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Autor Miroslaw Nahacz: Eine Party, die plötzlich langweilig wurde

Der rätselhafte Selbstmord des jungen polnischen Schriftstellers Miroslaw Nahacz sorgte nicht nur in seiner Heimat für Bestürzung. Der "Benjamin Lebert der polnischen Literatur" hatte so rasant Karriere gemacht wie nur wenige junge Gegenwarts-Schriftsteller in Europa. Jetzt erscheint sein Roman "Bombel" auf Deutsch.

Von Aleksandra Zawislak

Den letzten Satz seines Lebens kritzelte der bekannte polnische Schriftsteller Miroslaw Nahacz auf einen Einkaufszettel. Eine Botschaft aus ineinander verschlugenen Kringeln und Linien. Am nächsten Morgen fand ihn ein Nachbar im Keller seiner Warschauer Wohnung. Der "Star der jungen, polnischen Literatur" hatte sich erhängt. Mit 23 Jahren.

Nicht nur in seiner Heimat rätselte die Literaturszene über die Gründe für den Selbstmord. Denn Nahacz hatte so rasant Karriere gemacht, wie nur ganz wenige junge Gegenwarts-Schriftsteller in Europa. Als Schüler, im Alter von 17 Jahren, hatte Nahacz seinen ersten Roman: "Acht vier" geschrieben. Das Buch erzählt die Geschichte von Jugendlichen, die versuchen, dem Sinn des Lebens mit Alkohol und psychedelischen Pilzen auf die Spur zu kommen. Es wurde ein großer Erfolg und machte Nahacz in Polen über Nacht bekannt. Die polnische Presse feierte ihn als "Stimme einer Generation".

Er galt als "Auserwählter"

Mit 19 bekam der Abiturient für sein Erstlingswerk einen Literturpreis. "Nahacz ist ein Auserwählter" verneigte sich der polnische Bestseller-Autor Andrzej Stasiuk (dessen Buch "Dojczland, ein Reisebericht" soeben bei Suhrkamp auf Deutsch erschienen ist) vor seinem jungen Kollegen. Bis zu seinem Tod schrieb Nahacz drei weitere Bücher. "Hoffentlich werden seine Bücher nun postum in deutscher Sprache verlegt", schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die ihn zuvor als "größte Hoffnung der jungen polnischen Literatur" und als "Geheimtipp" gefeiert hatte, nach seinem Tod.

Ein gutes Jahr nach dem Selbstmord des jungen Schriftstellers, erscheint Nahacz' zweites Buch "Bombel" - in Polen ebenfalls ein großer Erfolg - jetzt bei Weissbooks. "Bombel" erzählt die Geschichte eines Trinkers, der an einer Haltestelle sitzt, auf den Bus wartet und Selbstgespräche führt. Bombels Geschichten handeln vom Leben und vom Tod, von enttäuschten Träumen, von merkwürdigen Freundschaften. Ein fröhliches und trauriges Buch zugleich. Denn Bombels Selbstgespräche sind durchsetzt von der Erkenntnis, dass er zwar sein Leben ändern könne, nicht aber die Welt. Eine Parabel auf den Selbstmord des jungen Schriftstellers?

Spurensuche in Warschau

Als sich Mirosław Nahacz 2003 an der Universität Warschau für Kulturwissenschaften einschrieb, war er schon ein Star. Viele Studenten suchten die Nähe ihres berühmten Kommilitonen. "Dieser Ruhm war ihm unangenehm", erinnert sich sein Freund Krzysztof Uminski, der mit Nahacz studiert hat. "Er hat sich immer gefreut, wenn er auf Leute traf, die seine Bücher wirklich gelesen hatten. Aber er hasste es, wenn sich jemand nur mit ihm schmücken wollte oder in seiner Gegenwart eingeschüchtert war. Er ist nie abgehoben." Den Literaturbetrieb, der ihn hofierte, nahm Nahacz ohnehin nicht ernst. "Wenn er zu einer Ausstellung, einem Vortrag oder anderen Events kam, hat er sich eigentlich immer nur auf das Buffet gefreut, selbst wenn er als Autor im Mittelpunkt der Veranstaltungen stand", erzählt Umiński.

Obwohl Nahacz keine Schwierigkeiten hatte, Fuß zu fassen, blieb Warschau ihm fremd. Er war in Gładyszow, einem kleinen Gebirgsdorf in den Beskiden, aufgewachsen. Sein Vater war Elektriker, die Mutter Lehrerin. "Wenn Miroslaw von seinem Heimatdorf erzählte, merkte man, dass er stolz auf seine Herkunft war", erinnert sich Uminski. "Er hat nie versucht, ein 'Warschauer' zu sein, anders als viele, die ein bisschen vom 'Big-City-Life' schnuppern und sich schämen, zu sagen, dass sie nicht aus dieser Welt stammen."

