HOME

Suhrkamp unter Gläubigerschutz: Die Finte der Witwe

Mit dem Insolvenzantrag des Suhrkamp-Verlags versucht die Mehrheitseignerin einen Befreiungsschlag gegen Mitgesellschafter Hans Barlach. Der spricht von einem "abgekarteten Spiel".

Von Lutz Meier

Vielleicht ist all das ein Fall für Herrn Zett. Herr Zett ist der Held des neuen Buches von Hans-Magnus Enzensberger, dessen Erscheinen der renommierte Suhrkamp-Verlag dieser Tage für den Oktober angekündigt hat. "Mit Vorliebe, subversiver Energie und wenigen Sätzen untergräbt Herr Zett Dünkel, Größenwahn und falsche Autorität", verspricht der Verlag. Dünkel, Größenwahn, falsche Autorität - das ist genau das, mit dem zwei Personen Deutschlands berühmtesten Literaturverlag an den Rand der Pleite gebracht haben. Pleite, genau: Denn Suhrkamp teilte pünktlich zu Wochenbeginn mit, der Verlag habe Insolvenz beantragt. Dieser Schritt ist zwar lange noch nicht das Ende, weil die Insolvenz unter dem sogenannten Schutzschirm den Verlag zunächst handlungsfähig lässt. Aber es ist eine neue Eskalation im über zehn Jahre währenden Streit um die Zukunft von Suhrkamp, den Beteiligte schon mit einer Seifenoper verglichen haben. Und die Seifenoper geht weiter: Er sei "überrascht und entsetzt", sagte Minderheitsgesellschafter Hans Barlach zu stern.de, die andere Seite betreibe ein "abgekartetes Spiel" und er werde sehen, wie er sich wehren kann.

Die Witwe und der Erbe

Die andere Seite ist Ulla Unseld-Berkéwicz. Die Witwe, heute 64, ist Dichterin und Schauspielerin und war die letzte Ehefrau des 2002 verstorbenen Verlagspatrons Siegfried Unseld. Sie kontrolliert die Mehrheit im Verlag. Unversöhnlich gegenüber steht sie Hans Barlach, 57. Barlach verdankt sein Vermögen hauptsächlich seinem Großvater, dem berühmten Bildhauer, Zeichner und Schriftsteller Ernst Barlach. Der Enkel verwaltete Vermögen, gründete Galerien, kaufte, verkaufte und schloss Presseerzeugnisse und kaufte sich mit seinem Geld schließlich - gegen den Willen der Witwe - einen Minderheitsanteil von Suhrkamp.

Heute sehen die Verhältnisse so aus: Die Witwe kontrolliert über eine Stiftung, die sie vertritt, 61 Prozent der Suhrkamp-Anteile, Hans Barlach über eine Firma die restlichen 39 Prozent. Beide stehen - bei aller Vorsicht - in dem Ruf, nicht die einfachsten Menschen zu sein. Sie streiten sich wie die Kesselflicker. Unseld-Berkéwicz, die lange auch Geschäftsführerin war, will Barlach aus dem Verlag drängen, Barlach will Unseld-Berkéwicz weghaben. Sie klagen häufig gegeneinander, zuletzt gewann Barlach einige wichtige Verfahren: Unseld-Berkéwicz musste laut einem Urteil als Geschäftsführerin abberufen werden. Außerdem muss der Verlag dem Minderheitsgesellschafter Geld zahlen, 2,2 Millionen Euro. So entschied es das Landgericht Frankfurt im März. Im September muss das selbe Gericht über wechselseitige Anträge beider Seiten verhandeln, die jeweils andere aus dem Verlag zu werfen.

Barlachs Erfolg als Pyrrhussieg

Das Urteil von März ist laut der Geschäftsführung die Ursache der jetzigen Insolvenz. Denn die 2,2 Millionen Euro sind Barlachs Gewinnanteil aus dem Jahr 2010 (und ein Verkaufserlös), und in gleichem Maß verpflichtet das Urteil den Verlag auch zur Ausschüttung an die Mehrheitseignerin. Demnach würde der Verlag bei seinen beiden Gesellschafterin mit rund 8,2 Millionen Euro in der Kreide stehen. Das Geld hat Suhrkamp nicht, argumentierte die Geschäftsführung. Und ging zum Insolvenzrichter. Wenn es schlecht läuft, könnte sich damit Barlachs Gerichtserfolg aus dem März als Pyrrhussieg entpuppen. Die von Unseld-Berkéwicz dominierte Geschäftsführung hat ausgerechnet den Düsseldorfer Insolvenzverwalter Frank Kebekus als Generalbevollmächtigten eingesetzt. Er muss jetzt den Insolvenzplan erarbeiten. Und Kebekus hatte das neue Insolvenzrecht einst als Möglichkeit gepriesen, "sich von Querulanten zu befreien". Als Querulanten sehen die Mehrheitseigner, natürlich, Barlach.

