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Lockstoff: Mit "Roter Holle" gegen schwindenden Bierdurst

Sie tragen so trendige Namen wie "Rote Holle" "Lime" oder "Chilled Orange". Sie sind entweder 100-prozentig Bio oder mit Zitronen- und Orangengeschmack: Mit poppigen Biermixgetränken und Ökotouch versuchen die Brauereien wieder den deutschen Bierdurst zu stimulieren.

"Das klassische Bier hat ein verstaubtes Image, die Leute wollen mehr die Kombination von Lifestyle und gutem Produkt", betont Peter Kowalsky von der Peter-Brauerei in Ostheim an der Rhön, dessen Unternehmen auch die Ökobrause Bionade herstellt. Gerade Jüngere trinken lieber Biermischungen, die für Multikulti und Zeitgeist stehen, beobachtet auch der Deutsche Brauerbund.

"Nur mit Bier nach deutschem Reinheitsgebot kann man schon lange niemand vom Ofen locken", sagt Branchensprecher Marc-Oliver Huhnholz. Während die großen Konzerne mehr mit trendigen Innovationen versuchen, den Geschmack vor allem jüngerer Biertrinker zu treffen, setzen mittelständische Unternehmen eher auf Bio. So bieten mittlerweile gut 50 Braustätten Biere mit Zutaten aus garantiert ökologischem Anbau an. Zu den wenigen großen Produzenten, die auch Ökobiere in ihrem Sortiment haben, gehört die Flensburger Brauerei. "Wir sprechen damit neue Zielgruppen an", betont Marketing-Direktor Ulrich Beuth. Gut zehn Prozent ihres Absatzes wollen die Norddeutschen künftig mit ihrem ökologischen "Kellerbier" machen.

Um zwei bis 3 Prozent ging der Bierverbrauch in den vergangenen Jahren pro Jahr zurück. Derzeit trinken die Deutschen rein statistisch gesehen pro Kopf nur noch gut 111 Liter im Jahr, vor acht Jahren waren es noch rund 125 Liter. Nur heiße Sommer oder sportliche Großereignisse wie die Fußball-WM 2006 konnten den Abwärtstrend ein wenig verlangsamen. Auch durch die diesjährige Europameisterschaft hoffen die Brauer auf eine leichte Belebung des Biergeschäfts. Bereits in fünf Jahren könnte der Pro-Kopf-Verbrauch aber schon auf unter 100 Liter im Jahr sinken.

Biermixgetränke legen zu

Der Marktanteil an Biobieren beträgt zwar derzeit nur gerade einmal ein Prozent. Das Segment der Mixgetränke mit konventionell gebrautem Bier wuchs hingegen allein im vergangenen Jahr um 18 Prozent und hat mittlerweile einen Anteil von 4,5 Prozent am gesamten Biermarkt. Langfristig könnte dieser sogar auf zehn Prozent anwachsen, schätzt das Marktforschungsinstitut GfK in Nürnberg. Biermixgetränke wie Radler und Alster gibt es schon lange. Neu hinzugekommen sind in den vergangenen Jahren aber Mischungen mit Limone, Blutorange, Minze oder gar Wodka. Becks hat jetzt sogar ein fast bis zur Transparenz filtriertes Bier unter dem Markennamen "Ice" auf den Markt gebracht.

Biobier ist noch eher ein Nischenprodukt, aber durchaus mit Wachstumschancen, heißt es beim Brauerbund. Zu den wichtigen Braustätten zählen Neumarkter Lammsbräu, die Adlerbrauerei Göggingen und die Brauerei Pinkus Müller. Der inhabergeführte Familienbetrieb Lammsbräu, der schon seit Ende der 70er Jahre Ökobier im Angebot hat, versteht sich als größter reiner Biobrauer und bietet 16 verschiedene Ökosorten an. Die jährlich rund 60.000 Hektoliter Biobier werden über den Naturkosthandel deutschlandweit vertrieben. Darüber hinaus wird der ökologische Gerstensaft auch nach Frankreich, Skandinavien und Osteuropa verkauft. Die Rohstoffe kommen von Ökobauern in der Region und werden ständig auf Pestizid- und Düngerückstände geprüft, betont Sprecherin Annett Sachs.

Eines der reinsten Getränke

Bier ist eigentlich schon seit Jahrhunderten eines der reinsten Getränke. Nach dem Reinheitsgebot von 1516 dürfen zu "keinem Bier mehr Stücke als allein Gerste, Hopfen und Wasser verwendet werden". Biobrauer gehen da noch weiter: Nicht nur die Rohstoffe kommen aus garantiert ökologischem Landbau, auch die Herstellung erfolgt streng biologisch. "Durch kalte Gärung und lange kalte Lagerung stabilisiert sich unser Bier von alleine, auch ohne chemische Hilfe", betont Braumeister Friedhelm Langfeld von der Brauerei Pinkus Müller.

Die private Peter-Brauerei an der Rhön bietet vier Biobiersorten an. Den Mischungen "Rote Holle" und "Gelbe Lili" wird die Trendbrause Bionade Holunder oder Litschi beigemixt. Mit gerade einmal 7000 Hektoliter stecke die Produktion aber "noch in den Kinderschuhen". Einige große Braukonzerne versuchen aber auch, sich von dem Trend zu Ökobieren und Mixgetränken abzusetzen. So wirbt beispielsweise Pilsner Urquell weiter für den "unverfälschten Biergenuss" frei unter dem Motto: "Ohne Lemon. Ohne Cranberry. Ohne Bullshit."

Maren Martell/DPA / DPA
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