Diese Kirche braucht kein Mensch

4. Februar 2013, 06:35 Uhr

Muss man noch über die Kirche reden? Ja, leider, sie ist der zweitgrößte Arbeitgeber in Deutschland. Dass sie inhaltlich aber ausgedient hat, machte einer ihrer Funktionäre mal wieder deutlich. Von Mark Stöhr

Günther Jauch, TV-Kritik, Kirche, Katholiken, Arbeitgeber

Günther Jauch hat sich in dieser Woche die Kirche als Arbeitgeber vorgenommen. Sie war in den letzten Wochen wegen ihres Verhaltens nach einer Vergewaltigung mal wieder ins Gespräch gekommen.©

Im Grunde könnte einem die Kirche ja egal sein. Sie hat in weiten Teilen der Gesellschaft keinerlei Bedeutung mehr. Nur noch ein Drittel der unter Dreißigjährigen gehört ihr an. Doch die Kirche, diese marode Glaubensfabrik, der die Gegenwart längst abhanden gekommen ist, ist der zweitgrößte Arbeitgeber in Deutschland. Fast eineinhalb Millionen Menschen stehen bei ihr in Lohn und Brot. In Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern. Und in diesen Einrichtungen gilt Kirchenrecht. Wenn der Glaube die Leute schon nicht mehr bei der Stange hält, so lautet offenbar die Logik, dann eben der Gehaltszettel. Bloß: Das Geld kommt zu über 90 Prozent vom Staat. Bei den kirchlichen Kliniken sogar zu hundert. Wie ist das möglich?

Günther Jauch hatte die Journalistin Eva Müller eingeladen, die unter dem Titel "Gott hat hohe Nebenkosten" ein Buch und eine Dokumentation zu dem Thema veröffentlicht hat. Sie beschreibt darin, wie immer mehr Kommunen aus Geldmangel ihre Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser an die beiden christlichen Kirchen übertragen. Diese genießen Steuervorteile und haben Zugang zu Landeszuschüssen, die den Städten und Gemeinden verwehrt sind. Gerade im Osten, wo die Kirchen sonst auf verlorenem Posten stehen, schießen die konfessionellen Einrichtungen aus dem Boden. Nach dem Motto: Besser eine evangelische Schule als gar keine.

Keine Rendite mehr mit Religion

Dieses neugewonnene Terrain nutzen die Kirchen als Operationsbasis ihrer Lehre. Mal mehr, mal weniger penetrant. Eva Müller und die Jauch-Redaktion pickten die extremen Beispiele heraus: Einer Erzieherin wurde gekündigt, weil sie sich in einen neuen Mann verliebt hatte. Eine indischstämmige Putzfrau bekam keine Anstellung, weil ihr das christliche Parteibuch fehlte. Und Krankenhausangestellte traten nach der konfessionellen Umfirmierung ihres Hauses massenhaft in die Kirche ein, weil sie um ihren Job bangten. Die Kirchen haben offenbar eine solche Existenzangst, dass ihnen jedes Mittel recht ist, um sich in der Gesellschaft festzukrallen. Mit Religion, das wissen sie insgeheim, ist keine Rendite mehr zu machen. Als spirituelle Gemeinschaft werden sie früher oder später Sektenstatus erreichen.

Die Kirchen tun aber auch alles, um sich als irgendwie relevante ethische und ideelle Stimme zu diskreditieren. In der Jauch-Runde saß mit dem katholischen Medienmacher Martin Lohmann wieder einer dieser Beton-Betbrüder, die aus dem christlichen Katechismus eine Mao-Bibel machen. Seine Winkelzüge zum Thema "Pille danach" waren eine Gruselfahrt der Realitätsferne. Und schlicht herzlos.

Wir erinnern uns: Einer vergewaltigten Frau wurde in einer katholischen Klinik in Köln die Behandlung verweigert. Corpus delicti war die "Pille danach", für die Chefgynäkologen im Vatikan ein Abtreibungspräparat und damit ein No-Go. Lohmann, offenbar genauso kundig in der Biologie wie in der Theologie, erklärte den feinen Unterschied, der für die Kirche eine ganze Lebensanschauung ist: Verhindert eine solche Pille nur die Befruchtung, wäre das noch okay. Zerstört sie aber ein schon befruchtetes Ei, ist sie verboten. Man muss sich diese Haarspalterei auf der Zunge zergehen lassen und sich dazu eine eben misshandelte Frau vorstellen, die voller Angst und mit großen Schmerzen auf eine Behandlung wartet.

Wenn Theologen zu Biologen werden

Doch die Farce bei "Günther Jauch" ging noch weiter. Minutenlang debattierte die Runde darüber, wie die Stellungnahme des Kölner Erzbischofs Kardinal Meisner nach dem Vorfall zu deuten sei, in der er den Einsatz der Pille unter gewissen Umständen erlaubte. Das gelte nur für einen bestimmten Tablettentypus, da war sich Lohmann sicher, der das schon befruchtete Ei nicht angreife. Aber gibt es ein solches Präparat überhaupt schon auf dem Markt? Ratlose Gesichter allenthalben. Was sich keiner fragte: Wie kann bei diesem Thema die Meinung eines 79-jährigen Mannes wie Meisner maßgeblich sein? Wieso ist der eigentlich nicht schon längst in Pension wie andere Männer seines Alters auch?

Weil Günther Jauch ein bisschen in Quällaune war, stellte er Martin Lohmann eine ziemlich hinterhältige Gewissensfrage: Wie er sich denn verhalten würde, wenn seine Tochter nach einer Vergewaltigung schwanger werden würde. Lohmann kam furchtbar ins Schlingern und faselte etwas davon, er würde seiner Tochter helfen, mit ihrem Schicksal klar zu kommen. Soll heißen: Er würde ihr eine Abtreibung untersagen. Da konnte auch Eva Müller, die Buchautorin und Filmemacherin, die viel Unglaubliches bei ihren Recherchen gehört und gesehen hat, nur noch ungläubig lächeln. Sie hat ihre Konsequenzen längst gezogen: Sie trat kürzlich aus der Kirche aus. Viele werden ihrem Beispiel nach dieser Sendung folgen.

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