Konjunktur Wirtschaft schrumpft erstmals wieder

Erstmals seit vier Jahren schrumpft die deutsche Wirtschaft wieder. Der Wirtschaftsverband DIHK rechnet für das zweite Quartal mit einem Minus von 0,5 Prozent, vor allem weil es weniger Aufträge für das Baugewerbe und die Industrie gibt. Die Deutschen sehen immer pessimistischer in die Zukunft, Hauptgrund sind die steigenden Preise.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) rechnet mit dem ersten Schrumpfen der deutschen Wirtschaft seit vier Jahren. "Keine Frage, das zweite Quartal war negativ", sagte der Chefvolkswirt der DIHK, Volker Treier. Allerdings hält er Informationen aus Regierungskreisen, wonach das Minus bei 0,75 Prozent bis 1,5 Prozent liegen könnte, für übertrieben. "Nach unseren Daten rechnen wir damit, dass die Wirtschaft um 0,75 oder 0,5 Prozent geschrumpft ist." Ifo-Chefvolkswirt Kai Carstensen macht neben statistischen Effekten auch eine schwächere Dynamik im Frühjahr dafür verantwortlich, dass die Wirtschaft im zweiten Quartal wohl in die Minus-Zone gerutscht ist. Eine konkrete Zahl nannte er aber nicht.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bleibt hingegen vorerst bei seiner Prognose von einem Wachstum von 0,2 Prozent. DIW-Chefvolkswirt Christian Dreger hält aber auch ein kleines Minus für möglich: "1,0 Prozent würde ich jedoch für übertrieben halten", sagte der Ökonom.

Mit einem Rückschlag nach dem starken Wachstum von 1,5 Prozent im ersten Quartal war gerechnet worden. Allerdings sei er stärker als erwartet ausgefallen, verlautete es aus Regierungskreisen. Vor allem Industrie und Bau seien für die negative Entwicklung verantwortlich. Im ersten Halbjahr dürfte somit nur noch eine Entwicklung zwischen Stagnation und einem Wachstum von gut 0,25 Prozent bleiben. Es erscheine aber dennoch möglich, dass trotz dieser negativen Faktoren die Regierungsprognose eines Wachstums von 1,7 Prozent in diesem Jahr noch gehalten werden könne, hieß es.

Treier verweist darauf, dass für die Regierungsberechnungen die Juni-Daten noch nicht einbezogen wurden. So lägen etwa die Daten für die Industrieproduktion noch nicht vor, die ein Viertel des Bruttoinlandsproduktes ausmache. "Und die dürfte im Juni nicht so schlecht ausfallen wie in den vergangenen Monaten, das geht aus unseren Unternehmensbefragungen hervor", sagte Treier. Im Mai hatte das Produzierende Gewerbe seinen Ausstoß mit 2,4 Prozent so stark gedrosselt wie seit über zehn Jahren nicht mehr.

Zunehmend entwickelt sich auch die Inflation zur Wachstumsbremse. "Der Konsum kommt derzeit wegen der hohen Teuerung nicht in Gang", sagte DIW-Chefvolkswirt Dreger. Wegen der steigenden Preise sehen die Deutschen immer düsterer in die Zukunft. 41 Prozent der Bürger rechneten damit, dass es ihnen in einem Jahr finanziell schlechter gehen werde, 42 Prozent erwarteten eine unveränderte Entwicklung, heißt es im ZDF-Politbarometer. Noch nie seit der Wiedervereinigung sei die persönliche wirtschaftliche Perspektive schlechter beurteilt worden. Inzwischen löste die Inflation sogar die Arbeitslosigkeit als wichtigstes Thema ab.

Rasant steigende Preise

Die Großhandelspreise, die als Indikator für die künftige Entwicklung der Teuerung gelten, stiegen im Juni nach Angaben des Statistischen Bundesamtes mit durchschnittlich 8,9 Prozent so stark wie seit 26 Jahren nicht mehr. Rasant steigende Nahrungsmittel- und Energiepreise sorgten für die höchste Teuerungsrate seit Januar 1982, als die Großhandelspreise um 9,5 Prozent stiegen. "Diese Entwicklung geht auf Dauer zu Lasten von Ertrag und Beschäftigung", sagte ein Sprecher des Branchenverbandes BGA.

Besonders deutlich verteuerten sich binnen Jahresfrist Getreide, Saaten und Futtermittel mit 27,9 Prozent. Die weltweit steigende Nachfrage, Ernteausfälle und die zunehmende Nutzung von Agrarprodukten für die Herstellung von Biosprit gelten als Grund für die Preisexplosion. Milch, Milchprodukte, Eier, Speiseöle und Nahrungsfette kosteten 13,5 Prozent mehr. Für feste Brennstoffe und Mineralölprodukte wurde fast ein Viertel mehr verlangt. Bei Kaffee, Tee, Kakao und Gewürzen erhöhten sich die Preise um 11,2 Prozent. Im Vergleich zum Mai zogen die Preise um 0,9 Prozent an.

Christina Amann/Reuters Reuters

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