Genie im Chaos

Schon bald verlor Miroslaw Nahacz die Lust an der Uni. Seine Kommilitonen beobachteten, wie er "in der Vorlesung saß und die Seiten seines Heftes schwarz anmalte". Er schwänzte häufig, zog sich zurück in sein Zimmer, in dem ein Chaos herrschte, das selbst engste Freunde erstaunte. Neben randvollen Aschenbechern lagen leere Flaschen. Überall stapelten sich Bücher. Dazwischen ein Gewirr von Kleidern, Müll, Kabeln, Werkzeugen, kaputten Geräten, die Nahacz ausschlachtete für seine Basteleien. Das technische Interesse hatte er vom Vater. Aus einer ausrangierten Zigarettenschachtel hatte Nahacz einmal ein Ladegerät gebaut, wegen dem er später - bei seiner Einreise nach Deutschland, wo er ein Literatur-Stipendium bekommen hatte - unter Verdacht geraten war, ein Terrorist zu sein. "Man brauchte wirklich ein besonderes Talent, um so eine Unordnung zu schaffen und trotzden den Überblick zu behalten", wundert sich Uminski noch heute über das Zimmer seines Freundes.

In diesem Chaos saß Nahacz, eine "Golden American" zwischen den Lippen, bastelte, las, arbeitete an einem Buch, schrieb Feullitons für die polnische Mädchenzeitschrift "Filipinka" oder Drehbücher für die bekannte Fernsehserie "Egzamin z zycia" ("Prüfung des Lebens"). "Er war dann einfach so beschäftigt, dass er keine Zeit für die Uni hatte", sagt Uminski über seinen Freund.

Mit Prostituierten über die Welt reden

Obwohl er gut verdiente, war Nahacz immer pleite. "Er hat gerade so viel gehabt, dass es für ein bisschen Brot und eine Schachtel Zigaretten reichte. Und oft musste er sich selbst dafür noch Geld leihen", erzählt Umiński. Nahacz habe gern Geld für "unnütze Dinge" ausgegeben. "Er hat sich ein Taxi bestellt, ist zu einer Freundin gefahren und hat das Taxi lange Zeit bis zu seiner Rückkehr vor der Tür warten lassen. Später hat gesagt, dass er schon immer davon geträumt habe, mal ein Taxi auf sich warten zu lassen." Auch ein anderer Bekannter weiß solche Anekdoten zu erzählen. "Einmal hat Miroslaw eine Prostituierte zu sich in die Wohnung bestellt. Doch er wollte nur mit ihr über das Leben reden."

Dass Miroslaw Nahacz Drogen nahm, war kein Geheimnis. Schließlich hatte Nahacz sich in seinen Büchern dazu bekannt. Er habe immer mehr Haschisch geraucht, Pilze genommen und viel Alkohol getrunken, berichten Bekannte wie Freunde unisono. "Er schluckte sogar Äther in reiner Form, wie er es von seiner Großmutter in seinem Heimatdorf gelernt hatte", weiß ein alter Freund, der anonym bleiben möchte. "Das Trinken und die Drogen bestimmten immer mehr seinen Alltag. Er hat kaum noch geschlafen." Mit der Zeit sei Miroslaw Nahacz immer depressiver geworden. "Er verkroch sich in sein Zimmer, saß in seinem Chaos und hörte Musik von Joy Division." Ian Curtis, der Sänger dieser englischen Post-Punk Band, hatte sich 1980 mit 23 Jahren erhängt. "Miroslaw war von Curtis total fasziniert. Vor allem davon, dass er sich erhängt hatte", erzählt der Freund.

Ian Curtis war sein großes Vorbild

Am Abend vor seinem Tod ging Miroslaw Nahacz mit seiner Freundin Ania in die bekannte Warschauer Disco "Utopia". Gegen Morgen verließen die beiden den Club und fuhren nach Hause. Miroslaw Nahacz war sturzbetrunken. Zwei Promille hatte er im Blut, wie die Gerichtsmediziner später feststellten. Das Paar legte sich schlafen. Ania schlief so fest, dass sie nicht merkte, dass ihr Freund noch mal aufstand, in den Keller schlich. Und sich erhängte. Mit 23. Wie sein großes Vorbild Ian Curtis.

Der Staatsanwaltschaft Warschau ist es nicht gelungen, das Geheimnis des Einkaufszettels zu lüften. "Nicht mal die Schriftsachverständigen konnten den Satz lesen", sagt der ermittelnde Staatsanwalt. Dennoch gebe es "keinerlei Zweifel" daran, dass Nahacz Selbstmord begangen habe.

"Miroslaw hat sich wahrscheinlich umgebracht, weil die Welt keine Herausforderung mehr für ihn war", sagt sein Freund Jan Kapela. "Wie eine Party, die plötzlich langweilig wird und von der man so schnell wie möglich verschwinden will." Kapela könnte Recht haben. Denn Freunde, die einen Blick auf den Einkaufszettel geworfen haben wollen, glauben zu wissen, was Nahacz ihnen zum Abschied sagen wollte: "Die Welt kann ohne mich existieren."