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Teil 2: Die Kliniken: Das Kranke Haus

Überarbeitete Doktoren und vernachlässigte Patienten sind die Leidtragenden des planlosen Kostenmanagements an unseren Kliniken. Zeit ist Geld - in Zukunft müssen Mediziner Kranke noch schneller abfertigen.

Okay, ich trage einen weißen Kittel, habe ein Stethoskop um den Hals, und die Patienten nennen mich »Herr Doktor«. Doch der Traum, Menschen in Not beizustehen, ist spätestens seit Ende meines Studiums und dem Beginn meiner Arbeit im Krankenhaus geplatzt. Ich bin kein Helfer geworden, der Menschen Trost spendet und für sie da ist - ich bin ein Patientenverwalter. Johannes Timm* (*Name geändert, die Person ist nicht identisch mit dem abgebildeten Arzt), seit zwei Jahren Assistenzarzt auf einer internistischen Station, ist einer aus dem Heer von 140.000 Medizinern, die an den 2.250 deutschen Krankenhäusern Dienst tun. Dienst am Menschen, mit höchster Verantwortung. Hinter Klinikmauern werden wir geboren; dort wird uns der Blinddarm rausoperiert, da suchen wir Hilfe nach Herzinfarkt oder Verkehrsunfall, da werden unsere Infektionen und Krebsgeschwulste behandelt. Und für viele ist das Krankenhaus die letzte Station ihres Erdenlebens.

Über 53 Milliarden

Euro verschlingen die Stätten des Heilens und Linderns jährlich, den Löwenanteil der Gesamtausgaben der Krankenkassen und rund zehn Milliarden Euro mehr als noch vor zehn Jahren. Der Finanzbedarf schwillt weiter an: Ein unaufhaltsames Wachstum trotz allgemeiner wirtschaftlicher Flaute - dafür sorgen die steigende Zahl alter, gebrechlicher Menschen, immer aufwendigere Methoden in der Medizin und verbreitetes Anspruchsdenken der Patienten, für die das Beste gerade gut genug ist. Doch trotz des Mega-Umsatzes sind die Metallbetten-Burgen alles andere als Orte des Luxus. Nicht für die Kranken und nicht für die Männer und Frauen in Weiß.

Seit Arbeitsbeginn

vor einer Stunde Stress und Hektik. 20 Patienten auf der Station muss ich allein betreuen: Blut abnehmen, Infusionsnadeln legen, Tröpfe anhängen, im Ultraschallraum Lungenwasser punktieren, Röntgenaufnahmen und Computertomographien organisieren. Dauernd stört das Telefon. Dann Visite: drei Stunden lang höchste Konzentration, vor den Zimmertüren studiere ich schnell die Akten. Hände drücken, Fragen beantworten, Ängste mildern - im Durchschnitt habe ich nicht mal zehn Minuten für einen Patienten. Schwerste Fälle sind darunter: Leberzirrhose, Lungenkrebs, Schlaganfall, Herzinfarkt. Bei dem netten Herrn mit Schnurrbart weiß ich noch immer nicht, wo der Tumor sitzt, der schon Lebermetastasen gestreut hat. Warte jetzt schon drei Tage auf einen Computertomogramm-Termin für ihn. Er wird langsam sauer. Zu Recht. Winde mich erneut mit Ausreden heraus, weil ich es auch nicht ändern kann - Privatpatienten und Notfälle gehen vor.

Schaffe es

wieder nicht, Mittag zu essen. Röntgenbesprechung, Laborbefunde durchsehen, Blutkonserven bestellen, drei Neuaufnahmen untersuchen, rufe Hausärzte an. Vor dem Stationszimmer wartet die Ehefrau von dem Netten mit den Lebermetastasen, will endlich wissen, was mit ihrem Mann ist. Andere Angehörige wimmle ich gereizt auf dem Flur mit Phrasen ab und vertröste sie auf morgen. Hasse mich selbst dafür und habe ein schlechtes Gewissen. Ertrinke im Papierwust, Anträge für Sozial- und Pflegedienste ausfüllen. Nach elf Stunden mache ich Feierabend. Entlassungsbriefe werde ich zu Hause diktieren, die Krankenakten dafür nehme ich mit. Das ist verboten. Die Patientenunterlagen müssen in der Klinik bleiben.

Die tragenden Säulen des Systems Krankenhaus, die jungen Ärzte, schwanken. Chronische Arbeitsüberlastung; zu wenig Personal, denn den Kliniken fehlt das Geld für mehr Stellen. Folge der Misere: Fließbandabfertigung der Patienten. Laut Untersuchung der Krankenhausärzte-Gewerkschaft Marburger Bund hat die Belastung der Mediziner enorm zugenommen: Die Schar der Doktoren muss 16,5 Millionen Fälle jährlich betreuen, 19 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. Tendenz zunehmend. Die Zahl zusätzlicher Arztstellen hält damit nicht Schritt.

