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28. Februar 2007, 15:42 Uhr

Posterboy einer Generation

Als Dennis Stock 1955 den Filmschauspieler James Dean in New York fotografierte, schuf er eine Ikone: "James Dean haunted Times Square" wurde zu einer der meistreproduzierten Fotografien des 20. Jahrhunderts. Von Philipp Gülland

"James Dean haunted Times Square", New York City, 1955© Dennis Stock

Seine Hände sind tief in den Manteltaschen vergraben, den Kragen hat er gegen Regen und Wind hochgeschlagen, den Kopf leicht eingezogen, im Mundwinkel klemmt lässig eine Chesterfield - seine bevorzugte Marke. Unter James Deans Füßen glänzt nasser Asphalt, Regentropfen bilden in Pfützen unzählige Kreise und verwischen das Spiegelbild einer rastlosen Legende: So sieht ein Mann aus, der brennt.

Diese Szene hält der junge Fotograf Dennis Stock, seit einem Jahr Mitglied der legendären Fotoagentur "Magnum", wie beiläufig fest. Doch der vermeintliche Schnappschuss entpuppt sich bei genauem Hinsehen als bildjournalistischer Geniestreich und wird zur Ikone: Kein anderes Porträt bringt den Mythos Dean so subtil auf den Punkt, und kein anderes ziert so viele Poster und Postkarten.

Zielstrebig und stolz

Zielstrebig wirkt der "Rebel Without a Cause", lässig und stolz setzt er einen Fuß vor den anderen, nahezu gleichgültig, als stünde er über den Dingen: ein Halbgott, ein genialer Schauspieler, ein Mann voller brennender Leidenschaft, stark und klar. Wenn man aber kurz die Augen schließt und dann noch mal hinsieht, schleicht ein anderer Dean durch den Regen: gehetzt, den Kopf eingezogen, als suche er Deckung, verunsichert, ein Mann, den seine Leidenschaft verbrennt, schwach, verletzlich und so wenig greifbar, wie seine schemenhafte Spiegelung. Das Idol einer neuen Jugend, geheimnisvoll, abgründig, intensiv.

Stock hat James Dean über den Regisseur Nicholas Ray kennengelernt. Sie werden Freunde und der junge Schauspieler lädt ihn zu einer Vorschau seines gerade fertig gestellten Films "Jenseits von Eden" ein. Später erinnert der Fotograf sich: "Ich hatte ihn in Nick Rays Bungalow kennengelernt und wusste nicht recht, wer er war. Aber als ich diese Bohnenfeld-Szene sah, wusste ich, dass er ein echter Star würde und wollte etwas zusammen mit ihm machen."

Besuch in Deans Heimat

Er kann "Life" für einen Fotoessay über Dean begeistern und die beiden besuchen die Gegenpole im Leben des Leinwandhelden: das puritanische, ländliche Städtchen Fairmont in Indiana, wo Dean aufwuchs, und die brodelnde, inspirierende und gelegentlich Menschen verschlingende Metropole New York, deren Bühnenbretter ihm die Welt bedeuten und wo ihn auch Regisseur Elia Kazan für "Jenseits von Eden" entdeckte - Deans Durchbruch auf der Kinoleinwand.

Innerhalb weniger Tage entsteht das umfassendste und intimste Porträt James Deans. Seine Wurzeln treten auf den Bildern aus Fairmont zutage. Stock und er besuchen die Farm, auf der er aufwuchs. Dean zeigt sich mit Hund Tuck zwischen Kühen und Schweinen, schlendert durch Fairmonts Straßen, setzt sich noch mal auf die Schulbank, probiert sogar einen Sarg aus - er hat einen Sinn für das makabere. In New York erzählen sie die Geschichte des Mannes, den die Stadt aus ihm gemacht hat: ein rastloser Reisender auf der Suche nach einem unbekannten Ziel.

Dean lebt sich aus, Stock beobachtet und fasst entscheidende Augenblicke in Bilder, die alles andeuten: "Lebe schnell, sterbe jung und hinterlasse einen schönen Leichnam!" Wenige Monate später, am 30. September 1955 geht James Deans Leben auf der Überholspur zu Ende: Er verunglückt im Alter von nur 24 Jahren tödlich mit seinem Porsche Speedster und wird zur Legende.

Das Bild von Dean am Times Square wird zu einer der am häufigsten reproduzierten Fotografien des 20. Jahrhunderts. Dennis Stock verliert einen Freund, doch der Mann mit der Chesterfield im Mundwinkel begleitet ihn weiter. 1991 dreht er den Dokumentarfilm "Comme une image, James Dean?", darin betrachtet er die 36-jährige Entwicklung der Legende. Seine Bilanz: "Obwohl ich einer der letzten noch lebenden Freunde von Dean bin, hat mir im Zuge meiner Reisen kein einziger der Fans die Frage gestellt, wer James Dean war. Was für ein Mensch er wirklich war. Warum? Weil sich jeder seinen eigenen James Dean schafft - ganz nach Belieben und persönlichen Bedürfnissen. Einen Helden in einer komplizierten Welt, der ziemlich anders ist, als jener Junge von 24 Jahren, von dem ich sagen darf: Ich habe ihn gekannt."

Von Philipp Gülland
 
 
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