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Wirtschaftskrise: Zum Wachstum verdammt

Deutschland steckt in einer tiefen Krise: Die Wirtschaft schrumpft, die Arbeitslosigkeit steigt, die Zahl der Insolvenzen nimmt drastisch zu. Aber warum brauchen wir überhaupt Wachstum? Können wir nicht mit dem auskommen, was wir haben? Nein, meint Hubert Beyerle, und erklärt, warum schon ein Null-Wachstum eine Katastrophe darstellt.

Viele Volkswirtschaften der Welt machen dieses Jahr eine ganz neue Erfahrung: Voraussichtlich wird ihre Wirtschaftsleistung stärker schrumpfen als sie normalerweise wächst, in Deutschland wohl um drei Prozent - vielleicht sogar mehr. Die UN-Handelsorganisation prognostiziert, dass die Weltwirtschaft in diesem Jahr um ein Prozent oder mehr schrumpfen wird. Das hat es seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben.

"Na und?" könnte man fragen. Wirtschaftsleistung und Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland sind dann immer noch höher als 2006. Damals ging es den Deutschen ja auch nicht gerade schlecht. Doch das wäre naiv. Tatsächlich sind moderne Gesellschaften auf ständiges Wachstum angewiesen. Das Jahr 2009 muss eine Ausnahme bleiben, darauf bauen alle Konjunkturpakete und Bankenschutzschirme.

Der Schlüssel Produktivität

Eine Gesellschaft, die dauerhaft ohne Wachstum auskommen müsste, hätte an vielen Fronten gleichzeitig zu kämpfen. Vor allem würde die Arbeitslosigkeit steigen. Die so genannte Beschäftigungsschwelle gibt an, wie stark eine Volkswirtschaft wachsen muss, damit Arbeitsplätze entstehen. Sie lag zuletzt in Deutschland bei etwa 1,5 Prozent. Fällt sie darunter, steigt die Arbeitslosigkeit.

Warum ist das so? Es liegt vor allem am ständigen Produktivitätswachstum. Unternehmer können ihre Umsätze im Lauf der Zeit mit immer weniger Menschen erzielen. Ignorieren sie das, scheiden sie im Wettbewerb aus. Nur wenn sie ihre Umsätze steigern oder andere Unternehmen mit neuen Produkten auf den Markt kommen, gibt es Arbeit für die Arbeitslosen und Berufsanfänger.

Dieses Produktivitätswachstum gilt als die Schlüsselgröße der wirtschaftlichen Entwicklung. Der Wirtschafts-Nobelpreisträger Robert Solow glaubte, sie ist Folge wissenschaftlicher Erfindungen, die man politisch nicht steuern kann. Dass die USA seit Mitte der 90er Jahre wieder schneller gewachsen sind als in den Jahrzehnten davor, wurde bis vor kurzem mit der IT-Revolution erklärt. Seit der Finanzkrise hat diese Erklärung aber einen schweren Stand. Viel von dem höheren Wachstum der USA dürfte eine Art optische Täuschung gewesen sein.

Jeder Unternehmer braucht Geld

Noch etwas anderes hat die Finanzkrise gezeigt: Sich eine Wirtschaft ohne Geld, Banken und Kredite vorzustellen, wie es viele Ökonomen tun, führt nicht viel weiter. Jeder Unternehmer braucht, bevor er investiert, Geld - sei es als Kredit, oder als Ersparnis aus früheren Unternehmungen, wobei ganz am Anfang auch hier einmal ein Kredit stand. Für den Kredit verlangt die Bank einen Zins, sonst hat sie nichts davon. Einmal angenommen, ein Existenzgründer geht zu seiner Bank und leiht sich 100.000 Euro. Mitsamt Zins muss er nach einem Jahr 105.000 Euro zurückzahlen.

Mit dem Geld gründet er eine Werkstatt, um Reithosen zu nähen. Das Geld der Bank gibt er vollständig aus für Nähmaschinen, Leder und die Löhne der Näherinnen. Einmal angenommen, der Wirtschaftskreislauf besteht nur aus diesen Akteuren. Selbst wenn der Maschinenbauer, die Gerberei und die Näherinnen alles Geld, das sie von der Näherei erhalten haben, wieder für Reithosen ausgeben, kommt diese nicht auf ihre Kosten: Es fehlen ja noch 5000 Euro für den Zins.

Woher sollen diese 5000 Euro kommen? Im Kreislauf sind ja bislang nur die von der Bank bislang ausgegebenen 100.000 Euro. Frisches Geld kann nur von der Bank kommen. Das Ganze funktioniert also nur, wenn jemand in diesem Kreislauf in der Zwischenzeit einen neuen Kredit aufnimmt: Zum Beispiel investiert die Gerberei und nimmt dafür nun selbst einen Kredit auf. Jetzt ist neues Geld da, mit dem irgendjemand noch mehr Reithosen kaufen kann, sodass die Näherei beispielsweise 110.000 Euro erlöst, was ausreicht für Tilgung, Zins und Gewinn. Es ist also der Zins, der immer wieder neue Kredite erzwingt, und damit Geldschöpfung und Investitionen - also Wachstum.

Lesen Sie im zweiten Teil, was die derzeit niedrigen Zinsen bedeuten, was der sogenannte Tunneleffekt ist und warum Wachstum die weltweit Armut reduziert.