Also ist

Mehrarbeit für Doktoren so normal wie der Desinfektionsmittel-Geruch auf dem Linoleumboden. Unbezahlte, versteht sich. Bis zu 30 Überstunden pro Woche kommen schnell zusammen. Meist werden sie gar nicht erst aufgeschrieben - aus Angst vor dem Verlust des Jobs in der streng hierarchischen Weißkittel-Ständegesellschaft, in der bei Visiten nach »Dienstgrad« ins Patientenzimmer getreten wird und der Chef seine Untergebenen schon mal vor dem Kranken zusammenstaucht. Es müsse wohl am Arbeitstempo liegen, so poltert manch ein Klinik-Boss, wenn die Aufgaben nicht in der normalen Dienstzeit bewältigt würden, die anderen Kollegen reichten schließlich auch keine Überstunden ein.

Der kaum

zu ertragende Leistungsdruck ist neben dem relativ geringen Lohn (zum Beispiel Arzt im Praktikum: 1.135 Euro brutto im Monat; 36-jähriger Assistenzarzt: 3.500 Euro brutto im Monat plus Nachtdienstzulagen) der Hauptgrund dafür, dass immer weniger Medizinstudenten den Beruf ergreifen, der immer einige Jahre Pflichtstationen in Kliniken bedeutet. Nur 60 Prozent von ihnen wollen heute noch als Arzt arbeiten. Der Rest bricht die Ausbildung ab oder sucht sich nach dem Examen andere Jobs. Einige Verwaltungschefs jammern bereits, dass ihre ohnehin spärlichen Stellenangebote verschmäht werden: Vor allem Kliniken auf dem Land und im Osten haben Probleme, Vakanzen zu besetzen. Besonders abschreckend für den medizinischen Nachwuchs - und riskant für den Patienten - sind die elenden Nachtdienste.

Nach einem

normalen Arbeitstag, der um acht Uhr in der Früh begonnen hat, bin ich von 19 Uhr bis zum nächsten Morgen der einzige Internist im Haus. Allein für 260 Patienten und die Notaufnahme zuständig. Hoffe immer, dass nicht zwei auf einmal einen Herzkasper kriegen. Der Pieper geht dauernd, ich hetze die Treppen hoch und runter, von Station zu Station. Fahrstuhl nehmen ist nicht erlaubt, der könnte stecken bleiben und dann wäre ich »kaltgestellt«. Kranke abhorchen, Schmerz- und Schlafmittel verordnen, Blutkonserven anhängen, der verwirrten 88-Jährigen erklären, dass sie jetzt mitten in der Nacht nicht frische Mettwurst kaufen kann.

Zwischendurch meldet sich immer wieder die Notaufnahme: junge Frau mit stechenden Bauchschmerzen, randalierender Besoffener, eine Gallenkolik, eine Verstopfung und wieder mal unser Stammgast mit dem Herzrasen. Stundenlang müssen die warten, bis sie drankommen. Inzwischen ist es zwei Uhr nachts, bin total fertig, zittrige Hände, schon ein paar Mal mit der Nadel daneben gestochen. Jetzt wird jeder Patient zum Feind. Habe seit morgens nichts gegessen. Getrunken zuletzt mittags. Aber: Wer nicht trinkt, muss wenigstens nicht aufs Klo. Ob auf dem Patienten-Wagen noch Essensreste sind? Finde eine Scheibe Brot, einen Joghurt und zwei Radieschen. Verspeisen von Patientenessen ist ein Kündigungsgrund.

Lege mich

mit voller Montur aufs Bett im Dienstzimmer. Um 4 Uhr 55 Pieper: Der Mann mit dem Bauchspeicheldrüsen-Tumor ist gestorben. Bewege mich in Zeitlupe hin, um den Totenschein auszufüllen und die Angehörigen anzurufen. Heule selber fast. Wie in Trance funktioniere ich weiter, als hätte ich ein Promille im Blut. Um zwölf Uhr mittags, nach der Visite, komme ich endlich raus, 28 Stunden in der Klinik und davon drei Stunden Schlaf. Und morgen um acht Uhr muss ich wieder antanzen.

Das Krankenhaus-

ein krankes Haus. Immer im Hochbetrieb, immer kurz vor dem Infarkt. Und der Patient mehr Störfaktor als Sorgenkind. Wenigstens für das auslaugende Nachtdienst-Marathon ist Abhilfe in Sicht - doch das bringt neue Probleme: 15.000 weitere Ärzte, so schätzt Frank Ulrich Montgomery, Chef des Marburger Bundes, werden in den nächsten Jahren von den Kliniken eingestellt werden müssen. Der Hintergrund: Der Europäische Gerichtshof hat entschieden, dass der nächtliche Bereitschaftsdienst nicht mehr wie bisher als Ruhezeit, sondern als Arbeitszeit zählt. Folglich muss demnächst das deutsche Recht geändert werden, das den derzeitigen Zustand ermöglicht. Weil Nonstop-Dienste dann verboten sein werden, lässt sich der Klinikbetrieb nur durch mehr ärztliches Personal realisieren. Wo allerdings das Geld dafür herkommen soll - gerade angesichts der von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt verordneten Nullrunde bei den Kassenbeiträgen -, ist für die Verwaltungschefs der Häuser ein unlösbares Rätsel.

