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Händler gegen Hersteller: Kampf um Ebay-Auktionen

Ein Schreibwarenhändler kämpft darum, Schulranzen über Ebay verkaufen zu dürfen. Nun entscheidet ein Gericht, ob dies die Marke Scout beschädigt. Der Fall ist für das Auktionshaus hochbrisant - Ebay könnte ein Standbein wegbrechen.

Von Andreas Kurz

Prinzessin Lillifee und der grüne Glitzerfrosch hausen in einer Sackgasse namens Ifenpfad, gleich an einer zugigen Ausfallstraße im Süden Berlins. Hier warten sie in Regalen, im Schreibwarenladen von Wolfgang Anders. Träume in Rosa und Knallrot. Sie warten zusammen mit Dino und den Transformers auf ihre fünfjährigen Käufer, die sich endlich groß fühlen, weil sie ihren ersten Schulranzen bekommen. Sie warten auf Mütter, die mit ihren Töchtern den Laden betreten, die seufzend einen Ranzen aus dem Regal nehmen, wohl wissend, dass das Zauberfee-Dekor den Kleinen in einem Jahr schon nicht mehr gefallen wird. Doch sie warten vergebens: In den Ifenpfad verirren sich kaum noch Mütter mit ihren Töchtern.

Die Geschäfte macht Wolfgang Anders inzwischen im Keller seines Schreibwarenladens. Dort sitzt er an seinem Laptop und beantwortet Ebay-Anfragen. "Ohne Ebay wäre der Laden zu", sagt er. Zwei Drittel des Umsatzes spült ihm das Online-Auktionshaus inzwischen herein, nur noch ein Drittel erwirtschaften Frau Vester und Frau Eichler, seine Verkäuferinnen oben im Erdgeschoss, wo es nach Bleistiftminen riecht und staubigem Paper. Längst rauschen die Eltern an seinem Laden vorbei, Richtung Stadtgrenze, wo die Einkaufszentren hingewürfelt sind. Geprüft und gequengelt wird jetzt in den Gropius Passagen oder im Südring-Center. Gekauft wird am Ende aber auch dort nicht - sondern im Internet, bei Ebay, da, wo es noch ein bisschen günstiger ist. Und dann landen die Eltern wieder bei Wolfgang Anders, dem Ranzenkrämer aus dem Ifenpfad.

Kein Verkauf von Ranzen über das Internetauktionshaus

Seine Geschichte erzählt von einem, der sich gewandelt hat: vom klassischen Einzelhändler für Zirkel, Ranzen und Oktavhefte zum Powerseller. Die Kundschaft wurde ihm weggesaugt, er hat sie zurückgelockt - elektronisch. Und er hat dafür gekämpft, immer und immer wieder, auch vor Gericht, gegen die Hersteller von Markenartikeln, die seinen Ebay-Vertrieb verhindern wollten. Er hat den Geschenkartikler Depesche, der die Spielzeugläden dieser Welt mit der Diddl-Maus beglückt, zu einer Unterlassungserklärung gezwungen. Ist gegen den Outdoorhersteller Vaude vorgegangen, als man ihm den Ebay-Vertrieb von Taschen verbieten wollte. Hat gegen Lamy gekämpft und die Firma Macrander zu einer Vertragsstrafe gezwungen, bis sie ihm wieder die Sammelfiguren Gilde Clowns lieferte. Sein härtester Gegner aber ist seit sechs Jahren Dieter Liebler, der Chef des Schulranzen-Herstellers Sternjakob.

Das Duell ist längst mehr als der Streit zweier Mittelständler. Der Ausgang entscheidet nicht nur über die Zukunft von Anders. Es geht auch um die Frage, ob Einzelhändler Markenartikel über Ebay verkaufen dürfen. Und am Ende geht es sogar um das Geschäftsmodell des Auktionsriesen Ebay. Längst wird das Duell von vielen beobachtet, die nur darauf warten loszuschlagen, so oder so. Heute wird das Landgericht Berlin darüber urteilen. Wolfgang Anders, 63, seit 23 Jahren Einzelhändler am Ifenpfad, will Ebay. Dieter Liebler, 60, seit 23 Jahren beim Schulranzen-Hersteller Sternjakob, will Ebay nicht. Er will nicht, dass seine Ranzen über das Internetauktionshaus verkauft werden, über dessen EU-weite Plattformen 18,7 Milliarden Euro im Jahr fließen. Warum eigentlich?

Lieblers Marke kennt jedes Kind: Scout. Besucher der Firmenzentrale im pfälzischen Frankenthal verwickelt der Chef ansatzlos in ein 40-minütiges Verkaufsgespräch. Dann federt er aus dem Stuhl im Konferenzsaal, geht zur Wand, an der sich die ganze quietschbunte Märchenlandschaft von Scout brav in vier Regaletagen aufreiht, gut 200 Ranzen und Taschen. Parliert über die Retroreflexion und Fluoreszenz seiner Schöpfungen, über das Rest-UV-Licht auf Schulwegen in der Dämmerung, über die Körperspannung von Kindern und konturierende Rückenpolster. "Das ist ein erklärungsbedürftiges Produkt", sagt Liebler, und sein bis dahin sanft schwingender hessischer Dialekt wird lauter. "Wir haben seit 1975 mächtig in die Marke eingezahlt. Und dann kommen so ein paar Hausfrauen und denken, sie könnten so ein Produkt über Ebay verkaufen!" Seine Marke, nein, die wolle er sich nicht zerstören lassen. "Wir wollen raus aus den elektronischen Versteigerungsplattformen."