Das Vorgehen sei "missbräuchlich", schimpft Barlach, den der Insolvenzantrag unvorbereitet auf einer Auslandsreise traf. "Wir vermuten, dass hier ein von langer Hand vorbereiteter gemeinsamer Plan von Geschäftsführung und Mehrheitsgesellschafter umgesetzt wird, bei dem es darum geht, Zeit zu gewinnen", zürnt er weiter. "Es geht gegen den Minderheitsgesellschafter." In Wahrheit habe er längst auf Vollstreckung der Summe verzichtet und sei jederzeit bereit Kapital nachzuschießen - wenn es Suhrkamp wirklich schlecht gehen würde.

Noch vor einer Woche über einen Ausweg verhandelt

Tatsächlich muss der Antrag kein Hinweis darauf sein, dass Suhrkamp wirtschaftlich am Ende ist. Er sieht aus wie eine Finte im Machtkampf: Unseld-Berkéwicz versucht, die Insolvenz zu nutzen, um Druck auf Barlach zu machen. Möglicherweise sogar, um ihn herauszudrängen. Offiziell geht es der Witwe darum, den Verlag zu retten - vor Barlach. Barlach geht es darum, den Verlag wirtschaftlich gesünder zu machen - sagt er. Im Verlag selbst scheinen die Sympathien inzwischen klar auf Seiten der Verlegerwitwe. Ulla Unseld-Berkéwicz hat zwar zu Beginn ihres Wirkens bei Autoren und Mitarbeitern jede Menge Reserven geweckt. Je mehr aber Barlach um sich schlägt, desto mehr Beteiligte sehen in ihr trotz aller Vorbehalte die Garantin für das Überleben von Suhrkamp - das haben zahlreiche namhafte Autoren inzwischen öffentlich erklärt. Peter Handke nannte Barlach etwa einen "Satan".

Dabei hatten beide Seiten zuletzt mal wieder über einen Ausweg verhandelt - laut Barlach noch vor einer Woche. Die mögliche Lösung: Ein neuer Mehrheitsgesellschafter wird aufgenommen, und die beiden Streithähne ziehen sich auf kleinere Anteile zurück. Im Prinzip hätten beide Seiten dieser Idee bereits zugestimmt, sagt Barlach. "Aber jetzt gehen viele Investoren erst einmal auf Tauchstation, wenn sie Insolvenz hören", erregt er sich.

Als "Sachwalter" muss nun der routinierte Berliner Insolvenzverwalter Rolf Rattunde darauf achten, dass alles mit rechten Dingen zugeht. "Die Insolvenz wurde hier aus vernünftigen Gründen beantragt und nicht aus heiterem Himmel", sagt Rattunde und weist damit die Idee zurück, der Antrag könne ein bloßer Trick der Verlegerwitwe sein. Das Gericht habe den Antrag schließlich geprüft. Drei Monate haben die Geschäftsführung und ihr Generalbevollmächtigter nun Zeit, unter Rattundes Aufsicht einen Insolvenzplan zu erarbeiten. Er werde sicherlich aktiv mitwirken, sagt Rattunde. Und vielleicht wird genau das seine Rolle sein - die Vermittlung zwischen den Streithähnen. Wenn das Verfahren gelingt, sagt Rattunde, "dann ist hier hoffentlich schnell wieder alles vorbei".

Die Bedeutung von Suhrkamp

Um zu verstehen, warum das Überleben von Suhrkamp wie eine nationale Angelegenheit behandelt wird, muss man sich nur die Autorenliste anschauen: Hermann Hesse, Bertolt Brecht, Max Frisch, Martin Walser, Peter Handke erscheinen bei Suhrkamp ebenso wie der Philosoph Jürgen Habermas oder Popliteraten wie Rainald Goetz. Fast alles, was sich in Nachkriegsdeutschland in Literatur, Theater und Denken Neues tat, fand bei Suhrkamp statt. Auch Hans-Magnus Enzensberger, der Schöpfer von Herrn Zett, hat sich auf die Seite von UIla Unseld-Berkéwicz geschlagen. Sein Buch übrigens verspricht kein gutes Ende: "Am Ende der Saison, wenn es im Park zu kalt und zu ungemütlich wird, wird er auf Nimmerwiedersehen verschwinden", heißt es in der Verlagsankündigung über Herrn Zett.

Von Lutz Meier