Lebensversicherungen Lohnen sich die Verträge noch?


Jahrzehntelang waren Lebensversicherungen bei den Deutschen äußerst beliebt. Nun sind sie in der Krise. Was Sie jetzt über die Policen wissen müssen.

Die gesetzliche Rente ist sicher - vor allem sicher zu wenig, um allein von ihr leben zu können. Ja, man muss privat vorsorgen. Das weiß inzwischen jeder, der nicht gerade Beamter oder Lottomillionär ist. Aber wie geht das? Die Frage war noch nie so schwer zu beantworten wie heute. Denn die Banken zahlen kaum noch Zinsen, Aktien sind jetzt schon teuer und dazu wankelmütig, bei Immobilien sieht es meist nicht besser aus. Ein Ausweg könnte die gute alte Lebensversicherung sein. Sie scheint vertraut und vergleichsweise solide. Das ist sie auch. Wenn man ein paar üble Fallen meidet.

Wie unterscheiden sich die Verträge?

Mit einer Lebensversicherung kann man zwei Dinge erreichen: Sie überweist im Alter monatlich oder auf einen Schlag das angesparte Kapital plus Zins und Zinseszins. Außerdem werden Partner und Kinder abgesichert - denn wenn der Versicherte stirbt, erhalten die im Vertrag genannten Begünstigten sofort Geld. Der erste Teil - die eigene Altersversorgung - wird durch die sogenannte kapitalbildende Lebensversicherung abgedeckt. Der zweite heißt Risikolebensversicherung. Sie ist meist Teil der Verträge über eine Kapitallebensversicherung, wird aber auch einzeln angeboten. Mit der eigenen Altersvorsorge hat eine Risikolebensversicherung nichts zu tun.

Ist die Kapitallebensversicherung heute noch die richtige private Altersvorsorge?

Wie der Name schon sagt, ist die Versicherung ein Vertrag fürs Leben. Und der hat wie so oft zwei Seiten. Man bekommt langfristige Sicherheit, muss sich aber auch für Jahrzehnte binden - und stets in der Lage sein, die fälligen Beiträge zu leisten. Sonst drohen herbe Verluste.

Aber auch wenn alles glattgeht, spricht vieles dafür, dass Lebensversicherungen künftig nicht mehr so lukrativ sein werden wie in der Vergangenheit. Das liegt vor allem an der Politik der Zentralbank, die im Kampf gegen die Finanzkrise die Zinsen niedrig hält. Solange das so ist, werden klassische Lebensversicherer keine Traumrenditen mehr erwirtschaften.

Grundsätzlich gilt: Je mehr Ertrag die Versicherer erwirtschaften, desto mehr Geld kann der Versicherte viele Jahre später einstreichen. Normalerweise wird im Vertrag ein sogenannter Garantiezins genannt. Der ist fest versprochen, und man kann sich auf seine Zuteilung verlassen. Hinzu kommen in guten Jahren Überschussbeteiligungen - also Gutschriften aus der über den Garantiezins hinaus erwirtschafteten Rendite. Die können erheblich sein, aber auch ganz ausbleiben. Genaues weiß man immer erst hinterher.

Woran erkenne ich einen guten Anbieter?

Für die meisten Kunden ist die wichtigste Zahl die Höhe des Garantiezinses. Sinnvoll ist auch ein Blick auf die in der Vergangenheit gezahlte Überschussbeteiligung. Sie verraten, ob man sein Geld Leuten anvertraut, die erwiesenermaßen etwas davon verstehen. Dann sollte man sich fragen, was einem besonders wichtig ist: Für risikoscheue Sparer geht nichts über gesicherte Zahlungen. Wer auf eine höhere Rendite zielt, kann sich dagegen bewusst gegen hohe Garantien entscheiden. Denn die binden den Versicherern die Hände und halten sie von besonders chancenreichen Investments fern.

