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Interview mit Helmuth Kern: "Diese Kiste kommt mir nicht in den Hafen"

Obwohl sein Amtsvorgänger der blechernen Box diese herbe Absage erteilte, ließ sich Helmuth Kern, 79 Jahre und Wirtschaftssenator a. D. nicht beirren. Er nahm das erste Containerschiff in Hamburg 1968 in Empfang, ersann eine neue Hafenordnung und setzte sich für den Ausbau des Containerhafens ein.

Herr Kern, Sie haben in den 60-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Hamburg als Standort für einen modernen Containerhafen nach vorne geboxt. Wie war das damals?

Manchmal ziemlich mühsam. Es gab viele Unkenrufe. Allen voran die Journalisten, die voraussahen, dass niemand eine Stahlkiste die Elbe runter schiffen würde. Diese würde gleich am Meer ausgeladen werden, der Tod für den Hamburger Hafen, schrieben sie damals.

Warum waren Sie so unbeirrbar?

Als ich das erste Mal am Kai von Port Elizabeth, dem Containerhafen von New Jersey stand, war mir sofort klar: Das ist eine Revolutionierung der Transporttechnik! Dies ändert sämtliche Daten im allgemeinen Güterverkehr. Das war 1965. Ein Jahr später kam der Container auch in Deutschland an.

Wie haben Sie das Anlanden des ersten Containerschiffs in Hamburg erlebt?

Das war lustig. Ich musste als Wirtschaftssenator eine Rede halten und stand an einem kleinen Pult an der Kaikante, als mir ein Zettel gereicht wurde: Bitte reden Sie weiter, wir haben nicht genug Wasser. Mir war schon aufgefallen, dass die American Lancer 10 Meter von der Mauer entfernt stehen blieb. Damals war das Hafenbecken für so große Containerschiffe noch nicht tief genug ausgebaggert, wir mussten also warten, bis die Flut es heben würde und es anlanden konnte. Ich haben dann munter vor mich hin filibustert.

Damals befürchtete man, dass der Container viele Arbeitsplätze vernichten würden. Wie verlief die Umstellung vom traditionellen Hafen zum Containerhafen?

Tatsächlich mussten wir damals niemanden entlassen. Gut, viele Hafenarbeiter mussten umlernen, denn statt des Mannes mit Muskeln brauchten wir jetzt den mit Köpfchen. Die haben das in meinen Augen aber wunderbar gemeistert.

Das hört sich so unkompliziert an. Gab es nicht doch auch mal Probleme?

Klar, hier und da. So eine Containerbrücke zu bedienen war ja für die Kranführer ein neuer Vorgang. Da sind schon mal verrückte Dinge passiert. Einer setze zum Beispiel die Ladeluke eines Containerschiffes, die mehrere Tonnen wiegt, sanft auf das Auto des Kapitäns ab. Na ja, das war eben die Zeit der Umgewöhnung an die neue Technik.

Sind Ihre Voraussehung von damals, was das Revolutionäre an der Containertechnik betrifft, eigentlich eingetroffen?

Zu meiner Amtszeit als Senator habe ich immer behauptet, dass 60 Prozent aller Güter eines Tages mal per Container transportiert werden würden. Das klang damals ziemlich mutig.

Und stimmt die Aussage heute?

Pustekuchen. Durch ausgefeilte Technik kann man inzwischen 98 Prozent aller Güter in diese Kisten stecken. Das ist schon sehr erstaunlich.

Das Interview führte Friederike Nagel
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