Lieferboykott Milch-Notstand auf der Reeperbahn


Wer im Penny-Markt auf der Hamburger Reeperbahn Frischmilch kaufen will, der schaut derzeit ins Leere. Und nicht nur auf dem Kiez herrscht Milch-Notstand: Die Verbraucher bekommen die Folgen des Bauern-Streiks zu spüren, den Geschäften geht die Milch aus.

Im Kühlregal klafft eine Lücke. Auf etwa anderthalb Metern steht nichts auf dem untersten Regalboden, die Pappen sind weggeräumt. Ein leuchtendes orangefarbenes "Billiger"-Schild weist auf die letzte Preissenkung für Milch hin. Doch im Penny-Markt auf der Hamburger Reeperbahn gibt es keine Frischmilch mehr: Die morgendliche Lieferung ist ausgeblieben, die Kunden müssen notgedrungen zur H-Milch greifen. Ähnlich ist die Situation in der nahe gelegenen Aldi-Filiale. Auch hier sind keine Kartons mit frischer Milch eingetroffen.

Rund eine Woche nach Beginn der Bauernproteste wird in einigen Supermärkten die Milch knapp. Eine Real-Sprecherin erklärte, es gebe erste Schwierigkeiten in einzelnen Regionen und Geschäften. In einigen niedersächsischen Supermärkten werde es nach Angaben des Einzelhandelsverbands eng bei der Frischmilch. Auch in Läden des drittgrößten deutschen Discounters Plus klaffen Lücken in den Regalen, wie eine Sprecherin der Tengelmann-Tochter bestätigte.

"Es steht nicht mehr in jedem Markt und in jeder Region das volle Sortiment an Milchprodukten zur Verfügung. Wie sich die Situation weiter entwickelt, können wir nicht vorhersagen", sagt Alexander Lüders, Sprecher des größten deutschen Lebensmittel-Einzelhändlers Edeka. Der Süden Deutschlands sei stärker betroffen als der Norden.

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Einzelhandelsverbands, Stefan Genth, bestreitet die Probleme: "Lieferengpässe von größerem Ausmaß und leere Kühlregale sind in der jetzigen Situation in absehbarer Zeit nicht zu befürchten."

Die protestierenden Bauern haben die Blockade einiger Molkereien beendet, andere Betriebe werden weiter von der Milchlieferung abgeschnitten. In Schleswig-Holstein beendeten die Landwirte die Blockade von 14 Molkereien. Stattdessen trafen sich etwa 500 Landwirte in Kiel zu einer Demonstration.

Auch in Niedersachsen zogen die Milchbauern vor den Toren dreier Molkereien in der Nacht ab. Allerdings nicht ganz freiwillig: Am Nordmilch-Werk in Edewecht sei ihnen eine Schadensersatzforderung in Höhe einer halben Million Euro angedroht worden, sagte Protest-Organisator Heinrich Rauert. Die Milchbauern Sachsen-Anhalts weiten ihren Kampf um höhere Preise hingegen aus.

Lücken in den Regalen

Einige Molkereien mussten die Produktion inzwischen einstellen, darunter die rheinland-pfälzischen Großbetriebe Hochwald und Milch-Union Hocheifel (MUH). Allein der MUH entsteht nach Unternehmensangaben ein Schaden von 2,5 Millionen Euro pro Tag.

Der Deutsche Bauernverband (DBV) geht inzwischen davon aus, dass Molkereien und Einzelhandel unverzüglich mit Preis-Nachverhandlungen beginnen werden. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter sieht nach den neuen Aktionen eine "ungebrochene Entschlossenheit" der Milcherzeuger. Der Milchindustrie-Verband werde nachdrücklich aufgefordert, "endlich seine Verantwortung für die Milchbranche wahrzunehmen".

"Jetzt muss einzeln verhandelt werden", erklärte DBV-Sprecher Michael Lohse am Montagabend nach einem Gespräch der Bauernverbände mit dem Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) in Köln. "Die Situation ist klar. Die Molkereien müssen jetzt auf die einzelnen Handelsunternehmen zugehen." Über das Spitzentreffen der Verbände in Köln wollte Lohse keine Einzelheiten bekanntgeben. "Das Gespräch war konstruktiv."

Seehofer für "Milch-Gipfel"

Seit vergangenem Dienstag protestieren deutsche Bauern mit einem Lieferboykott gegen zu niedrige Milchpreise. Die Landwirte fordern bundesweit einen Literpreis von 43 Cent. Derzeit werden je nach Region zwischen 27 und 35 Cent gezahlt.

Nach Einschätzung des Milchindustrieverbandes (MIV) wurde ám Montag weniger als die Hälfte der sonst üblichen Milchmenge geliefert. Die Milchindustrie droht den protestierenden Bauern mit Klagen. "Die Boykotte sind illegal. Und Illegales muss man mit dem Gesetz bekämpfen", sagte Eberhard Hetzner, MIV-Hauptgeschäftsführer, der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung".

Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) kündigte einen "Milchgipfel" an, sobald der Streit zwischen Bauern und Industrie beendet ist. Aus dem aktuellen Streit werde sich die Politik weiter raushalten.

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) kritisierte den Lieferboykott der Milchbauern hingegen scharf. "Es kann nicht angehen, dass ein hochwertiges Lebensmittel wie Milch vernichtet wird und Arbeitnehmer in der Milchwirtschaft von Kurzarbeit oder gar von Arbeitsplatzverlust betroffen sind", sagte der NGG-Vorsitzende Franz-Josef Möllenberg.

tk mit DPA

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