HOME

Schmiergeld-Affäre: Auch Siemens-Vorstandsbüros durchsucht

Die Affäre um schwarze Kassen und veruntreute Firmengelder bei Siemens weitet sich aus: Ermittlungsbehörden vermuten Schmiergelder in dreistelliger Millionenhöhe, auch das Büro von Vorstandschef Klaus Kleinfeld wurde durchsucht.

Ermittler haben im Zuge der Korruptions- und Untreue-Affäre bei Siemens auch die Büros von Konzernchef Klaus Kleinfeld sowie weiterer Vorstände durchsucht. Allerdings gelte Kleinfeld nicht als Beschuldigter, sondern sei lediglich Zeuge im Verfahren, sagte ein Sprecher der Münchner Staatsanwaltschaft am Montag. Medienberichte, wonach mehr als 100 Millionen Euro veruntreut worden sein sollen, bestätigte die Staatsanwaltschaft nicht. Die Anti-Korruptionsorganisation Transparency International (TI) sprach im Zusammenhang mit der Schmiergeldaffäre von einem nicht alltäglichen Fall mit außergewöhnlichen Ausmaßen.

20 Millionen Euro Schmiergeld

Die Staatsanwaltschaft geht nach wie vor von 20 Millionen Euro aus, die Siemens-Manager im Ausland als Schmiergeld eingesetzt haben sollen, um an lukrative Aufträge zu kommen. Anders lautende Medienberichte, in denen der Schaden auf mehr als 100 Millionen Euro beziffert wird, nannte der Sprecher "Spekulation".

Der Untreueverdacht richtet sich einem Siemens-Sprecher zufolge gegen zehn ehemalige und aktive Siemens-Mitarbeiter sowie zwei Angehörige aus deren persönlichem Umfeld. Beschuldigt sind nach Angaben der Staatsanwaltschaft auch zwei Bereichsvorstände der Kommunikationssparte (Com). Die veruntreuten Summen sollen bereits ab 2002 durch die beschuldigten Com-Mitarbeiter an Drittfirmen im Ausland "ausgeschleust" worden sein.

Chefs seit langem informiert

Der Konzern bestätigte unterdessen, dass die Führungsspitze über die Unregelmäßigkeiten seit langem informiert gewesen sei. "Wir wissen seit dem vergangenen Jahr, dass es ein strafrechtliches Verfahren in der Schweiz gibt", sagte ein Sprecher. Dabei sei es um den Verdacht der Geldwäsche gegangen. Eine daraufhin eingeleitete unternehmensinterne Untersuchung sei noch nicht abgeschlossen. Deutsche Behörden seien über die Ermittlungen in der Schweiz nicht informiert worden.

Überrascht vom Ausmaß der Affäre zeigte sich der stellvertretende Vorsitzende von Transparency International Deutschland, Peter von Blomberg. Angesichts der Vorwürfe, dass sogar Bereichsvorstände involviert sein sollen, sei die Affäre womöglich von außergewöhnlicher Dimension. Schließlich habe der frühere Vorstandschef Heinrich von Pierer selbst eine Anti-Korruptionspolitik in dem Konzern erst eingeführt.

Alles nur schöner Schein?

"Jetzt stellt sich die Frage, ob das überhaupt ernst genommen worden ist oder ob es nur darum ging, den schönen Schein zu wahren", sagte Blomberg. "Insofern könnte es sich hier um einen sehr gravierenden, nicht alltäglichen Fall handeln." Erfreulich sei allerdings, dass die Vorgänge bei Siemens jetzt ans Licht gekommen seien. "Vielleicht führt das dazu, dass die Firmen in Zukunft sensibler mit dem Thema umgehen", sagte Blomberg.

Vergangene Woche hatte die Staatsanwaltschaft München 30 Büros und Privatwohnungen von Siemens-Mitarbeitern durchsucht. Bislang wurden nach Angaben der Staatsanwaltschaft fünf Beschuldigte verhaftet, gegen sieben weitere wird ermittelt. Unter den Verdächtigen sind auch zwei hochrangige Siemens-Manager. Einer hat inzwischen einen anderen Arbeitgeber, der andere ist Geschäftsführer einer Siemens-Tochter.

Siemens plant nun Anlaufstelle für anonyme Anzeigen

Siemens hatte am Freitag erste Konsequenzen gezogen und kündigte an, die internen Kontrollsysteme auf Lücken zu überprüfen und die Stelle eines Ombudsmanns einzurichten. Damit wurde eine externe Anlaufstelle geschaffen, an die sich Mitarbeiter auch anonym wenden können. Andere Unternehmen haben mit dieser Institution gute Erfahrungen gemacht.

Alexandra Burck/DDP / DDP