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"Wir haben noch haufenweise Bares"

Zwangssparen in Washington, Schuldenkrise in Europa - na und? An den Börsen herrscht Jubelstimmung. Der Lockruf des billigen Geldes der Notenbanken treibt Anleger in Aktien.

Von Thomas Schmoll

Die New York Stock Exchange in Manhattan. Der Dow Jones, der bedeutendste US-Aktienindex, durchbrach jetzt erstmals in seiner Geschichte die Marke von 14.000 Punkten.

Die New York Stock Exchange in Manhattan. Der Dow Jones, der bedeutendste US-Aktienindex, durchbrach jetzt erstmals in seiner Geschichte die Marke von 14.000 Punkten.

Wenn Warren Buffett etwas verkündet, lauschen Privat- und Profianleger seinen meist markigen Worten wie ein Fußballteam den Ansagen ihres Trainers. Denn seinen Riecher für lohnende Geschäfte beweist der Amerikaner seit Jahren. Erwirbt er eine Aktie, steigt ihr Kurs in der Regel deutlich an, weil andere Investoren auf den Zug aufspringen. Im Grunde sorgt Buffett durch den Kauf eines Papiers gleich mit dafür, dass es zulegt und er als neuer Besitzer dicke Gewinne einstreicht.

Und Buffett besitzt jede Menge Geld, um zu kaufen, zu kaufen und zu kaufen. Seine Investmentholding Berkshire Hathaway hatte Ende des Jahres 47 Milliarden Dollar auf der hohen Kante, die der 82-Jährige als Kriegskasse versteht. Sein Kompagnon "Charlie (Munger) und ich haben erneut unsere Safari-Klamotten angezogen und unsere Suche nach Elefanten wieder aufgenommen", schrieb Buffett jüngst an die Anteilseigner seiner Holding. "Unser Elefantentöter ist nachgeladen, und mein Finger am Abzug juckt." Die jüngere Zeit hätte aus seiner Sicht erfolgreicher sein können. "Ich habe einige Elefanten verfolgt, bin aber mit leeren Händen zurückgekehrt. Wie dem auch sei, das Blatt hat sich Anfang dieses Jahres gewendet." Er meinte damit den Erwerb von Heinz-Ketchup, an dem sich Buffett mit zwölf Milliarden Dollar beteiligt. "Aber wir haben noch haufenweise Bares und generieren in schnellem Tempo noch mehr davon." Konsequenz: "Also heißt es zurück ans Werk."

In seiner gewohnt lockeren Art bringt das "Orakel von Omaha" - benannt nach seinem Geburtsort Omaha in Nebraska - auf den Punkt, was derzeit die Kurse nach oben treibt. Es gibt immense Geldbeträge rund um den Globus, die angelegt werden wollen. Die aktuelle "Forbes"-Liste der Reichsten der Reichen auf diesem Planeten - hier steht Buffett mit 53,3 Milliarden Dollar Privatvermögen auf Platz vier - weist für 2012 genau 1426 Milliardäre aus, 200 mehr als vor einem Jahr. Ihr Gesamtvermögen liegt nach Berechnungen des US-Magazins bei 5,4 Billionen Dollar. Nicht nur sie sind permanent auf der Suche nach lukrativen Anlagen mit dem Ziel, es in Sicherheit zu bringen und bestenfalls noch mehr Moneten anzuhäufen.

Staatsanleihen kein sicherer Hafen mehr

Seit dem Ausbruch der Eurokrise gelten Staatsanleihen nicht mehr als der sichere Hafen, als die sie jahrzehntelang betrachtet wurden. Investoren ließen und lassen eher die Hände davon, es sei denn, sie lieben das Risiko. Nicht nur Anleger in Griechenland-Anleihen, sondern auch in Schuldtitel anderer Euroländer haben unzählige Milliarden verloren. Die Papiere von Staaten mit Top-Bonität oder Anleihen von Unternehmen werfen vielfach nur noch Mini-Gewinne ab, das Sparbuch bringt sowieso nichts mehr, weil die Notenbanken weltweit eine Nullszins-Politik fahren. Beim Goldpreis sehen Strategen kaum noch Luft nach oben, der Immobilienmarkt ist abgegrast. David Kelly von JP Morgan Asset Management stellt fest, da "die Risiken für die Märkte geringer geworden sind, fließt das Geld in die Aktienmärkte. Denn es kann nirgends sonst hin." Also stürzen sich Anleger auf Aktien.

Der Dow Jones, der bedeutendste US-Aktienindex, der die größten Konzerne Amerikas umfasst, überschritt erstmals in seiner Geschichte die Marke von 14.000 Punkten. Als wäre die Eurokrise längst überwunden und als würden die Amerikaner mit ihren mehr als 16 Billionen Dollar Staatsschulden nicht in einem bizarren Haushaltsstreit liegen, zogen die Kurse rund um den Globus an. Marktteilnehmer blendeten scheinbar Risiken aus und entdeckten die Aktie - von manchen Profis schon beinahe totgesagt - als Objekt der Begierde und kauften, was zu haben ist. Ganz vorne mit dabei: Hedgefonds, die laut Helaba-Analyst Christian Schmidt "die höchste Aktien-Investitionsquote seit dem Jahr 2006 haben".

