HOME

Wirbel um Sparkassen: Eine alte Institution steht im Visier

Eher harmlos sieht sie aus, die typische deutsche Sparkasse. Doch nachdem die EU kürzlich das "Ende des Sparkassen-Schutzes" forderte, könnte man meinen, von ihnen ginge eine Bedrohung für ganz Europa aus.

Topfpflanzen, ein etwas abgewetzter Teppich und Bankangestellte, die vielleicht nicht die teuersten Anzüge tragen, aber hinter ihren Schaltern geduldig auf Kunden warten - vom Azubi bis zur Oma. Die Schlagzeilen der vergangenen Tage, in denen die EU "ultimativ das Ende des Sparkassen-Schutzes" fordert, erwecken allerdings eher den Eindruck, als ob von diesen Kreditinstituten in der deutschen Provinz eine Bedrohung für ganz Europa ausginge.

In vielen Ländern daheim

Sparkassen gibt es (oder gab es) in vielen Ländern. Kommunen gründeten in den vergangenen Jahrhunderten ihre eigenen Banken, um der ärmeren Bevölkerung dabei zu helfen, eigene Rücklagen aufzubauen, und im Zuge der Industrialisierung mittelständische Unternehmen vor Ort mit dringend benötigten Krediten zu versorgen. Den Sparkassen standen mancherorts privatwirtschaftliche Genossenschaften zur Seite, die sich ähnliche Ziele gesetzt hatten: die heutigen Volks- und Raiffeisenbanken. In Deutschland - lange Zeit eine Ansammlung von Kleinstaaten - erwies sich dieses "Regionalprinzip" als besonders beliebt.

In den vergangenen beiden Jahrzehnten setzte sich dann in großen Teilen der westlichen Welt die Meinung durch, dass der Staat sich aus dem immer globaler werdenden Finanzsektor besser heraushalten sollte, damit die Banken flexibler und effizienter wirtschaften könnten. In vielen europäischen Ländern wurden Sparkassen entweder abgeschafft oder in private Rechtsformen umgewandelt, dann mit "normalen" Kreditinstituten fusioniert und sogar international ausgerichtet. Die italienische UniCredit, inzwischen der Mutterkonzern der Münchner HypoVereinsbank, ist dafür ein Beispiel: Sie ist unter anderem aus einstigen Sparkassen hervorgegangen. Als einziges großes Land trotzt bisher Deutschland diesem Trend.

Sparkassen arbeiten profitabler

Die deutschen Sparkassen wehren sich schon aus Selbstschutz gegen jeden Versuch, sie anders zu behandeln oder gar aufzulösen - sei es die einseitige Änderung von Sparkassengesetzen durch Landespolitiker wie in Hessen oder die Forderung der EU-Kommission, dass der Name "Sparkasse" auch von Banken benutzt werden darf. Unterstützung erhalten die Kreditinstitute auch aus der Wissenschaft.

So hat der Finanzwissenschaftler Reinhard Schmidt, Professor an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt, herausgefunden, dass Sparkassen über einen längeren Zeitraum betrachtet profitabler und kostengünstiger als ihre Konkurrenten arbeiten: "Sie haben sich als einzige nicht auf die Schalmeienklänge des Investmentbanking eingelassen." Anders ausgedrückt: Sparkassen sind zwar etwas langweilig, aber meist eben auch solide.

Die wertvollste Marke

Der Streit um den Namen mag denjenigen, die beim Wort "Sparkasse" zuerst an abgewetzte Teppiche denken, reichlich übertrieben erscheinen. Tatsächlich zählt die Bezeichnung zu den wertvollsten Marken, die es in Deutschland gibt. Und das Sparkassen-Lager will wie bei allen anderen Angriffen auf die eigene Unabhängigkeit keinesfalls einen Dammbruch riskieren. Daher erhitzt die Auseinandersetzung mit Brüssel auch so viele Gemüter.

In der Praxis haben sich Sparkassen und private Banken in den vergangenen Jahren immer mehr angenähert: Früher war es unvorstellbar, dass ein Direktor der Deutschen Bank in den Vorstand einer Kreissparkasse wechselte, heute nicht mehr. Seit einem Jahr sind auch die staatlichen Haftungsgarantien für Sparkassen weg gefallen. Höchste Zeit, das überkommene Modell ganz zu kippen, sagen die einen. Eine Chance, die traditionsreiche Idee der Gemeinwohlorientierung auch anderswo wieder auf die Tagesordnung zu setzen, sagen die anderen. In Albanien berät der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) beispielsweise die dortige Zentralbank, wie das Land nach schlechten Erfahrungen mit Privatbanken einen eigenen Sparkassensektor aufbauen könnte.

Alexander Missal/DPA / DPA
Themen in diesem Artikel