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IT-Industrie: Telecom Italia kauft AOL Deutschland

Mitten in dem erbitterten Strategiestreit mit der Staatsregierung baut Telecom Italia das Breitbandgeschäft aus: Der Konzern unterzeichnete den Kaufvertrag für das Anschlussgeschäft des US-Anbieters AOL in Deutschland.

Telekom Italia (TI) zahlt 675 Millionen Euro in bar. In Deutschland hat AOL insgesamt 1,1 Millionen Breitbandkunden. Der Kauf dokumentiert die Entschlossenheit des Konzerns, den in der Vorwoche vorgestellten Strategiewechsel ihres Konzernchefs Marco Tronchetti Provera auch nach dessen unerwartetem Rücktritt fortzusetzen. Tronchetti hatte Freitagnacht sein Amt zur Verfügung gestellt.

Rücktritt soll Spannung lösen

Vorausgegangen war eine öffentlich ausgetragene Kontroverse über die geplante Aufspaltung des Konzerns. Tronchetti hatte vor einer Woche angekündigt, den Konzern künftig auf das Geschäft mit Breitbandanschlüssen und Medieninhalten zu konzentrieren. Die Mobilfunkeinheit Telecom Italia Mobile (TIM) wird abgespalten und separat geführt. Einen Verkauf der Einheit hatte Tronchetti nicht ausgeschlossen.

Persönlich gab Tronchetti keine Gründe für seinen Rücktritt an. Vom Konzern hieß es, er wolle eine "unfaire Personalisierung" des Streits vermeiden. Nach dem von ihm angekündigten Strategiewechsel hatte es beispiellose Attacken aus der Politik gegeben: Infrastrukturminister Antonio Di Pietro forderte seinen Rücktritt, Ministerpräsident Romano Prodi hatte Tronchetti offen kritisiert. Beide fürchten den Verkauf von TIM an ein ausländisches Unternehmen. Tronchetti bleibt über mehrere Zwischenholdings größter Aktionär des Konzerns.

75-Jähriger neuer Konzernchef

Tronchettis Nachfolger Guido Rossi kündigte am Wochenende an, den Plan seines Vorgängers trotz der Proteste aus der Politik umsetzen zu wollen. Der 75-jährige hatte 1997 die Privatisierung von TI gesteuert. Die Entwicklung in dem Fall bringt inzwischen Ministerpräsident Prodi in Bedrängnis. Am Wochenende stimmte er zu, die Zukunft der Telekommunikation und die Rolle der Regierung im Parlament zu diskutieren.

Mit dem Kauf des Anschlussgeschäfts von AOL in Deutschland stärkt Telecom Italia seine Hamburger Tochter Hansenet, die unter der Marke "Alice" Telefon- und DSL-Anschlüsse vermarktet und ein eigenes Netz unterhält. TI bedient nach dem Kauf knapp zwei Millionen Breitbandkunden in Deutschland und schließt damit zum Branchenzweiten, dem Webkonzern United Internet, auf.

Insgesamt hat TI in Europa neun Millionen Kunden für schnelle Internetanschlüsse. Die Italiener hatten sich in der wochenlangen Auktion gegen zahlreiche internationale Rivalen durchgesetzt. Zuletzt waren neben TI noch United Internet, der Festnetzanbieter Versatel und das Internetunternehmen Freenet im Rennen.

Von Adrian Michaels und Florian Eder