Der deutsche Leitindex stand kurz vor der 8000-Punkte-Marke - der höchste Wert seit Anfang 2008. "Der Anstieg des Dax auf ein Rekordhoch ist nur eine Frage des 'wann' und nicht des 'ob'", sagt Folker Hellmeyer, Chef-Volkswirt der Bremer Landesbank. "In der Eurozone gibt es zwar große Unsicherheiten, vor allem was die politische Situation in Italien anbelangt. Insgesamt hilft die Aussicht auf eine anziehende US-Konjunktur aber darüber hinweg. Die sich wiederbelebende Wirtschaft in den USA ist der Rettungsanker für die europäischen Börsen."

Billiges Geld für Geschäftsbanken

Kurse in Asien schossen ebenso in die Höhe. "Macht Sie das nervös?", wollte eine TV-Moderatorin von Buffett wissen. Natürlich sei es ihm lieber, antwortete der 82-Jährige, etwas für 80 Dollar zu erwerben als für 100. "Aber wenn Sie mich fragen, ob Aktien günstiger sind als andere Formen der Geldanlage, dann ist die Antwort aus meiner Sicht: Ja."

Buffett rät - zumindest den Amerikanern - davon ab, Farmland zu kaufen und Geld in eine Immobiliengesellschaft zu stecken. Dann spricht er einen Satz aus, den Regierungen in aller Welt nicht gerne hören werden, erst recht nicht US-Präsident Barack Obama. "Das dümmste Investment, aus meiner Sicht, ist eine lang laufende Staatsanleihe." Dabei hat es Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), gerade geschafft, die Geldgeber der Staaten zu beruhigen. Allerdings mit einem höchst umstrittenen Projekt: Dem Ankauf von Anleihen der Eurokrisenstaaten mit unbegrenztem Limit. Sobald die Zinslast ein für ein Land nicht oder schwer zu leistendes Maß erreicht, greift die EZB ein. Folge: Die Nachfrage steigt, die Zinsen sinken. Doch umstritten ist das Vorgehen vor allem wegen damit verbundener Inflationsgefahr, die sich bislang allerdings nicht bestätigte. Das Risiko bleibt aber. Denn im Grunde werden frisch gedruckte Dollar oder Euro in den Markt gedrückt, und wegen der Leitzinsen zum Null- oder Fast-Nulltarif können sich Geschäftsbanken billiges Geld beschaffen.

Auf zur Elefantenjagd

Nicht nur Europa, auch die Schweiz, Großbritannien, Japan und vor allem die USA verfahren zum Teil seit 2009 so. "Die Aktienmärkte reiten auf der Welle des billigen Notenbankgeldes", sagt Alan Gayle von Ridgeworth Investments. "Deshalb testen sie ihre alten Rekordhochs, aber sie strecken sich sehr weit, um noch an die letzten Früchte zu gelangen. Das macht sie zugleich anfällig." Im März 2009, als die Welt gerade dabei war, die Folgen der Lehman-Pleite zu verdauen, beschloss die US-Zentralbank Federal Reserve (Fed), bis Ende März 2010 Staatsanleihen und Wertpapiere im Gesamtwert von mehr als einer Billion Dollar zu erwerben. Das Programm wurde noch dreimal ausgeweitet, zuletzt im Spätsommer 2012. Bill Gross, der Chef der Allianz-Tochter Pimco, des größten privaten Anleihefonds der Welt, hatte schon Anfang 2011 dazu erklärt: "Schecks in Billionenhöhe auszustellen, ist keine Sache, die Anleihebesitzer glücklich machen sollte, sie wirkt stattdessen inflationär und, um die Wahrheit zu sagen, wie ein Schneeballsystem." Auch in der Fed ist das Vorgehen umstritten. "Viele Teilnehmer drückten einige Sorgen über mögliche Kosten und Risiken aus, die sich mit weiteren Anleihekäufen ergeben“, hieß es in einem jüngst veröffentlichten Protokoll. Andere Mitglieder warnten, ein verfrühtes Ende des Anleiheankaufs erhöhe die Arbeitslosigkeit.

Seit Mitte September erwirbt die US-Zentralbank Monat für Monat Hypothekenanleihen für 40 Milliarden Dollar mit dem Ziel, die Zinsen für Immobiliendarlehen zu senken, damit die Amerikaner wieder mehr Häuser bauen. Während Ökonomen vor einer neuen Blase warnen, verdienen die Banken einstweilen gut daran. Denn das Konzept der Fed geht auf. Die Zinsen gingen runter, die Nachfrage nach Krediten für Immobilien stieg wie gewünscht an. Kunden der Geldhäuser nutzten die Gelegenheit, ein altes Darlehen durch ein günstigeres abzulösen. Dick dabei im Geschäft Wells Fargo, deren Hypothekenbereich im letzten Quartal 2012 rasant zulegte und über Gewinnsprünge jubeln konnte. Was hatte doch Warren Buffett Anfang 2012 gesagt? "Wenn ich nur eine einzelne Bank-Aktie kaufen könnte, dann wären es die Papiere von Wells Fargo." Seit Ende 2008 hat seine Holding ihren Anteil an der US-Großbank von 290 Millionen Aktien auf annähernd 430 Millionen Aktien ausgeweitet. Im Oktober sagte er: "Wir haben nur etwa 430 Millionen Anteile. Ich hab nicht das Gefühl, dass das genug ist." Dann also auf zur Elefantenjagd!

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