25. Juli 2004, 14:35 Uhr

"Ich bin der ganze Roman"

Martin Walser sprach mit dem stern über sein neues Buch "Der Augenblick der Liebe", über Träume, Küsse und seinen toten Freund Siegfried Unseld.

Martin Walser vor gemalter Amerika-Kulisse in einem Hamburger Hotel©

Von Birgit Lahann und Karin Rocholl (Fotos)

Schön, dass man bei Ihnen immer alte Bekannte trifft.

Wie? Wo? Hier im Hotel?

Nein, in Ihrem Roman.

Da bin ich aber gespannt ...

Gottlieb Zürn, alter Bekannter. Verheiratet mit Anna, alte Bekannte. Universitätselite Amerika, kennen wir auch. Und die obligate Geliebte. Beate.

Bitte, bitte, bitte, sagen Sie mir, wann war dieser Gottlieb Zürn jemals in Amerika. Nie. Und dann das Wort Geliebte. Ich muss dieses weibliche Wesen hier verteidigen. Sie ist keine Geliebte.

Sondern?

Eine Liebe. Meine Geschichte ist eine Liebesgeschichte. Und keine Geliebten-Geschichte. Was sind das bloß für Wörter!

Also die Leidenschaft bricht in die Ehe ein. Und Ihr Zürn sagt, die Ehe sei eine Hölle.

Wie finden Sie denn die Ehe zwischen Zürn und Anna?

Sehr angenehm.

Na also. Warum sprechen Sie da von Hölle?

Weil Sie es geschrieben haben.

Aber Sie können doch einen Roman nicht einfach mit Sätzen daraus fixieren. Der Roman hat eine Bewegung, die ihn immer weiter führt. Manchmal auch zum Gegenteil dessen, was er gerade erzählt.

Zürn nennt seine Frau die "liebe Lebenslängliche". Ist die andere dann die Lebensgefährliche?

Also da müsste ich Gottlieb Zürn fragen. Nach der ersten Begegnung entspinnt sich ja ein monatelanger Telefonat- und Briefwechsel. Da geraten die beiden in einen ungeheuren Vorbereitungszirkus hinein für etwas, das ja vielleicht nie stattfinden wird. Also erst mal nichts als Übersteigerung durch Vorstellung und Sehnsucht.

Sie glauben also in Zeiten von E-Mails noch an die Macht der Briefe?

In diesem Roman wird die Liebe mit Briefen und Telefonaten genährt. Fernmündlich. Eines der schönsten Wörter überhaupt. Wenn sie anruft und sagt: 98 Grad, Luftfeuchtigkeit 100, ich bin bekleidet mit einem blauen Laken. Und dann gesteht sie, das blaue Laken sei eine Lüge, ich bin nackt, nackt, nackt.

Und das ohne Bildtelefon!

Richtig. Später wird man einmal sagen, wie konnten die überhaupt ohne leben. Was war das für ein Askese-Murks.

Und wie wär's mit SMS, der Kurzkunst für Liebesschwüre?

Das ist Gefühlssteno. Nix für meine Figuren.

Corinne Pulver, die Schwester von Liselotte Pulver, erzählte in einem Interview, dass sie Ende der 50er ein Verhältnis mit Ihnen hatte und noch Liebesbriefe besitzt.

Hab ich gehört. 40 Briefe sollen es sein. Also die würde ich wahnsinnig gern lesen.

Vielleicht macht sie Ihnen Kopien.

Dann könnte ich mich endlich für einen Liebesbriefschreiber halten. Das ist nämlich ein Genre, in dem ich mich für ziemlich unbegabt, sogar unerfahren halte.

Sie haben die junge Dame ja wohl auch bald - wie sie sagt - an Ihren Freund und Verleger Siegfried Unseld weitergereicht, von dem sie 150 Briefe hat.

150? Ach, Siegfried, toll. Weitergereicht! Und auch, dass sie gleichzeitig mit mir und Siegfried befreundet war und dass es ewig so hätte weitergehen können. Ich kenne dieses Interview mit Paul Sahner. Der bringt die Gesprächspartnerin zum Blühen. Da wird das schlichteste Mädchen zu einer Alma Mahler-Werfel. Ich glaube, das können wir lassen ...

... und gehen über zu den Träumen. All Ihre Figuren träumen viel und heftig. Beate sitzt einmal in einem Kondom, beißt ein Loch in die Hülle und fühlt sich schuldig. Ihrem Psychiater kotzt sie solch nächtliche Ergüsse knallhart vor die Couch.

Weil sie es satt hat, ihre Träume nach seiner Schule deuten zu lassen. Pfahl gleich Penis. Solch ein Quatsch. Man träumt da keine Träume, sondern einen reglementierten Symbolbaukasten. Träume als Legoland. Aber wie geht es wirklich zu in uns? In unseren Träumen mit diesen wilden Schnittfolgen ist doch jeder ein Dichter. Shakespeare hat nicht anders geträumt als Frau Müller, nur Shakespeare ist damit anders umgegangen.

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