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Größte Tankstelle Europas: Der Lockruf des Billig-Benzins

Nirgends ist der Sprit so günstig wie in Luxemburg, täglich strömen tausende Ausländer in das Großherzogtum, um billig zu tanken. Doch der Sprit-Tourismus schadet nicht nur der deutschen Wirtschaft, sondern birgt auch ein Sicherheitsrisiko.

Von Albert Eikenaar

Es piepst, knirscht und zischt als Georg Brehm, 32, seinen bulligen Volvo-LKW an die Zapfsäule der Shellstation im Luxemburger Grenzstädtchen Martelange manövriert. Dann lässt er es laufen - in seine Tanks und Kanister passen über 1200 Litern Diesel. Zwar ist er mit seiner Fracht auf dem Weg von Köln via Frankfurt zum Bestimmungsort Wien, aber sein Chef verdonnerte ihn dazu, das erste Stück der A3 zu meiden. Er sollte einen Schlenker ins Luxemburger Sprit-Paradies machen.

Umweg lohnt sich

Nachdem Brehm seinen Brummi am 16. Juli vollgetankt hatte, rechnete er 1225 Liter zu 0,94 Euro ab. Das macht 1151 Euro. In Deutschland hätte er zu diesem Zeitpunkt für die gleiche Menge 1433 Euro blechen müssen. Ersparnis, abgerundet: 280 Euro. Brehms Speditionsfirma ist ständig mit insgesamt 40 LKWs auf Europas Straßen. Alle Fahrer sind angewiesen, in Luxemburg ihren Dieselvorrat anzufüllen, wenn sie auf der Nord-Süd-Route unterwegs sind. Der Umweg lohnt sich immer. Sogar wenn dieser ein paar hundert Kilometer wäre. Hochgerechnet spart das Kölner Transportunternehmen eine gute halbe Million Euro pro Jahr, wenn alle Trucker einmal die Woche in Luxemburg auftanken.

Doch nicht nicht nur die Profis in den großen Lastern profitieren. Auch für PKW-Fahrer lohnt sich ein Luxemburger "Pitstopp", denn das Superbenzin ist ebenfalls wesentlich günstiger. Der Grund: Der Luxemburger Fiskus besteuert Mineralöl weit geringer als der deutsche. Im Großherzogtum sind nur 20 Eurocent pro Liter Super fällig.

Billig-Benzin lockt Sprit-Touristen

Wegen dieses Preisvorteils machen auch die Tanktouristen aus Norddeutschland, Dänemark oder den Niederlanden einen Schlenker an die Luxemburger Tankstellen, wenn sie nach Süden fahren. Vor allem jetzt im Urlaubsreiseverkehr. Längere Wartezeiten nehmen die Touristen gerne in Kauf. Schließlich lohnt nicht nur der Treibstoff. Es locken billige Tabakwaren, Kaffee und Spirituosen, ein Riesenangebot für Schnäppchenjäger, die mit ihrer Einkaufswut oft EU-Bestimmungen überschreiten und gefährlich vollgeladen nach Hause fahren - oder ans Urlaubsziel. Zollkontrollen existieren kaum. Das Abfüllen von Reservebehältern ist gang und gäbe. Das Hamstern gilt eher als Hobby, nicht als Sünde.

Das kleine Großherzogtum sahnt trotz der Billigtarife für den Sprit kräftig ab. In Wasserbillig (bei Trier) steht die größte Zapfstelle Europas. Diese und noch 230 weitere Tankstationen zahlen 10 Prozent der gesamten Luxemburger Steuereinnahmen in die Staatskasse. Diese 10 Prozent werden zum größten Teil von ausländischen Transitfahrern und den Einwohnern der Grenzgebiete beigetragen. Für die eigenen Bürger würden nur 50 Tankstellen ausreichen.

Luxemburg braucht die Tank-Touris

Der Benzintourismus ist Deutschland ein Dorn im Auge, weil die Steuern, die in die Luxemburger Wirtschaft fließen, dem deutschen Finanzminister entgehen. Deutschland fordert die EU-Kommission deswegen auf, die "unehrliche" Preisdifferenz allmählich abzubauen. Die Verhandlungen über die "Harmonisierung" laufen inzwischen, sie können bis 2014 dauern. Obwohl Luxemburg Verständnis für die Klage aus Berlin und Brüssel zeigt, wird die Regierung von Jean-Claude Juncker nicht einfach so klein beigeben. Erstens weil man mit den Spritsteuern das Luxemburger Sozialsystem finanziert, andererseits weil es ums Prinzip geht.

Es war immer schon Luxemburger Politik, Niedrigstpreise zu haben und billiger zu sein als die Anrainerstaaten. Das Land zählt kaum 400.000 Einwohner, die nicht in der Lage sind, all die Lasten des Staatshaushaltes zu tragen. Deswegen lockt Luxemburg Fremde ins Land, die dort dann ihre Geldbörsen zücken, sei es, um Billigware zu kaufen oder um ein Bankgeschäft abzuschließen. "Wo Menschen reisen, da rollt eben der Rubel. Das Gerede über Tanktourismus ist maßlos übertrieben", meint Jeannot Belling, Bürgermeister von Remich, eine de Grenzgemeinden, die täglich von 'zigtausend Autos überschwemmt wird und wo der Dieselgeruch und der Feinstaub die Luft verpesten. "Das beeinträchtigt die Lebensqualität", sagte ein Sprecher zu stern.de. "Wir sind dabei, alle Vor- und Nachteile gegeneinander abzuwägen. Danach werden wir sehen, wie weit wir den Brüsseler Wünschen entgegen kommen. Wir hoffen auf einen Ausgleich. Obstruktion unsererseits wird es nicht geben."

Ältere Politiker in Luxemburg weisen unterdessen auf ein schmerzliches Sicherheitsproblem hin. In Martelange und Wasserbillig, den zwei Hochburgen des Billigbenzins, liegen über 20 Tankstellen an einer Spritmeile von höchstens einem Kilometer Länge. Feuerwehr und Polizei seien nicht ausreichend ausgerüstet, sollte es dort mal funken, sagt ein christdemokratischer Abgeordneter, der sich noch an die Katastrophe von Martelange erinnert, am 21. August 1967, vor genau 40 Jahren.

Wappnen für den Großunfall

An jenem Tag raste ein mit Flüssiggas beladener Tankwagen gegen einen Brückenpfeiler, kippte um und explodierte: 22 Tote, 120 Verletzte. Ein dutzend Häuser und Gebäude brannten ab. Eine der Tankstellen, die es damals schon gab, wurde von der Wucht der Explosion hinweg gefegt. Martelange sah aus wie nach einem Bombenangriff. Der Politiker: "So etwas darf nie wieder passieren. Aber ich weiß nicht, ob wir für so ein Drama gewappnet sind. Also sollten wir gut über die Sachlage nachdenken und nicht allein das große Geld vor Augen haben."