Ein verbissener Kampf

Es ist ein verbissener Kampf. "Wenn wir dem freien Lauf geben, werden wir mittelfristig 30 Prozent unserer stationären Händler verlieren", sagt Liebler. "Ein rein virtueller Markenaufbau funktioniert nicht." Selbst ein eigener Internetvertrieb komme für Scout nicht infrage. "Da kann ich die Marke in zwei bis drei Jahren beerdigen. Da werfe ich sie den Schweinen zum Fraß vor." Es geht nicht um eine Schrulle. So wie Liebler argumentieren auch andere, viel größere Markenartikler.

Amer Sports etwa, einer der größten Sportartikelhersteller der Welt, verbietet es seinen Vertragshändlern im Kleingedruckten, die Marken Atomic, Salomon und Wilson auf der Auktionsplattform loszuschlagen. Zu Recht, urteilte das Münchner Landgericht: Schließlich würden "auf Internet-Auktionsplattformen immer wieder Fälschungen hochwertiger Markenprodukte angeboten", heißt es in dem weithin unbekannten Urteil. Zudem habe "der Vertriebsweg 'Versteigerung' an sich bei einigen den Ruf des Anrüchigen". Der Fall ist in die zweite Runde gegangen, im Sommer wird das Oberlandesgericht München über Amers Ebay-Verbot verhandeln. "Man muss sehr genau prüfen, ob das nicht eine knallharte Wettbewerbsbeschränkung ist", sagt Reiner Münker von der Wettbewerbszentrale, die geklagt hatte. "Wir glauben, dass wir mit Amer einen solchen Fall vor der Flinte haben."

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum das Urteil für Ebay entscheidend sein könnte.

"Auf lange Sicht wäre Ebay extrem betroffen"

Ebay selbst kann nur zusehen, wie sich Markenartikler und Händler balgen. "Es gibt eine ganze Reihe von Herstellern, die versuchen, ihre Vertriebswege zu kontrollieren. Wir selbst übersehen nicht, wie die Lieferverträge aussehen", sagt Wolf Osthaus, rechtspolitischer Cheflobbyist bei Ebay. "Das passiert ja alles im Verborgenen." Im Kleingedruckten der Händlerverträge oder bei Vertreterbesuchen. Wolfgang Anders erinnert sich daran, wie sich mal ein Verkaufsleiter in seinem Laden aufbaute und schrie: Sie kriegen ab sofort keine Ware mehr, Sie verkaufen die auf Ebay zu billig! "Der ist aufgetreten wie der Fürst von Sonstwo."

Tatsächlich schlägt Anders nur 60 Prozent auf den Einkaufspreis, empfohlen werden eigentlich 140 Prozent. "Eine Plattform wie Ebay schafft riesige Transparenz und einen harten Preiswettbewerb", sagt Osthaus. "Davon sind einige Markenhersteller nicht so begeistert." Offiziell schaut Ebay dem Urteil des Landgerichts Berlin gelassen entgegen, wie Osthaus beteuert. Doch das Urteil könnte einen großen Teil des Geschäfts kappen. "Auf lange Sicht wäre Ebay extrem betroffen", sagt Reiner Münker.

Ebay wurde bei der EU-Komission vorstellig

Und deswegen wurde Ebay bereits im August 2008 bei der EU-Kommission vorstellig, mit einem 60-seitigen "Call for Action"-Papier. Damals hatte der Luxuskonzern LVMH den Ebay-Vertrieb gerichtlich verbieten lassen. Also forderte Ebay ein neues Vertriebsrecht für Markenartikler. "Das Kartellrecht wurde noch nicht der Vertriebsrevolution im Internet angepasst", heißt es in dem Papier. 2010 will die EU die Gesetze neu formulieren - und Ebay hat sich schon mal positioniert.

Wer sich in das Kartellrecht mit seinen "Gruppenfreistellungsverordnungen" und den "vertikalen Vertriebsvereinbarungen" begibt, wünscht sich nicht nur, Prinzessin Lillifee möge geschwind herbeieilen und den Gesetzen schönere Namen zaubern. Tatsächlich atmet das Regelwerk noch den Geist des 20. Jahrhunderts, als es Ebay noch nicht gab. Und so agieren Richter und Bundeskartellamt wie in einer Nebelwand.

Es ist verworren. Ja, Sternjakob darf den reinen Ebay-Vertrieb verbieten, wenn der Händler kein Ladengeschäft betreibt, findet das Bundeskartellamt. Nein, Sternjakob darf den Ebay-Vertrieb von Wolfgang Anders nicht verbieten, weil man keine objektiven Qualitätsmaßstäbe für den Onlinevertrieb definiert habe, sagt das Landgericht Berlin. Doch, Sternjakobs Onlineregeln sind objektiv, urteilt das Landgericht Mannheim im Fall eines süddeutschen Händlers. Allenfalls Luxushersteller, die ihr Vertriebssystem absolut lückenlos kontrollieren, dürften den Ebay-Verkauf verbieten, findet die Wettbewerbszentrale. Aber kein Ranzenfabrikant, der seine Restposten selbst bei Real verramscht.

Wird Zeit, dass der Bundesgerichtshof entscheidet, vielleicht sogar im Fall Anders gegen Liebler. "Die Entscheidungsschlacht ist im Gange", sagt Anders' Anwalt Oliver Spieker, Kartellrechtler in der Kanzlei Görg. Sein Mandant ist wie der "Last Man Standing" im Westernfilm. Die anderen Händler und Markenartikler haben sich in Deckung gebracht. Und warten, wer noch steht, wenn sich der Rauch verzogen hat.

FTD