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Versicherungsverkäufer: Schutz vor Schwätzern

Mehr Rechte per Gesetz: Bald müssen Versicherungsverkäufer dafür haften, wenn sie ihre Kunden falsch beraten.

Heizung kaputt, Stromleitung unterbrochen? Da darf in Deutschland nur der Fachmann ran. Versicherungen hingegen kann jeder - ohne jeglichen Qualifikationsnachweis - verkaufen. Verträge, mit denen der Kunde oftmals jahrzehntelange Verpflichtungen eingeht und in die er hohe Summen einzahlt, wie bei Lebens- oder Rentenversicherungen üblich, werden einfach so verhökert. Wer Glück hat, wird gut beraten, wer Pech hat, übers Ohr gehauen. Qualitätskontrolle bei Versicherungsvertretern? Fehlanzeige!

Damit soll nun Schluss sein. Künftig, so sieht es eine EU-Richtlinie vor, müssen die Verkäufer die Schulbank drücken, bevor sie ihre Policen an den Mann oder die Frau bringen dürfen. Damit die Qualität der Beratung dann auch wirklich steigt, werden Verkäufer künftig 230 Stunden lang zum Versicherungskaufmann geschult und von der Industrie- und Handelskammer geprüft. In Deutschland allerdings wird diese Richtlinie schleppend umgesetzt und wahrscheinlich erst zum Ende des Jahres geltendes Recht.

Der Verbraucherschutz soll noch durch eine weitere Änderung verbessert werden. Ob Auto- oder Lebensversicherung - für jede Sparte entwickeln die Versicherer derzeit einen Beratungsbogen, den der Vertreter nach neuem Recht ausfüllen muss. Zwar hat der Kunde die Wahl, ob die Ergebnisse der Beratung in einem Dokumentationsbogen schriftlich festgehalten oder nur mündlich vereinbart werden. Aber da dieser Bogen im Haftungsfall das entscheidende Beweisdokument sein wird, sollte man nie auf die schriftliche Form verzichten. Kommt es zum Schadensfall und Versicherung und Kunde sind sich nicht einig und streiten um hohe Summen, muss der Makler im Ernstfall auch zur Kasse gebeten werden können. Dafür schließt er künftig laut Gesetz eine Berufshaftpflichtversicherung über rund 1,5 Millionen Euro pro Jahr ab.

In den Bogen soll zunächst eingetragen werden, mit welcher Art von Verkäufer es der potenzielle Kunde zu tun hat. Ist es ein Versicherungsagent, arbeitet der in der Regel für nur einen Auftraggeber. Damit ist klar, dass er auch nur Produkte einer Versicherung anbietet.

Mit einer Preis- und Produktübersicht der Konkurrenz kann der Schutzsuchende nicht rechnen. Anders beim Makler, der Produkte mehrerer Versicherungen anbietet. Auch wenn der Makler künftig besser beraten könnte - das Dilemma bleibt: die provisionsabhängige Bezahlung. Deren Höhe hängt von den Prämienzahlungen ab, die das Versicherungsunternehmen vom Kunden nach einem Geschäftsabschluss regelmäßig kassiert.

Deshalb wird auch in Zukunft kein Makler viel Zeit aufwenden, über Einzelheiten beispielsweise bei der Privathaftpflicht zu sprechen. Sie ist die wohl wichtigste Versicherung überhaupt, kostet aber nur etwa 70 Euro im Jahr. Nur ein paar Euro Provision kassiert der Makler für den Abschluss. Verkauft er hingegen eine private Krankenversicherung, kassiert er bis zu 4000 Euro Provision dafür. Die Entscheidung, für welche Beratung er mehr Zeit investiert, fällt da sehr leicht. Im Sinne des Verbrauchers ist das nicht, obwohl der Makler seinem Kunden gern Schutz und Beratung für alle Lebenslagen verspricht. An erster Stelle kommt bei den Versicherungsvertretern oft die eigene Provision, erst an zweiter Stelle das Wohl der Kunden. Nach einer Schätzung der Verbraucherzentralen gibt es rund 500 000 Vermittler in Deutschland - viele von ihnen verfügen nicht über ein ausreichendes Einkommen und seien deshalb gezwungen, möglichst einträgliche Versicherungen zu verkaufen.

Deshalb bleibt ein zentrales Manko aus Verbrauchersicht auch nach Inkrafttreten der EU-Richtlinie bestehen: Viele Deutsche sind falsch versichert, weil ihnen niemand sagt, welche Policen sie wirklich brauchen - und bei welchen ein Vertrag nur für die Assekuranz lukrativ ist, für den Kunden aber überflüssig.

Elke Schulze / print
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