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Cross-Dressing: Chevalière Charlotte d'Éon – die Profi-Fechterin, die ein Mann war

Die erste Hälfte seines Lebens lebte d'Éon als Mann – als Soldat und Spion. Doch dann schlüpfte er als Chevalière in die Rolle einer Frau und wurde als Schwertkämpferin berühmt.

Die Chevalière Charlotte d'Eon. Links ein Portrait in jüngeren Jahren und rechts als Showfechterin von Alexandre-Auguste Robineau.

Die Chevalière Charlotte d'Eon. Links ein Portrait in jüngeren Jahren und rechts als Showfechterin von Alexandre-Auguste Robineau.

In einer Ausstellung im Buckingham-Palast über die Zeit von George IV. wird eine der bemerkenswertesten Episoden im Leben des späteren Königs gezeigt. Das Gemälde von Alexandre-Auguste Robineau zeigt einen Showkampf mit dem berühmten Fechter Chevalier d'Éon – doch dabei steckt le Chevalier komplett in Frauenkleidung. Der Aufzug war nicht etwa ein Unterhaltungswitz des 18. Jahrhunderts. Der Chevalier verbrachte den späteren Teil seines Lebens als Frau – als Chevalière Charlotte d'Éon. Die Sammlung schreibt, d'Éon sei "vor allem berühmt gewesen, weil niemand sein Geschlecht bestimmen konnte, nachdem er die erste Hälfte seines Lebens als Mann und die zweite als Frau verbracht hatte".

Seinerzeit gingen die Spekulationen so weit, dass man den Chevalier nach seinem Tod 1810 genau untersuchte. Das Ergebnis war: D'Éon war nicht etwa intersexuell, biologisch war er ein normal entwickelter Mann – allerdings mit "einer bemerkenswert vollen Brust".

Schneller Aufstieg und jäher Fall

Über den Chevalier oder später die Chevalière gibt es widersprüchliche biografische Angaben, auch weil d'Éon fantasievoll an der eigenen Legende strickte. In jedem Fall war es ein abenteuerliches Leben, wie es nur das Ancien Régime hervorbringen konnte.

Sicher ist, er wurde im Oktober 1728 als Charles d'Éon de Beaumont geboren und lebte als französischer Geheimdiplomat, Spion und Soldat. Schon in seiner Jugend kam er zu den Spionen des Monarchen – Le Secret du Roi. Zeit seines Lebens galt d'Eon als exzellenter Fechter. Im Siebenjährigen Krieg kämpfte er unter Marschall de Broglie und wurde schwer verwundet. Nach London reiste der Chevalier als Teil einer diplomatischen Mission, um diesen Krieg mit Verhandlungen zu beenden. Der Krieg war schlecht für Frankreich verlaufen und der Frieden war eine Katastrophe. Die Franzosen verloren unter anderem sämtliche Kolonien in Nordamerika. Ludwig XV. sann auf Rache und plante eine Invasion Englands. Sie vorzubereiten, war die geheime Aufgabe von d'Éon.

Doch dann kam es zu einem Zerwürfnis mit seinen Vorgesetzten. D'Éon wurden Aufmüpfigkeit, Unverschämtheit und Verschwendung vorgeworfen. Er widersetzte sich seiner Abberufung. Aus Angst, als Gefangener des Königs in der Bastille zu enden, begann er ab etwa 1763 zeitweise mit weiblicher Identität zu leben. Wahrscheinlich geschah das jedoch nicht, um einem inneren Bedürfnis nachzugeben, sondern um ganz profan einer Abschiebung oder einer Entführung zu entgehen.

Eigene Legendenbildung

Durch die Veröffentlichung kompromittierender Papiere wurde d'Éon zur öffentlichen Person in Europa. Das ganze Volk nahm Anteil an seinem Leben, man war nun überzeugt, dass er in Wirklichkeit eine Frau sei, die sich im ersten Teil ihres Lebens als Mann verkleidet hatte. D'Éon verbreitete selbst eine Heldinnen-Version seiner Geschichte. Demnach hätte sein Vater sich einen Sohn gewünscht. Als ihm ein Mädchen geboren wurde, habe der das Kind in eine männliche Rolle gezwungen. Und dieser Frau in Männerkleidern seien dann wahre Bravourstücke im Dienst des französischen Königs gelungen.

Das Volk war begeistert. Buchmacher in London nahmen Wetten auf sein Geschlecht an. D'Éon soll sogar an dem Wettspiel teilgenommen haben, denn er war stets verschuldet. Die Chevalière konnte das Haus allerdings nicht ohne Wachen verlassen, da nun versucht wurde, sie auf der Straße zu entkleiden, um das wahre Geschlecht festzustellen.

Politisch kaltgestellt

Nach dem Tod des französischen Königs handelte d'Éon mit dem Nachfolger einen merkwürdigen Deal aus. Er gab geheime Dokumente über die geplante Invasion zurück und erhielt dafür eine stattliche Pension – doch nur unter der Bedingung, fortan als Frau zu leben. 1777 wurde er als "Chevalière Charlotte d'Éon" dem Hof von Versailles vorgestellt. Trotz einer vierstündigen Toilette konnte die reale Chevalière ihrem selbst kreierten Ruf nicht gerecht werden. Die Beobachter bemerkten irritiert, dass die angebliche Meisterspionin nicht gerade attraktiv war. "Sie hatte nichts von unserem Geschlecht außer den Unterröcken und den Locken ", schrieb eine Hofdame über den Auftritt.

Doch als d'Éon nach einem Jahr wieder Männerkleider tragen wollte und darum bat, als Hauptmann an den Kriegen Frankreichs teilnehmen zu dürfen, wurde er sogleich verhaftet. Vermutlich wurde d'Éon in die Rolle der Frau gezwungen, um die Chevalière politisch kaltzustellen. In Versailles nahm von der unverheirateten kleinen Landadeligen niemand Notiz, ihr wurde nahegelegt, in ein Kloster zu gehen oder sich auf ihren Landsitz zurückzuziehen.

Marktlücke als Fechterin

Die Französische Revolution erlebte d'Éon in London. So entging er der Guillotine, doch verlor er die Pension und lebte nun auch ohne Zwang weiter als Frau. Der ehemalige Soldat kombinierte seine alten Fähigkeiten perfekt mit dem neuen Leben. Die Chevalière startete eine Karriere als weiblicher Showfechter. Das finanzielle Dilemma konnten die Auftritte nicht lösen, doch immerhin hatte die Fechterin Zugang zur besseren Gesellschaft.

Der abgebildete Kampf fand am 9. April 1787 im Carlton House statt, die Chevalière war damals schon fast 60 Jahre alt.

Ob die Chevalière nun als Vorbild für die heutige Genderdiskussion dienen kann, oder ob es nicht eher das Leben eines Abenteurers des 18. Jahrhunderts war, wie es etwa Kubrik in "Barry Lyndon" verfilmt hat – d'Éon soll die Rolle als Frau so perfekt gelebt haben, dass kaum jemand das wahre Geschlecht kannte. Auch nicht die Witwe, bei der die Chevalière ihre letzten Jahre in Krankheit und Armut verbrachte. Die Ausstellungsmacherin Kate Heard sagt: "Ihre Vermieterin kümmerte sich 14 Jahre um sie, und sie glaubte immer, dass sie einen weiblichen Untermieter hätte."

Quelle: Times 

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