Für risikobereite Sparer eignen sich sogenannte fondsgebundene Lebensversicherungen: Dabei fließen die Prämien in Investmentfonds, die das Kapital an der Börse anlegen. Sinken die Kurse von Wertpapieren, beispielsweise Aktien und Anleihen, verliert der Fonds an Wert - und der Sparer damit Geld. Geht es dagegen nach oben, schlagen die Fonds die langweiligeren Anlagen der Anbieter, die um jeden Preis ihre relativ hohen Zusagen einhalten müssen.

Was bleibt von der Lebensversicherung nach Abzug der Inflation übrig?

Meist weniger, als die Werbung vermuten lässt. Denn die dort genannten Zinssätze beziehen sich nicht auf die eingezahlte Summe - sondern nur auf den sogenannten Sparanteil der Prämien. Das ist der Teil, der übrig bleibt, nachdem die Versicherung ihre Kosten unter anderem für Provisionen und Verwaltung abgezogen hat. Die können gewaltig sein. Auch der Garantiezins bezieht sich nur auf diesen Sparanteil. Die Fachpublikation "Map-Report" hat auf Basis der Prognosen der Versicherer für die nächsten zwölf Jahre berechnet, was Sparern nach Abzug der Inflation bleibt, wenn sie heute einen Vertrag abschließen: Der Durchschnitt liegt bei 2,25 Prozent. Dass die Prognosen wirklich eintreffen, ist ungewiss.

Wie viel Provision bekommt der Vermittler?

Große Vertriebsfirmen wie MLP, DVAG, Swiss Life Select (ehemals AWD) oder Banken kassieren rund sechs Prozent der gesamten Beitragssumme oder sogar noch mehr. Bei einem 30 Jahre laufenden Vertrag und einer Monatsprämie von 50 Euro entsprechen sechs Prozent Provision insgesamt 1080 Euro. Für alle Verkäufer gilt eine fünfjährige Stornohaftung: Wird der Vertrag in diesem Zeitraum gekündigt, müssen sie einen Teil der Provision zurückzahlen. Ärgerlich ist, dass Versicherte nicht erkennen können, wie hoch die Provision im Detail ist. Denn der Vertrag weist nur die Abschlusskosten insgesamt aus.

Wie wirken sich Niedrigzinsen auf Lebensversicherungen konkret aus?

Das Vermögen ihrer Kunden haben die Versicherer im Wesentlichen in festverzinslichen Wertpapieren angelegt, die im Moment wenig abwerfen. Das hat unterschiedliche Folgen für die Versicherten. Bei Neuverträgen sinkt seit Jahren der Garantiezins. Aber auch die Altkunden spüren die Folgen der Niedrigzinsen. Wenn sich nichts ändert, wird ihre Überschussbeteiligung nach Ansicht von Experten sinken.

Daran ändert auch nichts, dass die Auszahlung an Kunden bei Vertragsende oder Kündigung laut Branchendienst "Map-Report" zuletzt gestiegen ist. Das liegt daran, dass alte Papiere an Wert gewinnen, wenn es neue nur zu schlechteren Bedingungen für die Anleger gibt. Alle wollen dann die Anleihen haben, auf die noch höhere Zinsen gezahlt werden. Ihr Wert steigt und damit das Vermögen der Sparer mit alten Policen. Denn seit 2008 müssen Kunden an diesen Wertsteigerungen zur Hälfte beteiligt werden, wenn ihr Vertrag ausbezahlt wird.

Darunter leiden alle, die weiterhin versichert sind, denn der Versicherer muss Papiere verkaufen, um an die sogenannten stillen Reserven zu kommen. Er verzichtet damit auf weitere Jahre guter Verzinsung und senkt die durchschnittliche Rendite seiner Anlagen. Die Politik kennt das Problem, eine Neufassung des Gesetzes ist aber gerade im Vermittlungsausschuss gescheitert. Vor der Bundestagswahl im Herbst gilt ein Neuanlauf als unwahrscheinlich.

