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Casting-Katastrophe mit Stoffpenis

Statt Menschen lässt RTL jetzt Puppen zum Casting vortanzen. Eigentlich eine mutige Idee. Doch die Premiere enttäuschte auf ganzer Linie.

Von Simone Deckner

Ein Teilnehmer in der RTL-Show "Die Puppestars" mit seiner sprechenden Penispuppe

Ein Teilnehmer in der RTL-Show "Die Puppestars" mit seiner sprechenden Penispuppe

Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll: Bei der sprechenden Penispuppe, die von einem Mann mit Limahl-Gedächtnisfrisur gehalten wurde ("Ich bin der Größte!")? Bei der Frau, die sich auf den Rücken rollte, ihre Fußsohlen in die Luft reckte und damit "Theater“ spielte? Bei der Puppe mit Namen Kevin, die aussah wie der kleine Bruder von Chucky, der Mörderpuppe? Oder doch bei dem sächselnden, grünen Drachen, der sich rühmte, alle Texte von "Tabaluga" rückwärts rülpsen zu können?

All das und leider noch viel mehr gab es bei der Premiere der neuen RTL-Casting-Katastrophe "Die Puppenstars" zu sehen. Nach den ersten 120 Minuten stellte man, leise in seinen Stoff-Pinguin hinein schluchzend, fest: Für so etwas ist der Puppenspieler von Mexico damals nicht auf die Straße gegangen. Die Idee mag sich auch dem Papier ja noch gut angehört haben, doch derart routiniert runtergenudelt trägt sie nicht mal für eine halbe Stunde, geschweige denn für drei Sendungen à 120 Minuten.

Erwartungen an "RTL-Puppenstars" waren groß

Dabei hätte es doch so schön werden können: Puppenspieler liefern schon seit Jahrzehnten, auch im deutschen TV, große Unterhaltung ab. Von Ernie und Bert in der "Sesamstraße" über Jim Knopf aus der "Augsburger Puppenkiste" über Kermit, Miss Piggy und die anderen "Muppets" bis hin zu den Anarcho-Puppen Ratz und Rübe aus der "Rappelkiste". Großartig auch Bimmel und Bommel ("Das gute A!“), Hase Dr. h.c. Cäsar oder die rappenden Puppetmastaz-Gang – um nur einige echte Stars aus Stoff zu nennen.

Dass in der Jury der "Puppenstars" mit Martin Reinl der Erfinder solch charmanter Charakterköpfe wie Horst Pferdinand ("Ich bin ein altes Zirkuspferd!") und "Wiwaldi" sitzt, ließ die Hoffnung keimen, dass man es nicht bloß mit dem achten Aufguss eines erprobten Castingformats zu tun haben würde.

Eine Puppe mit blauen Haaren als Moderator

Doch bereits nach wenigen Minuten "Puppenstars" war klar: RTL macht einfach business as usual – bloß mit Puppen. Und so saßen in einem dieser typischen gelackten Castingstudios wieder einmal nur Jubelperser, die alle drei Minuten vor Begeisterung aus den Sitzen sprangen. Wo werden die eigentlich gecastet?

Es gab nicht eine, sondern gleich zwei Moderatorinnen, die im Backstage den Familienmitgliedern Mikrofone unter die Nase hielten, wenn sie nicht gerade Schmalspur-Interviews mit den Kandidaten führten: Mirja Boes ("Die Dreisten Drei") und eine Moderatorenpuppe mit blauen Haaren, beide komplett verzichtbar. Letztere rief bei empfindlichen Zuschauern binnen kürzester Zeit den Wunsch hervor, sie auseinander zu rupfen.

Jury um Max Giermann lobt, was das Zeug hält

Die Jury hatte hingegen kiloweise Kreide gegessen und bepuschelte jeden Kandidaten mit völlig übertriebenem Lob. Dabei machte sich vor allem Comedian Max Giermann zum Stoffaffen. Mehrmals zoomte die Kamera in seine tränengefüllten Augen. Weshalb der Mann, den man sonst aus "Switch Reloaded" als tollen Parodisten kennt, so oft "total berührt" war, blieb nebulös. Gaby Köster konnte der allgemeinen Lobhudelei auch nur selten etwas entgegen setzen. Immerhin verhinderte sie, dass der sprechende Penis weiterkam ("Nee, da is' jetzt meine Ekelgrenze erreicht.")

Es gab aber auch sonst noch viel Schlimmes zu sehen: Zwei Kandidaten mit Glatzköpfen hielten es für eine total lustige Idee, einem aus Holz geschnitzten Keith Richards im Rollstuhl ein paar echte, knapp bekleidete "sexy Krankenschwestern" als Pflegerinnen anzudienen. Diese trugen außer einer Bewerbungsmappe nicht viel. Das hysterische Saalpublikum schlug sich feixend auf die Schenkel.

Nicht nur Puppen, auch echte Tiere

Neben unlustigen Puppenspielern tauchten zu allem Übel auch noch Menschen auf, die gleich gar keine Puppen dabei hatten. Eine als Stormtrooper verkleidete Tänzertruppe ließ Darth Vader allen Ernstes zu Helene Fischers "Atemlos" breakdancen. Ein Franzose kam mit einem echten weißen Wuschelhund und ließ ihn wie eine Bauchrednerpuppe sprechen. Man blieb irritiert zurück.

Nach einer kurzen Internet-Recherche hätte auch RTL feststellen können, dass sich der Liberace-Verschnitt mit der seltsamen Nummer bereits bei "Britain's Got Talent" großen Ärger von Tierschützern eingehandelt hatte. Es wird vermutet, dass eine falsche über die echte Schnauze des Tieres gestülpt wird, die dann per Fernbedienung auf- und zugeklappt werden kann. Wenn das stimmt, wäre dies eine arg fahrlässige Vorstellung von einem Puppenstar.

Berühmtes Puppenspieler-Duo zu Gast - warum nur?

Eine Schrecksekunde hatte es bereits gegeben, als die Puppenspieler-Koryphäen Spejbl & Hurvinek auf die Bühne kamen. Die Tschechen sind seit Jahrzehnten mit ihren Vater-Sohn-Marionetten auch international unterwegs, haben eine große Fangemeinde. Was, um alles in der Welt, machen solche Stars bei einer Castingshow?

Irgendwann kam dann noch ein "Paperman", den drei Profi-Puppenspieler aus sechs Meter Backpapier zusammengeknüllt hatten und man guckte kurz unter seinem Kissen hervor, dass man sich aus lauter Fremdscham vors Gesicht gehalten hatte.

Die Jury sprach sogleich von "Poesie" und die Zuschauer sprangen wieder aufgeregt von ihren Sitzen und irgendwann sagte Martin Reinl den Satz: "Es läuft sonst so viel Müll im Fernsehen" und man nickte vor seinem Bildschirm und zwar sehr traurig. Wenn selbst ein Reinl mit seiner Phantasie und seinem Witz (der nur kurz im Zwiegespräch mit dem Kakerlak aufblitze) nichts retten kann, dann ist das leider so gar nicht komisch.

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