedern, die klagen wollen, dabei unterstützen?

Ein generelles Angebot würde mich in Konflikt mit dem genannten Gesetz bringen. Ich kann aber den betroffenen Lidl-Mitarbeitern raten, sich untereinander zu verabreden und gemeinsam zu verdi zu kommen. Möglicherweise könnte man dann Musterklagen gegen Lidl anstrengen.

Was muss geschehen, dass solche Maßnahmen in Zukunft unterbleiben? Der Bundesdatenschutzbeauftragte Scharr fordert ein Arbeitnehmer-Datenschutzgesetz.

Das fordern wir seit langem. Aber das ist nach hinten auf der politischen Tagesordnung gerutscht. Ich höre von etlichen Kolleginnen und Kollegen,, dass die Mitarbeiterüberwachung in vielen Unternehmen und Bereichen der Wirtschaft ein Thema ist. Hier ist also dringender Handlungsbedarf gegeben, die schuldigen Unternehmen müssen harte Sanktionen fürchten.

Ist Lidl ein Ausnahmefall oder ist der gesamte Discounterbereich angestelltenfeindlich?

Wir wissen, dass im Discounterbereich mit Haken und Ösen und harten Bandagen gekämpft wird. Mitarbeiter werden unter Tarif bezahlt oder mit befristeten Verträgen ausgebeutet. Billige Preise haben eben ihren Preis - und den zahlen die Beschäftigten. Die großen Discounter müssen durch öffentlichen Druck dazu gebracht werden, ihr Verhalten zu ändern damit sie sich nicht mehr durch Ausbeutung und Bespitzelung ein Wettbewerbsvorteil verschaffen. Das gute Geschäft müssen die Besseren machen, und nicht diejenigen, die sich am miesesten ihren Mitarbeitern gegenüber verhalten.

Interview: Markus Grill und Malte Arnsperger