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Rohstoffschwund: Wenn ganze Strände geklaut werden - weil der Erde der Sand ausgeht

Man kann sich an Stränden aalen, daraus Häuser bauen oder für Kosmetika und Handys benutzen: Sand ist überall - und geht doch langsam zur Neige. Selbst alle Wüsten der Welt helfen nicht mehr.

Jamaika, Strand Sand

Jamaika, Strand - und Sand soweit das Auge reicht

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"Wie Sand am Meer" gilt bald vielleicht nicht mehr. 2008 zum Beispiel verschwand auf Jamaika über Nacht der 400 Meter lange Strand von Coral Spring spurlos. Die Täter transportierten unbemerkt ganze 500 weiß-pudrige Lkw-Ladungen ab. Gefasst wurden sie nie, die Ermittlungen blieben ergebnislos. Medien spekulierten damals, der Sand sei entweder zur Aufschüttung eines anderen Strandes benutzt oder in der Bauindustrie verwendet worden. Ohne Zweifel war der Raub ein lukratives Geschäft – denn die ist begehrt wie Gold.

Sandschwund - eine drohende Tragödie

Die Nachfrage nach Sand und Kies ist so dramatisch gestiegen, dass Experten mittlerweile Alarm schlagen: "Sand ist die Grundlage unserer modernen Gesellschaft", sagt Aurora Torres, Wissenschaftlerin am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv). Ihre Forschungsergebnisse zu den Auswirkungen von Sandgewinnung auf die Ökosysteme sind im vergangenen Jahr im Magazin "Science" erschienen. Torres glaubt, dass die meisten Menschen sich der "drohenden Tragödie", wie sie es nennt, nicht bewusst sind. "Bei den Bürgern wird das Thema noch kaum beachtet, aber es hat in den vergangenen Jahren zunehmend die Aufmerksamkeit internationaler Organisationen auf sich gezogen."

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Das Leben der Menschheit sei buchstäblich auf Sand gebaut, sagt die Expertin. Mittlerweile sind die Quarzkörnchen gleich nach Wasser zum weltweit am meisten konsumierten natürlichen Rohstoff mutiert. Denn Sand steckt nicht nur in Häusern, sondern so ziemlich in allem, von Glas über Asphalt bis zu Kosmetika, Zahnpasta, Mikrochips, Smartphone-Bildschirmen, Autos und Flugzeugen. Das aus Sand gewonnene Siliciumdioxid (SiO2) wird auch in der Weinindustrie und vielen Lebensmitteln verwendet.

Jeder Mensch verbraucht 18 Kilo Sand pro Tag

"Die Masse an Sand, die gebraucht wird, hat sich in den vergangenen 20 Jahren verdreifacht", sagt Pascal Peduzzi vom UN-Umweltprogramm. "Wir schätzen den derzeitigen Verbrauch auf 50 Milliarden Tonnen pro Jahr – das sind 18 Kilogramm täglich für jeden Einwohner der Erde." ein Einfamilienhaus werden Schätzungen zufolge 200 Tonnen gebraucht. Allein mit dem Jahresverbrauch des Bausektors "könnte man eine 27 Meter hohe und 27 Meter breite Mauer rund um den Äquator aufschütten", so Peduzzi.

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Leider aber ist es so, dass nicht genug von dem Rohstoff herumliegt – auch nicht in den Wüsten. Denn Wüstensand ist für die Herstellung von Beton nicht geeignet. Die Körner sind zu glatt und rund geschliffen, dass sie sich kaum verhaken können und nicht haften. Deshalb nutzt den Scheichs auch aller Sand der umliegenden Wüste nichts, wenn sie etwa in Dubai und Abu Dhabi ihre ehrgeizigen Megaprojekte in Auftrag geben. Für den 828-Meter-Turm Burj Khalifa etwa mussten riesige Mengen des Rohstoffs aus dem weit entfernten Australien importiert werden.

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Zur Sandgewinnung werden riesige Schwimmbagger eingesetzt, die Tonne um Tonne vom Meeresgrund, aber auch aus Seen oder Flüssen abtragen. Die Folgen für die empfindlichen Ökosysteme sind oft verheerend. Flussbetten sinken ab, Küsten erodieren, die Fauna in den Ozeanen wird zerstört, ganze Inseln verschwinden. Schutzmechanismen, die eigentlich Stürme und Tsunamis abhalten, werden außer Kraft gesetzt. Auch in Europa: Die Strände der Kanarischen Inseln etwa überleben heutzutage durch Sandimporte aus der West-Sahara.

Viele Länder vor allem in Südostasien haben den Export von Sand mittlerweile verboten. Jedoch wird weiter mit dem Rohstoff gehandelt - nur eben illegal. Die so genannte "Sand-Mafia" operiere besonders erfolgreich in Indien, erklärt Aurora Torres. "Sie gilt dort als eine der gewalttätigsten und undurchdringlichsten Gruppen des organisierten Verbrechens."

Was tun gegen den Sandmangel?

Expertenteams arbeiten derweil an der Entwicklung von Alternativen. Baustoffrecycling und Forschungen dazu, Wüstensand für das Bauen nutzbar zu machen, gelten als vielversprechend. Aber das Problem ist komplex, vielschichtig und noch relativ neu. "Sand ist ein ganz besonderes Material, das immer in Hülle und Fülle vorhanden und extrem billig war", sagt Aurora Torres. Das hat sich eben geändert und bisher "hat noch niemand eine Lösung gefunden, die den riesigen Hunger nach Sand stillen könnte."

nik/DPA
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