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Kfz-Prämiensystem: Spion unter der Motorhaube

Autoversicherer erproben ein neues Prämiensystem: Rücksichtsvolles Fahren soll belohnt werden. Wer dagegen riskant fährt, soll künftig mehr zahlen. Ein elektronisches Fahrtenbuch liefert die dafür nötigen Daten - der Fahrer wird somit komplett überwacht.

Von Peter Weyer

Eine plausible Idee: Wer riskant Auto fährt, soll auch höhere Prämien bei der Autoversicherung zahlen - und umgekehrt. Dabei sollen sich die Tarife nicht mehr wie bisher nach festen Größen richten, etwa Jahresfahrleistung, Wohnort, Lebensalter oder Beruf, sondern nach dem persönlichen Fahrstil. Ziel ist eine größere Prämiengerechtigkeit. Denn jetzt ist es grob gesagt so: Rücksichtsvolle zahlen für Rambos mit.

"Pay As You Drive" (PAYD = Bezahle, wie du fährst) heißt das neue System im Versicherungsdeutsch. Künftig könnte derjenige weniger für Haftpflicht und Kasko zahlen, der etwa Tempolimits wirklich einhält, sichere Autobahnen statt unfallträchtiger Landstraßen benutzt oder meist zu verkehrsarmen Zeiten am Lenkrad sitzt. Demnächst geht die Württembergische Gemeinde-Versicherung (WGV) mit diesem Modell versuchsweise an den Start.

Allerdings gibt es einen Haken: Das System kann ohne die totale Überwachung des Autofahrers nicht funktionieren. In dessen Fahrzeug wird eine Art elektronischer Fahrtenschreiber, eine sogenannte Telematikbox, eingebaut. Die übermittelt alle Informationen via Satellit laufend an ein Rechenzentrum. Dort wird ein lückenloses Protokoll darüber angefertigt, wo, wann und wie der Versicherungskunde fährt. So könnte zum Beispiel leicht eine Temposünde in einer 30er-Zone rückwirkend auffliegen. Andererseits ist auch der Nachweis möglich, dass der Fahrer bekannte Unfallschwerpunkte oder den dichten Berufsverkehr meidet.

Pädagogische Wirkung

Thomas Daumer, PAYD-Vordenker bei der WGV, sieht vor allem die pädagogische Wirkung auf junge Fahrer: "Wir gewähren ihnen bis zu 30 Prozent Rabatt. Aber der wird sofort gestrichen, wenn die Daten sie als Rowdys enttarnen." Das Konzept der Stuttgarter stockte im vergangenen Herbst noch wegen technischer Schwierigkeiten bei der wechselseitigen Datenübermittlung. Jetzt sind die Probleme gelöst. "Im Frühjahr starten wir einen Modellversuch", sagt Daumer. Die Ergebnisse könnten das derzeitige Tarifsystem durcheinanderbringen. Das Fachblatt "ACE Lenkrad" zitiert Studien, wonach "gute" Vielfahrer etwa 40 Prozent an Prämien sparen könnten, risikoscheue Wenigfahrer bis zu 60 Prozent.

Vorerst ist die WGV mit ihrem Vorstoß allein. Konkurrenten warten ab, was der Test ergibt und ob sich PAYD tatsächlich rechnet. Klaus-Jürgen Heitmann, Vorstand für Kfz-Versicherung beim Branchenschwergewicht HUK, ist skeptisch: "Der Datentransfer kostet sehr viel Geld."

Weit schwerer wiegt jedoch die Sorge, Autofahrer könnten das neue Prämienmodell wegen der erzeugten Bewegungsprotokolle grundsätzlich ablehnen. Schließlich geht es niemanden etwas an, wo man wie fährt oder parkt. Pikante Details könnten ans Tageslicht kommen, etwa, wenn sich jemand mit seinem Auto öfter in Rotlichtvierteln aufhält.

Für die Versicherung ausgewertet

Doch WGV-Mann Daumer sieht die Datensicherheit durch ein zweigeteiltes Abrechnungssystem garantiert. Im ersten Schritt werden alle Fahrten von einem Servicepartner oder Provider zentral gesammelt und ausgewertet. Diese Auswertungen werden in einem zweiten Schritt an die Versicherung weitergereicht. Die Assekuranz erfährt nur, ob, wie oft und wie lange ihr Kunde an Unfallschwerpunkten vorbeigekommen oder schneller gefahren ist als erlaubt. Genaue Uhrzeiten oder konkrete Streckenangaben werden nicht mitgeliefert.

Jörg Elsner, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht im Deutschen Anwaltsverein, sieht dennoch die Gefahr des gläsernen Autofahrers. Wenn die Polizei nach einem Unfall zur Beweissicherung die Telematikbox beschlagnahmt, kann sie die aktuellen Daten auslesen und auch alle zurückliegenden Aufzeichnungen filzen. Dagegen könnten sich weder Autofahrer noch Versicherer wehren. "Dann", so Elsner, "drohen Punkte und Fahrverbot."

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