Martin Walser sprach mit dem stern über sein neues Buch "Der Augenblick der Liebe", über Träume, Küsse und seinen toten Freund Siegfried Unseld.

Martin Walser vor gemalter Amerika-Kulisse in einem Hamburger Hotel© Karin Rocholl
Von Birgit Lahann und Karin Rocholl (Fotos)
Wie? Wo? Hier im Hotel?
Da bin ich aber gespannt ...
Bitte, bitte, bitte, sagen Sie mir, wann war dieser Gottlieb Zürn jemals in Amerika. Nie. Und dann das Wort Geliebte. Ich muss dieses weibliche Wesen hier verteidigen. Sie ist keine Geliebte.
Eine Liebe. Meine Geschichte ist eine Liebesgeschichte. Und keine Geliebten-Geschichte. Was sind das bloß für Wörter!
Wie finden Sie denn die Ehe zwischen Zürn und Anna?
Na also. Warum sprechen Sie da von Hölle?
Aber Sie können doch einen Roman nicht einfach mit Sätzen daraus fixieren. Der Roman hat eine Bewegung, die ihn immer weiter führt. Manchmal auch zum Gegenteil dessen, was er gerade erzählt.
Also da müsste ich Gottlieb Zürn fragen. Nach der ersten Begegnung entspinnt sich ja ein monatelanger Telefonat- und Briefwechsel. Da geraten die beiden in einen ungeheuren Vorbereitungszirkus hinein für etwas, das ja vielleicht nie stattfinden wird. Also erst mal nichts als Übersteigerung durch Vorstellung und Sehnsucht.
In diesem Roman wird die Liebe mit Briefen und Telefonaten genährt. Fernmündlich. Eines der schönsten Wörter überhaupt. Wenn sie anruft und sagt: 98 Grad, Luftfeuchtigkeit 100, ich bin bekleidet mit einem blauen Laken. Und dann gesteht sie, das blaue Laken sei eine Lüge, ich bin nackt, nackt, nackt.
Richtig. Später wird man einmal sagen, wie konnten die überhaupt ohne leben. Was war das für ein Askese-Murks.
Das ist Gefühlssteno. Nix für meine Figuren.
Hab ich gehört. 40 Briefe sollen es sein. Also die würde ich wahnsinnig gern lesen.
Dann könnte ich mich endlich für einen Liebesbriefschreiber halten. Das ist nämlich ein Genre, in dem ich mich für ziemlich unbegabt, sogar unerfahren halte.
150? Ach, Siegfried, toll. Weitergereicht! Und auch, dass sie gleichzeitig mit mir und Siegfried befreundet war und dass es ewig so hätte weitergehen können. Ich kenne dieses Interview mit Paul Sahner. Der bringt die Gesprächspartnerin zum Blühen. Da wird das schlichteste Mädchen zu einer Alma Mahler-Werfel. Ich glaube, das können wir lassen ...
Weil sie es satt hat, ihre Träume nach seiner Schule deuten zu lassen. Pfahl gleich Penis. Solch ein Quatsch. Man träumt da keine Träume, sondern einen reglementierten Symbolbaukasten. Träume als Legoland. Aber wie geht es wirklich zu in uns? In unseren Träumen mit diesen wilden Schnittfolgen ist doch jeder ein Dichter. Shakespeare hat nicht anders geträumt als Frau Müller, nur Shakespeare ist damit anders umgegangen.