Geld bringen

die Privatpatienten, sagt mein Chef. Und die anderen nur dann, wenn sie möglichst schnell durchgeschleust werden. Ich finde es schrecklich, Menschen nach solchen wirtschaftlichen Gesichtspunkten abfertigen zu müssen. Täglich rufen die Krankenkassen an, erkundigen sich nach jedem einzelnen Patienten und machen Druck, ihn möglichst bald zu entlassen. Wenn wir einen länger dabehalten, als die für nötig halten, gibt's Ärger. Und oftmals kriegen wir dann nicht die volle Liegezeit bezahlt. Der neuste Hit heißt DRG, »diagnosis related groups«.

Das bedeutet:

Jede Diagnose und Therapie muss ich bei Aufnahme und Entlassung des Patienten in einem komplizierten Verschlüsselungsprogramm mit Ziffern festhalten. Ich übe für die Zukunft. Auf dieser Grundlage werden demnächst die Krankenkassen an die Klinik zahlen. Ein durchschnittlicher Blinddarm wird dann 5,6 Tage liegen dürfen, alles, was länger braucht, wird erst mal nicht erstattet. DRG ist für mich ein Mehraufwand von bis zu einer Stunde täglich, je nachdem, wie der Computer gerade mitmacht. Wir lernen, wie man am besten verschlüsselt, damit das Krankenhaus mehr Geld bekommt. Wer darin gut ist, macht sich bezahlt. Sogar unsere Arbeitsbesprechungen, in denen es eigentlich um die Kranken gehen sollte, handeln davon. Bürokratenkram, der mir kostbare Zeit für Patienten raubt. Dafür müsste unbedingt extra Fachpersonal her.

Noch ist das DRG-Modell in der Erprobung; nächstes Jahr sollen die deutschen Kliniken beginnen, auf das aus Australien stammende Modell umzustellen. Ziele sind eine möglichst kurze Verweildauer im Krankenhaus und geringere Kosten für die Kasse. So wird das Bett schnell frei für den nächsten Patienten. Grundsätzlich eine gute Idee: Warum soll ein Kranker - wie früher gang und gäbe - freitags einbestellt, aber erst dienstags operiert werden? Indes haben die Krankenhäuser in den vergangenen Jahren die Verweildauer bereits erheblich verkürzt: Während ein Patient 1990 noch durchschnittlich 15,3 Tage ein Hospital-Bett belegte, waren es 2000 nur noch 10,1 - also 34 Prozent Zeitersparnis.

Doch viele

Schicksale lassen sich eben nicht in dieses System pressen. Was beispielweise soll ein Doktor mit der alten Dame machen, die an der Supermarktkasse ohnmächtig wurde? Und für deren Untersuchung und Behandlung DRG 3,7 Tage zulassen wird? Der verantwortungsvolle Arzt steht vor dem Dilemma, entweder mit langwierigen gründlichen Untersuchungen die Ursache abzuklären und damit defizitär zu arbeiten; oder aber die Frau, der nach wie vor schwindlig ist, mit schlechtem Gewissen schnell heim zu schicken und sich den Rüffel vom Chef zu ersparen.

Die Folge:

Das ohnehin schon scharf kalkulierende Krankenhaus mutiert vollends zum Wirtschaftsunternehmen - der Arzt zum Aushilfs-Betriebswirt. Vorbei die Zeiten des hippokratischen Eids, in dem die Zunft gelobt, alles ausschließlich »zum Nutzen der Kranken« zu tun. Vorbei die Zeiten, als ein wesentlicher Teil der Therapie noch intensive menschliche Zuwendung war. Jetzt geht es um kaum mehr als Kosten, Erlöse und Bilanzen, menschliches Leid gerinnt zu Ziffernfolgen. Und die Hospitäler werden sich - damit die Kasse stimmt - um Patienten reißen, die sie schnell und komplikationslos wieder entlassen können, also um die jungen »Gesunden«. Alte Morbide haben schlechte Karten. In Zukunft, so befürchten Kritiker, könnte sich gar die Frage stellen, ob sich bei einem kranken Menschen die »Reparatur« überhaupt noch lohnt - wie bei einem Auto.

Bis jetzt

haben meine Kollegen und ich mit der Überzeugung geschuftet, dass wir es fürs Gemeinwohl tun. Und in diesem Bewusstsein bei aller Mehrarbeit oft ein Auge zugedrückt. Jetzt werden wir mit Brachialgewalt darauf getrimmt, effizient bis zum Geht-nicht-mehr zu arbeiten, wie ein Konzern mit Profitgier. Da sehe ich aber auch nicht mehr ein, dass ich meine Überstunden dem System schenke.

Anika Geisler, Horst Güntheroth / print
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