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Was taugen Milbensprays und Luftfilter?

Ein Ultraschallgerät soll lästige Hausstaubmilben vertreiben, ein Filter Pollen aus der Luft fischen: Wie sinnvoll sind diese Produkte für Allergiker? Wir haben nachgeforscht.

Von Kristin Hüttman

  Entspannt schlafen trotz Milbenallergie: Das ist mit sogenannten "Encasings", speziellen Schutzbezügen, möglich.

Entspannt schlafen trotz Milbenallergie: Das ist mit sogenannten "Encasings", speziellen Schutzbezügen, möglich.

Nach Schätzungen des Deutschen Allergie- und Asthmabunds (DAAB) gibt es hierzulande gut 30 Millionen Allergiker. Entsprechend groß ist das Angebot an Produkten, die Hilfe versprechen. Geplagte und übervorsichtige Menschen sind eine dankbare Klientel für geschäftstüchtige Hersteller.
Da gibt es Matratzenüberzüge, um die Milben wegzusperren, spezielle Staubsauger-Filter und beschichtete T-Shirts, die für Neurodermitiker und Menschen mit Kontaktallergien besonders geeignet sein sollen. Aber was hilft Allergikern tatsächlich, und was füllt nur die Kassen der Händler und Hersteller?

Ist es sinnvoll, die Konzentration der Milben zu ermitteln?

Wer wissen möchte, wie viele der Spinnentiere sich in seiner Matratze tummeln, sollte sich gedanklich auf folgende Zahl einstellen: Pro Quadratmeter leben dort zwischen 8000 und 25.000 Hausstaubmilben - das schätzt zumindest Milbenspezialist Frans Kniest vom Pharmaunternehmen Allergopharma. Dafür ein Gerät zu bemühen, ist allerdings überflüssig. Auch wenn einige Hersteller unter dem Stichwort Milbenbekämpfung allerlei dazu anbieten. So misst zum Beispiel ein Teststreifen die Allergenkonzentration - also die Menge der allergieauslösenden Eiweiße der Tiere - auf Kopfkissen, Teddybär oder Matratze. "Die Verfärbung auf dem Streifen ist nur ein Anhaltspunkt, ob die Belastung gering oder sehr hoch ist", sagt Anja Schwalfenberg vom DAAB. "So kann sich der Betroffene seine Reaktion erklären, aber damit bekomme ich die Belastung ja nicht weg." Der knapp 15 Euro teure Test bestätigt letztlich nur, was verschnupfte Nase und rote Augen schon zeigen.

Was bringen Geräte, die Milben vertreiben sollen?

Für knapp 40 Euro gibt es ein kleines weißes Kästchen, das laut Hersteller Ultraschallwellen erzeugt, die die Winzlinge angeblich nicht vertragen. So werde die Allergenkonzentration dauerhaft reduziert. Die Biologin Anja Schwalfenberg ist skeptisch, ob so ein Gerät funktioniert: "Ich kenne keine wissenschaftliche Untersuchung, die irgendeine Wirksamkeit belegt hätte."

Was bringen Anti-Milbensprays?

Milben kann man durchaus töten - die Spinnentiere überleben weder Insektenspray, Eisfach noch Waschmaschine. Mit solchen Maßnahmen lassen sich die Beschwerden etwas lindern. Das Problem: Die zurückbleibenden toten Milben und ihr Kot wirken weiter allergieauslösend.

Wie sinnvoll sind Matratzenüberzüge?

Statt auf technisches Gerät und Insektizide zu setzen, raten Experten zur Bettsanierung: neue Matratze, neue Bettdecken und Kissen. Und alles von Anfang an in milbendichte Überzüge stecken. Diese sogenannten "Encasings" sind so dicht gewebt, dass die Tiere die Matratze nicht besiedeln können. Haben sich schon welche eingenistet, verhindern die Bezüge, dass der Mensch in Kontakt mit ihren Allergenen kommt. Der Stoff guter Encasings ist für Partikel ab 0,5 Mikrometer Durchmesser unpassierbar - so winzig ist Milbenkot. Fürs Wohlbefinden ist auch eine gute Luft- und Wasserdampfdurchlässigkeit wichtig.Sonst schläft es sich in den Encasings wie zwischen Plastiktüten.