Versicherer zahlen für Altverträge hohe Garantieleistungen. Schmälert das die Rendite neuer Verträge?

Die einmal zugesagten Garantiezinsen gelten für die gesamte Laufzeit; also für Jahrzehnte. Damit kein Anbieter mit unrealistischen Zusagen Kunden anlockt, legt das Finanzministerium aufgrund der historischen Zinsentwicklung fest, wie viel versprochen werden darf. Zu den Erfahrungen zählt, dass es die Versicherungen immer schwerer haben, die hohen Zusagen früherer Jahre dauerhaft zu erfüllen. Ohne - oder zumindest fast ohne - Risiko lässt sich an den Finanzmärkten kaum noch etwas verdienen. Deshalb hat die Politik 2011 den Garantiezins für Neuverträge von 2,25 auf 1,75 Prozent gesenkt. In den 90er Jahren waren es noch vier Prozent.

Was passiert mit meinen Beiträgen bei vorzeitiger Kündigung?

Wer seine Kapitallebensversicherung nach kurzer Zeit kündigt, ist häufig überrascht, wie wenig Geld er zurückbekommt. Oft liegt dieser Betrag, der sogenannte Rückkaufswert, unter der Summe, die der Kunde während der Vertragslaufzeit eingezahlt hat. Denn die Firmen ziehen von den gezahlten Beiträgen die Abschlusskosten ab, und Stornogebühren schmälern zusätzlich das Guthaben. Damit wollen die Anbieter verhindern, dass Kunden kündigen und wegen der verlorenen Gelder die übrigen Versicherten - und natürlich sie selbst - Nachteile erleiden. Laut einem Urteil des Bundesgerichtshofs muss der Anbieter aber in jedem Fall einen sogenannten Mindestrückkaufswert zahlen.

Wie hoch der Stornoabzug ausfällt, ist unterschiedlich; es gibt keine Richtschnur. Der Kunde kann sich aber vor Vertragsabschluss ein Bild machen, wie es bei seinem Lebensversicherer aussieht. Denn dieser darf die Gebühren nur verlangen, wenn er darauf in den Versicherungsbedingungen hinweist und die Abzüge absolut oder prozentual beziffert. Prinzipiell gilt: Je früher man kündigt, desto stärker wirken sich die Stornogebühren aus.

Deutschland schrumpft und wird älter. Was bedeutet das für die Lebensversicherung?

Erstaunlich wenig. Unter der vergreisenden Gesellschaft ächzt eher die gesetzliche Rentenversicherung. Denn da zahlen die Aktiven Geld ein, das dann gleich an die Alten weitergereicht wird - und wenn irgendwann fast keine Jungen mehr da sind, wird es wirklich schwierig.

Kapitallebensversicherungen funktionieren anders. Jeder spart für sich allein. Allerdings müssen die Versicherer die gestiegene Lebenserwartung einkalkulieren, wenn sie den Kunden eine lebenslange Rente garantieren: Werden die Menschen immer älter, müssen sie immer länger zahlen. Das verfügbare Kapital bleibt aber gleich. Daher werden die monatlichen Zahlungen insgesamt schrumpfen. Entscheidend ist aber, was in jedem einzelnen Vertrag steht. Auch wenn der für den Durchschnittsdeutschen eine überaus dröge Lektüre ist, lohnt es sich deshalb, genau hinzusehen.

Bei rein fondsgebundenen Versicherungen sucht der Kunde die Garantien meist vergebens, da die Höhe des gesparten Kapitals von der Entwicklung des Fonds abhängig ist. Hier sollten Versicherte auf den garantierten Rentenfaktor achten. Er zeigt, wie viel Monatsrente sie pro 10.000 Euro Fondskapital erhalten.

Katrin Berkenkopf, Herbert Fromme, Anne-Christin Gröger, Patrick Hagen, Friederike Krieger, Ilse Schlingensiepen

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