HOME

Siemens: "Es geht um den Ruf des Hauses"

Die Korruptionsaffäre bei Siemens nimmt immer drastischere Formen an. Zweifelhaften Zahlungen in Höhe von 420 Millionen Euro sind aufgetaucht, die Bilanz musste nach unten korrigiert werden. Nicht bezifferbar ist jedoch der Imageschaden.

Heinrich von Pierer ist sauer. "Ich will diese Untreue - und Korruptionsgeschichte nicht herunterspielen", sagte der Siemens-Aufsichtsratschef am Dienstag in München. "Mich ärgerst zutiefst, was da passiert ist." Und dann ging er zum Angriff über. "Eine Gruppe von Mitarbeitern hat sich zusammengeschlossen, um alle Sicherungen außer Kraft zu setzen", sagte Pierer. Ein kaufmännischer Leiter, ein Vertriebschef, ein Leiter des Rechnungswesens und ein Leiter der Revision in der Telekommunikationssparte hätten ihre Position und die dezentrale Organisation des Konzerns ausgenutzt.

Dubiose Zahlungen in Höhe von 420 Millionen Euro habe Siemens bei internen Prüfungen inzwischen entdeckt. "Die Belege sehen aus, als wären sie in Ordnung", sagte Finanzvorstand Joe Kaeser. Meist gehe es um Beraterverträge. Aber allesamt seien es Zahlungen, "wo zweifelhaft ist, ob sie steuerlich absetzbar sind". Deshalb zahlt Siemens jetzt 168 Millionen Euro Steuern nach und korrigiert seine Bilanz für das vergangene Jahr entsprechend. Der Gewinn sinkt auf 3,033 Milliarden Euro.

Maßnahmen gegen Korruption haben versagt

Dabei war Pierer bisher stolz gewesen auf die Regeln und Vorkehrungen gegen Korruption, die er als Vorstandschef von 1992 bis 2005 eingeführt hatte. Alle Mitarbeiter hätten gewusst, dass Schmiergeld verboten sei. Jeder leitende Mitarbeiter habe das regelmäßig unterschreiben müssen. Siemens habe ein Netz von 885 Compliance-Beauftragten aufgebaut und Transparency international geholfen, in Deutschland Fuß zu fassen, sagte Pierer. "Man muss heute sagen: Offenbar hat das nicht gereicht", sagte Vorstandschef Klaus Kleinfeld.

Bei Milliardenumsätzen, bei 9 Millionen Buchungen jeden Tag könnten Sicherungen überlistet werden, "wenn sich Leute zusammentun, die das Kontrollsystem sehr gut kennen. Das ist offenbar hier passiert." Dass in bestimmten Teilen der Welt Schmiergeld üblich sei, ließ Kleinfeld nicht gelten. Siemens könne im Wettbewerb mit seinen Leistungen bestehen, sagte Kleinfeld und betonte das Eigeninteresse der Täter: "Bei solchen Projekten fällt immer mal wieder etwas vom Fahrzeug herunter, das man dann selbst behält." Warum Siemens nicht schon nach den ersten Hinweisen und Anfragen aus dem Ausland zum eisernen Besen griff, ließen Pierer und Kleinfeld offen.

Radikale Schritte nach US-Vorgaben

Jetzt aber sind sie offensichtlich wild entschlossen, auszumisten. "Es geht um den Ruf des Hauses. Wir werden keine Kompromisse machen", sagte Kleinfeld. Die US-Börsenaufsicht SEC und die US-Justizbehörden wünschten eine umfassende externe Kontrolle, und Siemens folgte sofort: Die US-Anwaltskanzlei Debevoise werde die Vorgänge in der Com-Sparte aufklären und "schauen, ob in anderen Bereichen und Regionen ähnliche Vorgänge passiert sind", sagte der Konzernchef. Der Transparency-Gründer Michael Hershman soll als Berater helfen, die Lücken zu schließen. Und der Stuttgarter Oberstaatsanwalt Daniel Noa führt ab Januar die Anti-Korruptions-Abteilung bei Siemens.

Forderungen von Wirtschaftsprofessoren, Pierer solle wegen eines Interessenkonflikts vom Aufsichtsratsvorsitz zurücktreten, lehnte der 65-Jährige ab. Wenn er seine Aufgabe halbherzig erfüllen würde, müsste man darüber nachdenken. Aber er sei entschlossen, "diesem Spuk der Korruption bei uns ein Ende zu machen".

Roland Losch/AP / AP