Welcher Staubsauger ist für Hausstauballergiker sinnvoll?

Gegen Milben helfen die Geräte nicht: "Kein Staubsauger bringt genug Saugkraft auf, diese winzigen Tiere und ihre Partikel aus allen Schichten von Sofa und Teppich herauszusaugen", sagt Frans Kniest. Für Hausstaub- und auch Pollenallergiker sind Modelle mit einem speziellen Schwebstoff-Filter trotzdem sinnvoll, da während des Saugens haufenweise Allergene in die Atemluft gelangen. Zudem pustet der Sauger die Partikel zurück in den Raum. Da kann ein Hepa-Filter (High EfficiencyParticulate Air) helfen. Er passt in die meisten gängigen Staubsaugermodelle und hält Partikel ab einer Größe von 0,1 Mikrometern (0,0001 Millimeter) zurück - also Hausstaub, Schimmel, Sporen, Blütenstaub, Milbenallergene. Eine EU-Norm teilt die Filter in unterschiedliche Stärken: Filter der Klasse 13 halten 99,95 Prozent der Partikel zurück, Klasse 14 sogar 99,99 Prozent. Doch Hepa-Filter ist nicht gleich Hepa-Filter. "Wenn die Hersteller mit auswaschbaren Filtern werben, wäre ich vorsichtig",sagt die Biologin Schwalfenberg."Einmal gewaschen, ist es vorbei mit der Filterfunktion." Wichtig ist auch, dass die Staubsauger dicht halten. Es gibt deswegen auch Geräte, die nach Hepa-Norm zertifiziert sind.

Kann ich meine Kinder davor bewahren, eine Allergie zu entwickeln?

Gerade wer selbst unter einer Allergie leidet, möchte sein Kind vor ähnlichem Leiden bewahren. Doch bei aller Fürsorge sei es nicht sinnvoll, bereits ein neugeborenes Baby etwa mit Encasings vor Milbenallergenen abzuschotten, sagt Susanne Lau, Oberärztin an der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie und Allergologie an der Berliner Charité. "Studien haben ergeben, dass Kinder, die schon von Geburt an in einem milbenarmen Milieu schlafen und aufwachsen, kein geringeres Risiko haben, später sensibel auf die Allergene zu reagieren." Allerdings solle man auch nicht in die umgekehrte Richtung übertreiben und das Kinderzimmer besonders einstauben lassen.

Wie kann ich mich vor Pollen schützen - in meiner Wohnung, im Auto?

Hausstauballergiker können einiges tun, um sich den allergieauslösenden Stoffen zu entziehen. Im Fall einer Pollenallergie ist das viel schwerer. Zu Hochzeiten des Pollenfluges sind die Allergene überall. Immerhin gibt es Möglichkeiten, die Belastung zu Hause zu verringern. Die einfachste Variante: ein Pollenschutzgitter. Ordentlich und rechtzeitig angebracht, kann es einiges abfangen. Die Struktur ist besonders feinmaschig und klebt wie ein Moskitonetz vorm Fenster. Elektrische Hepa-Luftfilter,die die Pollenbelastung zu Hause spürbar reduzieren können, sind wiederum nicht ganz billig; sie kosten zwischen 150 und 2000 Euro. Schon seit Jahrzehnten werden diese Raumluftspezialfilter in Krankenhäusern, Laborräumen und Operationssälen genutzt. Findige Hersteller haben die Technik auch für den Privatmarkt erschlossen: in Form kleiner tragbarer Elektrogeräte, die mithilfe eines Ventilators die Raumluft samt Staub- und Allergenpartikeln einsaugen und durch die Hepa-Filter pumpen. Das Gerät sollte aber eine an den jeweiligen Raum angepasste Filterleistung haben und in der Lage sein, die Raumluft innerhalb einer Stunde zweimal zu filtern. Auch regelmäßige Wartung ist wichtig - damit der Pollenfilter nicht zur Pollenschleuder wird.Hepa-Filter gibt es sogar fürs Auto, sie werden von vielen Kfz-Herstellern mittlerweile gleich in die Lüftung mit eingebaut. Seinen Wagen mit einem kleinen Filtergerät nachzurüsten, das über den Zigarettenanzünder angeschlossen wird, bringe hingegen nichts, sagt Schwalfenberg. "Die Filterleistung ist einfach zu schlecht."

Wie sinnvoll sind beschichtete Textilien für Neurodermitiker?

Hersteller haben eine große Auswahl imprägnierter und speziell gewobener Kleidung entwickelt. Ganze Anzüge beschichten sie mit Silber oder Zinkoxid oder weben auch mal vermeintlich Heil bringende Braunalgen mit ein. Ulf Darsow dämpft die Erwartungen: Imprägnierte Kleidungsstücke ersetzten keine Therapie, sagt der Oberarzt an der Klinik für Dermatologie und Allergologie am Biederstein in München. "Sie können den Heilungserfolg unterstützen", so der Mediziner, "aber das ist nicht das, was die Neurodermitis abklingen lässt." Antiseptische und Bakterien tötende Substanzen in der Kleidung könnten zwar verhindern, dass sich bestimmte Bakterien auf der Haut ansiedeln, die die Krankheitssymptome von Neurodermitikern verschlimmern. Das vermögen antiseptische Cremes aber auch, wie Darsow sagt, und die kosten nur einen Bruchteil der Textilien.

Wie helfen mir Siegel und Prüfzeichen bei der Bewertung eines Produktes?

Wer sich auf dem boomenden Markt der Allergieprodukte orientierungslos fühlt, findet bei Verbraucherverbänden nützliche Informationen - etwa zu Prüfsiegeln, die viele Produkte heute aufweisen. Der Bundesverband der kritischen "Verbraucher Initiative e. V." hat mit dem Internetportal "Label Online" ein unkompliziertes Nachschlagewerk erstellt. Hier erfahren Betroffene, wer oder was sich hinter einem Prüfzeichen verbirgt und ob ein Siegel allergene Stoffe in einem Produkt ganz ausschließt oder in geringen Mengen toleriert. Ein weit verbreitetes internationales Siegel ist das der Europäischen Stiftung ECARF (European Centre for Allergy Research Foundation). Fast 1400 Produkte, Hotels und Gemeinden tragen es mittlerweile. Der Stiftung geht es vor allem darum, Alltagsprodukte zu zertifizieren. "Allergiker sollen kostengünstige Alternativen einkaufen können und nicht auf spezielle Geschäfte oder Produkte angewiesen sein", sagt Torsten Zuberbier, Leiter der Stiftung an der Berliner Charité. Es gehe auch nicht darum, etwa eine Neurodermitis zu lindern: "Das Produkt soll keine Beschwerden für Neurodermitiker auslösen, das Ekzem soll sich nicht verschlechtern", sagt Zuberbier. Auch der DAAB vergibt ein Prüfzeichen. Anhand eines Kriterienkatalogs überprüfen Chemiker die Inhaltsstoffe beispielsweise von Kosmetika und Textilien. Sind diese in Ordnung,testen und bewerten 150 Probanden das Produkt vier Wochen lang im Praxistest. "Wenn ein Produkt 80 Prozent positive Rückmeldungen hat, dann wird das Logo für drei Jahre vergeben", sagt Claudia Bohmann, die die Siegelvergabe beim DAAB koordiniert.




Der Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe von stern Gesund Leben. Das Heft ist ab sofort am Kiosk oder hier erhältlich.


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