Tanktourismus Mit dem Kanister im Kofferraum


Der hohe Spritpreis lässt den Tanktourismus blühen. Wer grenznah wohnt, nutzt die Möglichkeit zur "Benzinflucht" und tankt in Deutschland nur noch das Nötigste. Die Folge: Während tschechische Tankstellen florieren, veröden sie auf deutscher Seite.

Zufrieden beobachtet der gut gekleidete Geschäftsmann aus Selb die Anzeige der Zapfsäule. Wenn der Tank seiner großmotorigen Limousine voll ist, muss er dort rund 30 Euro weniger zahlen als im nur wenige Kilometer entfernten Deutschland. Ein Faktor, der sich für ihn als Vielfahrer rechnet, wie er sagt. Er tanke nur noch im Notfall in Deutschland und meist gerade so viel, dass er wieder bis nach Tschechien fahren könne, um dort erneut aufzutanken. Bei den steigenden Spritpreisen bliebe ihm gar nichts anderes übrig. 1,05 Euro kostet hier der Liter Superbenzin. Aktuell ist das im Durchschnitt 34 Cent weniger als an deutschen Tankstellen.

Lange Schlangen an tschechischen Zapfsäulen

Mit den rasant steigenden Spritpreisen in Deutschland erlebt der ohnehin schon florierende Tanktourismus im deutsch-tschechischen Grenzgebiet derzeit einen regelrechten Boom. Während Tankstellen auf der deutsche Seiten der Grenze immer mehr verwaisen, bilden sich vor tschechischen Zapfsäulen lange Schlangen der Tanktouristen. Allein in der Grenzstadt Selb sind von ehemals 14 Tankstellen noch vier übrig. Nach Angabe des Bundesverbandes Freier Tankstellen stehen mehr als 500 Stationen in den Grenzregionen kurz vor dem aus. Viele betroffenen Tankstellenbetreiber hoffen deshalb auf eine baldige Harmonisierung der Kraftstoffsteuern innerhalb der EU.

Zu den regelmäßigen Tanktourristen gehört auch Frank S. aus Plauen. "Autofahren ist Luxus geworden", erregt sich der Vogtländer. "Und das in einer Ecke Deutschlands, wo beinahe jeder Zweite beruflich pendeln muss." Bereitwillig öffnet er den Kofferraum seines Golfs. Acht Benzinkanister stehen darin aufgereiht. Jeden einzelnen hat der 30-jährige mit dem Billigsprit gefüllt.

Nur 20 Liter dürfen eingeführt werden

Rechtlich gesehen bewege er sich da allerdings auf dünnem Eis, betont ein Sprecher der Oberfinanzdirektion Nürnberg. Aus Tschechien dürfte ebenso wie aus Österreich nur ein Kanister mit exakt 20 Litern eingeführt werden. Und auch in Deutschland könne er damit Probleme bekommen. Wenn es nach Auskunft der Verkehrspolizei erlaubt sei, 85 Liter Benzin zu transportieren, gelagert werden dürften in der heimischen Garade nur 20 Liter.

Geschäftsleute, Rentner und Studenten - der kurze Weg über die Grenze lockt viele regelmäßig zum Tanken nach Tschechien. Eine beliebte Tankstelle unter deutschen Tanktouristen ist die in Hazlov, nur wenige Kilometer jenseits des Grenzübergangs Selb/Asch. Täglich liefert ein Tanklastzug 40 000 Liter Benzin und Diesel dorthin. Nicht selten stehen die Wartenden auf beiden Seiten der Straße kilometerweit an, um tanken zu können. Tschechen würden hier schon lange keinen Sprit mehr kaufen, gibt die Angestellte Svetlana zu. Die Anzeige an den Tanksäulen zeigt den Benzinpreis in Euro an. Nach einer aktuellen Studie der Universität Leipzig, kostet den Fiskus das Tankverhalten deutscher Autofahrer aus den Grenzregionen jährlich mehr als 2,7 Milliarden Euro.

Deutsche Ausfälle kaum zu kompensieren

Von so viel Umsatz, wie in Hazlov können die Tankstellen in der nur sechs Kilometer entfernten Porzellanstadt Selb in Oberfranken nur träumen. Seit 30 Jahren besitzt Hermann Hauswurz eine Freie Tankstelle mit angeschlossener Autowerkstatt. Seit der Einführung der Ökosteuer sei der Umsatz um 70 Prozent zurückgegangen. Nun hofft der 62-jährige, dass die steigenden Rohölpreise ihm nicht noch mehr Verlust bescheren. Einziges Glück sei, dass seine Tankstelle eine Institution in Selb sei. Die Rückgänge würde er durch Einnahmen seiner Autowerkstatt ausgleichen. Vor einigen Jahren wollte er seine Tankstelle dennoch schließen. Da seien seine Kunden auf die Barrikaden gegangen, schmunzelt er. Im gleichen Moment begrüßt er den Eismann, der gerade seinen Kleinbus voll tankt - einer seiner letzten treuen Kunden.

Ulrike Siebenhaar/DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker