Zinspolitik Druck auf die EZB wächst


Schwimmen gegen den Strom: Noch schätzt die Europäische Zentralbank das Inflationsrisiko höher ein, als die Gefahr einer Abschwächung der Konjunktur. Den Leitzins ließ sie deshalb unverändert. Experten rechnen jedoch mit einer Zinssenkung im Laufe des Jahres.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Leitzins für die Euro-Zone nicht angetastet, die Tür für eine Lockerung jedoch einen kleinen Spalt weit geöffnet. Somit bleibt der Leitzins im Euroraum bei vier Prozent. Experten werteten Äußerungen von Notenbankchef Jean-Claude Trichet nach der Entscheidung vom Donnerstag als erste Hinweise auf mögliche Zinssenkungen im Jahresverlauf.

Trichet betonte auf einer Pressekonferenz in Frankfurt, dass die Risiken für die Konjunktur zuletzt gestiegen seien. "Obwohl die ökonomischen Fundamentaldaten gut sind, unterstreichen die einlaufenden Daten, dass für die wirtschaftliche Aktivität die Abwärtsrisiken überwiegen. Wir werden die Entwicklungen in den kommenden Wochen weiterhin sehr aufmerksam verfolgen." So zeige die Konjunktur keine größeren Ungleichgewichte, die Profitabilität sei nachhaltig und die Arbeitslosenrate auf den niedrigsten Stand seit 25 Jahren gefallen, sagte Trichet. Zu den Risiken für die Konjunktur in der Euro-Zone zählen laut Trichet vor allem die weiter angespannte Lage an den Finanzmärkten, die Entwicklung der Finanzierungs- und Kreditkonditionen, sowie die Entwicklung bei Rohstoff- und Ölpreisen. Eine Prognose, ob die Finanzkrise auch auf die reale Wirtschaft durchschlagen werde, sei derzeit mit "ungewöhnlich starker Unsicherheit" behaftet.

Nur Zinserhöhung oder -beibehaltung kam in Frage

Die Zinsentscheidung sei im EZB-Rat, in dem die sechs Direktoriumsmitglieder der Notenbank und die Notenbankchefs der derzeit 15 Euro-Länder sitzen, einstimmig getroffen worden. "Es gab keine Forderung, die Zinsen zu erhöhen oder zu senken." Noch im Januar hatte Trichet betont, dass der Rat lediglich über die Möglichkeit einer Zinserhöhung oder einer Beibehaltung des derzeitigen Leitzinsniveaus von vier Prozent diskutiert habe.

Ökonomen interpretierten Trichets Äußerungen als Hinweis darauf, dass die Zentralbank Schritt für Schritt von ihrer zuletzt harten Linie abrückt. "Die EZB bewegt sich, aber sehr langsam. Man merkt, dass sie unsicherer geworden sind, etwa wenn sie sagen, dass die Wachstumsrisiken 'ungewöhnlich' hoch seien. Aber solange Inflationsrisiken noch da sind, wird sich die EZB nur langsam bewegen", sagte Michael Schubert von der Commerzbank. "Aber sie bewegt sich weg von Zinserhöhungen zu Zinsstabilität oder -senkungen."

Preisstabilität bleibt größte Sorge

Rainer Sartoris von HSBC Trinkaus argumentierte ähnlich:" Es wird aber noch ein gutes Stück zu gehen sein, bevor man von einer Zinssenkung sprechen kann. Wir erwarten, dass es dazu im Juni kommen wird. Zur Jahresmitte wird für solch einen Schritt das Umfeld gegeben sein." Howard Archer von Global Insight erklärte: "Eine Zinserhöhung scheint nicht mehr auf der Agenda zu stehen." Am Devisenmarkt fiel der Euro zwischenzeitlich auf Werte unter 1,45 Dollar zurück. Händler begründeten dies mit ihrer Ansicht nach von Trichet geschürten Sorgen vor einem Abschwung in der Euro-Zone.

Eine der Hauptsorgen der EZB bleibt nach den Worten Trichets aber weiter die Preisstabilität in der Euro-Zone. Hier gebe es mittelfristig Aufwärtsrisiken. Besondere Aufmerksamkeit werde die EZB auch den anstehenden Lohnrunden widmen und versuchen, Lohn-Preis-Spiralen zu stoppen. "Wir bleiben verpflichtet, Zweitrundeneffekte zu verhindern", sagte Trichet. Die Teuerung in der Euro-Zone war zu Jahresbeginn auf 3,2 Prozent geklettert.

Geldpolitik könnte gelockert werden

Nach aggressiven Zinssenkungen durch die US-Notenbank Fed im Kampf gegen eine Rezession war dessen ungeachtet zuletzt auch der Druck auf die Währungshüter in Europa gestiegen. Unter anderem hatten zuletzt die europäischen Gewerkschaften von der EZB schnelle Zinssenkungen verlangt. Dennoch hatten zuletzt Ökonomen noch nicht mit einem solchen Schritt durch die EZB gerechnet. Allerdings erwarten immer mehr Experten, dass die Zentralbank in den kommenden Monaten ihre Geldpolitik lockern wird, um die Auswirkungen der globalen Finanzkrise auf die Wirtschaft in der Euro-Zone zu begrenzen.

So führt die Zentralbank ihre Politik der Liquiditätsspritzen fort: sie wolle zwei ihrer außerordentlichen Drei-Monats-Refinanzierungsgeschäfte im Volumen von jeweils 60 Milliarden Euro erneuern, teilte die Zentralbank mit. Diese sollen die am 23. November und 12. Dezember 2007 zugeteilten Tender ersetzen. Die EZB hatte den Finanzmärkten in einer konzertierten Aktion mehrerer Zentralbanken in mehreren Tranchen, sogenannten Tendern, zusätzliche Liquidität zur Verfügung gestellt, um eine Kreditklemme zu verhindern. Die neuen Tender sollen am 20. Februar und am 12. März 2008 zugeteilt werden.

Bank of England folgt Beispiel der Fed

Die Bank of England hatte am Mittag den Leitzins für Großbritannien um 25 Basispunkte auf 5,25 Prozent gesenkt und war damit dem Beispiel der Fed gefolgt. Allerdings betonten die Londoner Währungshüter ebenso wie die EZB in Frankfurt die jüngst gestiegenen Inflationsrisiken. Analysten rechnet vor diesem Hintergrund nicht mit einer Serie von Zinssenkungen in Großbritannien.

Reuters/ AP AP Reuters

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