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Service statt Geld: Hilfe in allen Lebenslagen

Die neuen Assistance-Versicherungen bieten Service bei Rohrbruch und bei Unfällen. Doch sie sind nicht für jeden sinnvoll.

Else Jäger wollte nur den Müll wegbringen, und schon war es passiert. Die 72-Jährige rutschte im Hauseingang aus. "Oberschenkelhalsbruch", diagnostizierte der Arzt. Als die Witwe nach vier Wochen an Krücken aus der Reha in ihre Wohnung ins baden-württembergische Oberstadion zurückkehrte, war der Knochen zwar verheilt, aber die Beweglichkeit eingeschränkt. "Allein kam ich im Haushalt gar nicht klar." In dieser Situation half ihre Unfallversicherung: "Jeden Tag kam eine Schwester zur Pflege, mittags ein "Essen auf Rädern" und zweimal die Woche jemand zum Einkaufen oder Putzen vorbei", sagt Else Jäger.

Zielgruppe für die Assistance-Versicherungen sind Singles

Versicherungen, die nicht mit Geld, sondern mit Sachleistungen helfen, gibt es erst seit einem Jahr. Die Assistance-Policen, wie sie in der Branche heißen, werden bislang für zwei Bereiche angeboten: als Handwerkerservice für Wohneigentümer und als Erste-Hilfe-Betreuung nach einem Unfall. Trendsetter war die Allianz, inzwischen bietet rund ein Dutzend Versicherer von der Axa bis zum Volkswohl Bund solche Hilfe an. Bei ihren Dienstleistungen kooperieren sie mit Rettungsorganisationen wie den Johannitern oder Maltesern und regionalen Pflegediensten.

Als Zielgruppe für die Assistance-Versicherungen peilen die Assekuranzen Singles, vor allem aber die wachsende Zahl von Rentnern an. Wer allein lebt wie Else Jäger und kein Netzwerk von Nachbarn hat, kann eine Art Erste-Hilfe-Schutz bei der Versicherung erwerben.

Als Test startete die Allianz vor einem Jahr den Haus- und Wohnungsschutzbrief für Mieter und Hausbesitzer. Diese Service-Versicherung ist für knapp fünf Euro monatlich zu haben. Sie tritt ein, wenn die Toilette verstopft ist, ein Wasserrohr bricht, Wespen auf dem Balkon nisten oder der Wohnungsschlüssel verloren geht. Wer dies bei einer Servicenummer meldet, der bekommt - angeblich umgehend - einen Handwerker. Der rechnet direkt mit der Versicherung ab. Allerdings übernimmt die nur die Kosten bis 300 Euro pro Schadensfall. Den Rest zahlt der Kunde. Wer handwerklich geschickt ist oder genug Do-it-yourself-Fans im Freundeskreis hat, braucht die Versicherung also nicht. Die Schutzbriefe, mit denen man sich den Service nach einem Unfall kaufen kann, sind vor allem für ältere Kunden entwickelt worden. Sie können in der Regel von 50- bis 74-Jährigen abgeschlossen werden, in Ausnahmefällen auch von Älteren. Mit dem Eintrittsalter steigen die Preise. Im Gegensatz zu herkömmlichen Unfallversicherungen, die ihren Kunden oft ab 65 kündigen, läuft der einmal gekaufte Schutzbrief lebenslang.

Die meisten Assistance-Policen sind mit weiteren Angeboten gekoppelt

Jeder, der nach einem Unfall "körperlich oder seelisch" nicht mehr leistungsfähig ist, den Alltag nicht mehr organisieren kann, bekommt von der Versicherung eine häusliche Rundumversorgung. Zum Service gehören Einkaufen, Putzen, häusliche Pflege, aber auch die Erledigung von Behördengängen und die Begleitung zum Arzt. Bei einem Klinikaufenthalt werden sogar Gartenpflege und Unterbringung der Haustiere organisiert. Pflegebedürftige Partner, die zuvor vom Unfallopfer betreut wurden, können mitversorgt werden.

Eine Assistance-Unfallversicherung kostet je nach Alter, Geschlecht, Anbieter und Leistung zwischen 90 und 660 Euro jährlich. Der billigste Tarif bietet kaum mehr als telefonische Notfallberatung. Da reicht dann auch ein Blick in die Gelben Seiten. Auch bei teureren Policen besteht ein Teil des Services nur aus organisatorischer Hilfe. Die Unterbringung des Hundes oder das Rasenmähen muss der Kunde selbst zahlen. Die Haken stehen im Kleingedruckten. Verbraucherschützer Thorsten Rudnik vom Bund der Versicherten kritisiert den engen Unfallbegriff, der sich in den Bedingungen der meisten Policen findet. "Der Sturz von der Treppe ist versichert, der Unfall durch einen Herzinfarkt, eine vorgeschädigte Bandscheibe oder Bewusstlosigkeit meistens nicht."

Weiterer Kritikpunkt: Die meisten Assistance-Policen sind mit weiteren Angeboten gekoppelt. So soll man bei manchem Anbieter gleich eine Invaliditätsrente mit abschließen, sich den behindertengerechten Wohnungsumbau finanziell absichern oder sogar eine kosmetische Operation versichern. Angebote, die die meisten nicht brauchen.

Brigitte Zander / print
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