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Konjunktur: EZB senkt völlig überraschend die Zinsen

Alle Äußerungen der vergangenen Wochen sprachen gegen eine Senkung. Inflationsrate soll bis 2002 unter zwei Prozent fallen. Analysten sind verblüfft.

Völlig überraschend hat die Europäischen Zentralbank (EZB) die Zinsen um 25 Basispunkte gesenkt. EZB-Präsident Wim Duisenberg begründete am Donnerstag die Entscheidung mit nachlassenden Gefahren für die Preisstabilität. Seiner Ansicht nach haben sich die Aussichten verbessert, dass die Inflationsrate bis 2002 unter zwei Prozent sinkt. Das Inflationsrisiko durch höhere Öl- und Nahrungsmittelpreise soll außerdem zeitlich beschränkt sein und sich im Jahresverlauf sowieso verringern. Finanzexperten reagierten verblüfft auf den finanzpolitischen Eingriff. Der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT) kritisierte die Entscheidung.

»2002 werden wir wahrscheinlich unter die Toleranzschwelle von zwei Prozent kommen,« sagte Duisenberg. Nach Ansicht der Währungshüter wird das Wirtschaftswachstum in der Eurozone weiterhin vor allem durch die Inlandsnachfrage gestützt. Positiv vermerkten sie bei ihrer Entscheidung eine Mäßigung bei der Lohn- und Gehaltsentwicklung. Der EZB-Rat verringerte den entscheidenden dritten Leitzins von 4,75 Prozent auf 4,50 Prozent. Der Zinskorridor wurde ebenfalls gesenkt und liegt nun bei 3,50 Prozent und 5,50 Prozent. Das Risiko für die Preisstabilität sei mittelfristig etwas gesunken.

DIHT warnt vor schnellen Entscheidungen

Der DIHT wertete die Zinsentscheidung als »übereilten Vorschuss« auf einen schwächeren Preisauftrieb. Bislang lägen noch keine harten Belege für eine nachhaltige Verringerung der Inflationsgefahren vor. Weder die aktuellen Inflationsdaten noch die Geldmengenentwicklung legten einen solchen Schritt schon zum gegenwärtigen Zeitpunkt nahe.

Analysten überrascht

Analysten und andere Finanzexperten reagierten verblüfft. Carsten-Patrick Meier vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel sagte, die Leitzinssenkung auf 4,5 Prozent sei »in der Tat überraschend«. Möglicherweise wollte die EZB mit diesem Schritt auch ihre Unabhängigkeit demonstrieren. Erst am letzten April-Wochenende hatten die Euro-Währungshüter und allen voran Duisenberg auf der Frühjahrstagung von IWF und Weltbank in den USA erklärt, eine Zinssenkung zum gegenwärtigen Zeitpunkt wäre der Glaubwürdigkeit der Zentralbank abträglich gewesen.

Wirtschaftsexperte Meier sagte, die jetzt erfolgte Senkung um 25 Basispunkte halte er für vertretbar: »Wir haben im Augenblick eine Situation in der von den konjunkturellen und den außenwirtschaftlichen Daten her einiges für ein Abklingen der Inflation spricht.« Das Problem sei nur, dass die Inflationsrate aktuell noch recht hoch sei, erläuterte Meier weiter. Ihm scheint es auch fraglichzu sein, ob es noch in diesem Jahr gelingt, unter zwei Prozent zu kommen.

»Märkte in die Irre geführt«

Analyst Jörg Weidensteiner von DG Bank nannte die plötzliche Entscheidung auch insofern interessant, als dass alle Äußerungen der EZB in der jüngsten Zeit auf das Gegenteil hingedeutet hatte. Die Frage ist nun, ob die Zinssenkung auf die jüngst vorgelegten schlechten deutschen Zahlen zur Industrieproduktion und den Auftragseingängen zurückzuführen sind.

Eine andere Möglichkeit ist, dass die EZB »überraschen wollte. Für den Fall müsste sie sich allerdings Fragen gefallen lassen«, sagte Weidensteiner. Weiter meinte der Analyst: »Man weiß nicht ob das so glücklich ist, die Märkte in die Irre zu führen.«

Michael Schubert von der Commerzbank bezeichnete den EZB-Beschluss angesichts der Argumentation der Euro-Währungshüter in den vergangenen Wochen ebenfalls als »total überraschend«.

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