Am Zins hängt also alles

Am Zins hängt also alles. Der Zins ist tatsächlich eines der großen Rätsel der Ökonomie. Er kommt vor allem von der Ungeduld der Menschen her: Sie zahlen für ein Sixpack Bier ohne Wartezeit mehr als für eines in der Zukunft - Tankstellen und Spätverkaufskioske leben davon. Wer also sein Geld nicht sofort ausgibt, sondern über seine Bank einem Unternehmen gibt, damit mehr daraus wird, möchte in Zukunft auch mehr davon wieder sehen - den Zins. Gäbe es aber keine Aussicht auf Gewinn, würden Unternehmen auch keinen Zins zahlen. Solange riskante Investitionen Rendite abwerfen, kann es den Zins geben.

"Der Wachstumsprozess muss sich immer weiter fortsetzen, denn der Zuwachs an Produkten, der sich aus dem Zuwachs des Kapitals von heute ergibt, kann nur dann mit Gewinn verkauft werden, wenn die Unternehmen morgen das Kapital erhöhen", sagt Hans Christoph Binswanger, emeritierter Professor an der Hochschule St. Gallen, der lange über den Wachstumszwang geforscht hat. Sonst sinkt die Gewinnrate und damit die Bereitschaft von Banken und Aktionären, Kapital bereit zu stellen.

So lange der Zins nach Abzug der Inflation positiv ist, gibt es also eine Art von Wachstumszwang. Allerdings ist nicht klar, ob der Zins immer deutlich positiv bleiben muss. Der Ökonom John Maynard Keynes hat vor über 70 Jahren darüber spekuliert, dass er einmal auf ein sehr niedriges Niveau fallen könnte, weil das Angebot an Kapital grundsätzlich nicht begrenzt sei, wie etwa das von Boden oder Arbeit. Tatsächlich haben Zentralbanken und Investoren die Leit- und Kapitalmarktzinsen derzeit auf historische Tiefs getrieben. Auch nach Abzug der Inflation scheint der Trend langfristig nach unten zu gehen. Bedeutet das, dass auch das Wachstum langfristig verschwindet?

Der "Tunneleffekt"

Wie eine Gesellschaft ohne Wachstum aussehen würde, dazu reicht die Phantasie nicht aus. "Im Kapitalismus besteht der Wert einer Ware darin, dass sie mehr Geld einbringt als sie gekostet hat. Tut sie das nicht mehr, sackt ihr Wert in sich zusammen. Wenn das Wachstum einmal ausbleiben sollte, dann kollabiert der Kapitalismus als Wirtschaftssystem", sagt Wolfgang Streeck, Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. "Ob eine moderne Gesellschaft überhaupt jemals lernen kann, mit weniger Wachstum oder mit Stagnation zu funktionieren, das ist die Frage aller Fragen."

Noch funktioniere die Gesellschaft so, dass Jahr für Jahr mehr erwirtschaftet werden muss. Verteilungskonflikte würden durch Vorgriffe auf künftige Wirtschaftsleistungen entschärft: die Schulden des Staates wachsen von Jahr zu Jahr. Sollte das Wachstum einmal ganz ausbleiben, würden die Staatsschulden explodieren: die Quote schon rein rechnerisch, sowie die absolute Höhe der Schulden, weil der Staat die Nachfragelücke am Arbeitsmarkt füllen müsse, um die Erwartungen der Gesellschaft zu erfüllen.

Was in Deutschland gilt, gilt weltweit umso mehr. Eine Weltwirtschaft, die dauerhaft ohne Wachstum auskommen muss, würde Milliarden Menschen ins Elend stürzen. Fast weltweit hatte sich eben erst ein durch Globalisierung und hohes Wachstum beflügelter Optimismus verbreitet. Dessen beste Rechtfertigung war der Rückgang der Armut weltweit. Laut Berechnungen der Weltbank lebte weltweit 2005 jeder vierte in extremer Armut. 1981 war es noch jeder zweite - hauptsächlich ein Erfolg des asiatischen Wachstumswunders.

Die Hoffnung darauf, dass die Armut sinkt, ist wichtig für politische und soziale Stabilität auf der ganzen Welt. Der inzwischen 93jährige Ökonom Albert Hirschman hatte das einmal den "Tunneleffekt" genannt. Wer seine Nachbarn aufsteigen sehe, erwarte das Gleiche auch irgend wann für sich. "In der Erwartung, bald werde auch seine Stunde kommen, wird er sich eine Zeitlang über die Fortschritte der anderen freuen. Das macht ein Einkommensgefälle politisch tragbar", so Hirschman. Die Hoffnung, den eigenen Nachkommen werde es einmal besser gehen, ist millionenfache Motivation für Entbehrungen unbefriedigender und schlecht bezahlter Arbeit.

In der Standard-Wirtschaftswissenschaft gibt es noch ein ganz einfaches Argument für Wirtschaftswachstum: Die Menschen sind prinzipiell unersättlich. Die neuere, psychologisch angehauchte Ökonomie behauptet zudem, dass Verluste stärker schmerzen, als Gewinne beglücken. Selbst wenn, was unrealistisch ist, Wohlstandsverluste gleichmäßig verteilt werden könnten, würde die Unzufriedenheit bei längerem Minuswachstum gefährlich steigen. Es hat wohl noch keine Gesellschaft gegeben, die das längere Zeit friedlich verkraftet hat.

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