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Alkoholismus: Spritze gegen den Bierdurst

Psychotherapie war bisher die einzige Möglichkeit für Alkoholiker, um von der Flasche loszukommen. Amerikanische Forscher haben jetzt Medikamente gegen die Sucht entwickelt.

In erster Linie war es ein Medikament, das John Bauhs half, vom Alkohol wegzukommen. Der 41 Jahre alte Personalchef aus Germantown im US-Staat Maryland hatte mehr als 20 Jahre lang fast alles ausprobiert, um mit dem Trinken aufzuhören. Erst als er vor einem Jahr zusätzlich zur Psychotherapie das Mittel Naltrexon einnahm, konnte er seine Alkoholsucht überwinden. Nalrexon hemmt Botenstoffe im Gehirn, die beim Alkoholrausch eine Rolle spielen. "Nach nur drei Tagen mit dem Mittel war das Bedürfnis zu trinken vollständig verschwunden", erzählt Bauhs. "Auch der Gedanke an Alkohol lässt mich völlig gleichgültig."

Bislang spielten Medikamente bei der Behandlung von Alkoholikern nur eine untergeordnete Rolle. Bis zum vergangenen Jahr waren in den USA lediglich das 1994 zugelassene Naltrexon und das Jahrzehnte alte Mittel Antabus erhältlich, das in Verbindung mit Alkohol Übelkeit verursacht. Im vergangenen Januar kam nun Campral auf den US-Markt. Und ein weiteres Präparat, Vivitrex, könnte bis Ende des Jahres zugelassen werden. Das von der Regierung betriebene Nationale Institut für Alkoholmissbrauch und Alkoholismus (NIAAA) sponsert derzeit mehr als 50 Studien, in denen weitere Medikamente geprüft werden.

Ein Wundermittel für alle wird es nicht geben

Die traditionellen Behandlungsstrategien wie etwa Psychotherapie bringen oft nicht den gewünschten Erfolg, so dass Forscher nach neuen Optionen suchen - darunter auch pharmakologische Ansätze. "Lange Zeit tappten wir im Dunkeln und wussten nicht, wie wir in diesem Bereich vorgehen sollten", sagt der auf Alkoholismus spezialisierte Suchtforscher Robert Morse. "Aber das dürfte im kommenden Jahrzehnt ein spannendes Thema sein."

Da Alkoholismus auf einem komplexen Zusammenwirken psychischer und körperlicher Faktoren beruht, rechnen Mediziner nicht mit der Entdeckung eines einzelnen Wundermittels für alle Patienten. Neue Medikamente "können das Problem zwar nicht lösen, aber manchen Menschen helfen", sagt Raye Litten vom NIAAA. "Wir wollen ein breites Spektrum." Litten verweist auf die Vielzahl von Präparaten gegen Depressionen: "Wenn das eine nicht hilft, kann man ein anderes probieren."

Noch in diesem Jahr soll das erste Mittel auf den Markt kommen

Pharmakonzerne wittern bereits ein gutes Geschäft. In den USA sind schätzungsweise 18 Millionen Menschen alkoholabhängig. Mehr als zwei Millionen Erwachsene beginnen pro Jahr eine Therapie. Noch machen Arzneimittel gegen Alkoholismus nur einen geringen Teil des US-Pharmageschäfts von 235 Milliarden Dollar (192 Milliarden Euro) aus. Naltrexon und Antabus kamen im vergangenen Jahr zusammen auf einen Umsatz von 25 Millionen Dollar (20 Millionen Euro). Der Verkaufserlös von Campral betrug in der ersten Jahreshälfte 2005 laut Hersteller sechs Millionen Dollar (knapp fünf Millionen Euro).

Das Mittel Vivitrex könnte noch vor Jahresende auf den US-Markt kommen. In einer Studie senkte es in Verbindung mit Psychotherapie den Alkoholkonsum der Patienten über den Zeitraum eines halben Jahres von durchschnittlich 19 auf drei Tage im Monat. Das Präparat wirkt ähnlich wie Naltrexon, muss jedoch nicht täglich eingenommen werden, sondern wird einmal im Monat vom Arzt injiziert.

Der Erfolg der Medikamente auf dem Markt hängt jedoch letztlich von der Bereitschaft der Ärzte ab, sie zu verschreiben, und nicht zuletzt auch vom Willen der Krankenversicherungen, sie zu bezahlen. "Selbst wenn es einige gute Mittel geben sollte, kann es einige Zeit dauern, bis sie sich durchsetzen werden", so der Wirtschaftsanalyst Robert Hazlett.

Mark Jewell/AP / AP

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