HOME

Terminalchef Peters: "Wir erleben eine historische Zäsur"

Die HHLA ist der größte Hafenbetreiber Hamburgs. Im Interview erzählt Vorstand Klaus-Dieter Peters, wie stark die Krise dem Unternehmen zusetzt, warum dennoch Leute eingestellt werden und warum die Lage Hamburgs ein ökologischer Vorteil ist.

Herr Peters, die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) ist der größte Hafenbetreiber in Hamburg. Ihr Unternehmen schlägt rund sieben Millionen Container im Jahr um. Welches Verhältnis haben Sie zum Container?
Natürlich ein sehr inniges. Ohne ihn wäre die Globalisierung, so wie wir sie heute kennen, nicht möglich. Der Container hat die Transportkosten dramatisch verbilligt und damit erst die Voraussetzungen für weltweite Produktionsnetzwerke geschaffen. Ich bin sicher, dass der Container auch weiterhin den Welthandel treiben und Motor der Globalisierung sein wird.

Nun ist der Containerumsatz binnen eines Jahres bei Ihnen um ein Drittel eingebrochen. Haben Sie einen solchen Abwärtsstrudel schon einmal erlebt?
Nein. Seit den 60er Jahren, also seit der Einführung des Containers, ist der Umschlag zum ersten Mal überhaupt rückläufig. Selbst in früheren Krisen- und Rezessionszeiten haben wir stets ein moderates Wachstum oder schlimmstenfalls einen Stillstand erlebt. Wir erleben derzeit eine historische Zäsur.

Und Hamburg mit dem zweitgrößten Hafen Europas ist mittendrin in Auge des Sturms?
Grundsätzlich trifft die Krise alle Häfen weltweit, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Die chinesischen Häfen exportieren etwa 20 Prozent weniger, die russischen Häfen liegen dagegen bei einem Minus in Höhe von bis zu 50 Prozent. Hamburg hat auch als Europas wichtigste Logistikdrehscheibe für Fernost und Osteuropa in den vergangenen zehn Jahren überdurchschnittliche Zuwachsraten verzeichnen können. Jetzt in der Krise sind die Einbrüche in den Verkehren gerade mit diesen Wirtschaftsregionen allerdings besonders stark. Darunter leiden wir heute.

Die HHLA schlägt mehr als zwei Drittel aller Waren in Hamburg um. Wie ist die Lage bei Ihnen?
Seit dem letzten Quartal des Jahres 2008 gehen unsere Mengen, übrigens auch in anderen Bereichen wie beim Massengut oder unseren Eisenbahnverkehren, deutlich zurück. Mittlerweile stabilisieren sie sich, wenn auch auf niedrigem Niveau. Wir gehen aber davon aus, dass das Schlimmste überstanden ist. Eine verlässliche Prognose für die Zukunft kann ich aber noch nicht geben. Das hängt von volkswirtschaftlichen Faktoren ab, die wir nicht beeinflussen können.

Sie hatten ursprünglich geplant, bis 2012 1,2 Milliarden Euro in den Ausbau Ihrer Terminals zu investieren. Was wird daraus?
Richtig, die Kapazitäten unserer Containerterminals in Hamburg wollen wir verdoppeln - auf den bestehenden Flächen. Dabei hilft uns die technologische Spitzenposition, die wir mit unserem weitgehend automatisierten Terminal in Altenwerder innehaben, unserer jüngsten und modernsten Anlage. Angesichts der Krise haben wir jetzt unser Ausbautempo gedrosselt. Fürs Erste werden wir die Hälfte der ursprünglich geplanten Summe investieren, vor allem in Effizienzsteigerung. So stellen wir beispielsweise unsere Anlagen mit größeren und leistungsfähigeren Containerbrücken auf die immer größeren Schiffe ein. Wir können aber, wenn die Nachfrage nach Transportleistungen anzieht, das Ausbautempo wieder beschleunigen. Dabei gehen wir davon aus, dass wir unsere Marktanteile bei einer Wiederbelebung des Warenverkehrs halten und ausbauen können.

Was bedeutet die Automatisierung der Terminals für die Arbeitsplätze im Hafen?
Sie werden sicher und zukunftsfähig. In den vergangenen Jahren haben wir in unserem Konzern über 1.000 neue Arbeitsplätze geschaffen, davon allein über 500 auf unserem Container Terminal Altenwerder. Was sich ändert sind die Anforderungen an die Mitarbeiter. Es geht heute immer weniger um Muskelkraft, sondern vor allem um die intelligente Steuerung hoch komplexer Geräte und Anlagen. Dafür haben wir zuletzt vermehrt Mechatroniker, IT-Fachleute und Ingenieure eingestellt. Die aktuelle Krise nutzen wir, um mit einer Qualifizierungsoffensive in Verbindung mit Kurzarbeit viele unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiterzubilden und für die Herausforderungen der Zukunft fit zu machen.

Was sagen Sie zu den Stimmen, die behaupten, die geografische Lage könnte in Zukunft zum Nachteil für den Hafenstandort Hamburg werden.
Gerade die Tatsache, dass Hamburg 100 Kilometer im Landesinneren liegt, ist wirtschaftlich ein großer Vorteil, aber auch ökologisch, da Energie und Treibhausgasemissionen durch die Transporteffizienz der großen Containerschiffe eingespart werden. Nehmen Sie als Beispiel einen Container, der von Shanghai nach Prag muss. Der Schifftransport macht 97 Prozent der gesamten Strecke aus. Die Strecke Hamburg - Prag also drei Prozent. Aber dieser kleine Rest entspricht etwa 30 Prozent der gesamten Transportkosten. Das zeigt, wie günstig es ist, Container über 100 Kilometer die Elbe herauf zu befördern, um so Transportkosten auf dem Landweg Richtung Osteuropa einzusparen. Darüber hinaus wird vor allem die Straßeninfrastruktur entlastet. Ein Schiff mit 8.000 Containern transportiert eine Ladungsmenge, für die man zu Land mehr als 6.000 LKW benötigt. Deshalb ist die geplante Fahrrinnenvertiefung der Elbe auch so wichtig, die wir dringend für die großen Schiffe benötigen, die sich mehr und mehr zu den Lasteseln der globalen Arbeitsteilung entwickeln. Weitere Verzögerungen schaden nicht nur dem Standort Hamburg, sondern sind auch kontraproduktiv für den Klimaschutz.

Trotz der Krise und trotz des dramatisch einbrechenden Containerumschlags planen Sie dieses Jahr mit schwarzen Zahlen. Wie passt das zusammen?
In den letzten Jahren hat sich unser Geschäftsmodell mit Containerumschlag, Transport ins Hinterland und ergänzenden logistischen Dienstleistungen als sehr erfolgreich erwiesen. Wir haben großen Wert auf eine solide Bilanzstruktur und eine stabile Ertragsentwicklung gelegt, nicht zuletzt auch, um unsere Zukunftsinvestitionen sicher finanzieren zu können. Dies kommt uns jetzt und unseren Reederkunden zukünftig zugute, damit die Häfen nicht zu Flaschenhälsen werden. Auf die Wirtschaftskrise haben wir schnell und konsequent mit einem umfassenden Maßnahmenprogramm reagiert. Wir haben unsere Kosten deutlich gesenkt, unser Investitionsprogramm angepasst und kombinieren mit großem Zuspruch unserer Mitarbeiter Kurzarbeit mit Qualifizierung. Unser Ziel ist es, die HHLA stabil durch die Krise zu führen und dabei den nächsten Aufschwung im Blick zu behalten.

Niels Kruse
Themen in diesem Artikel