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"Beziehungen sind ein ewiges Wechselspiel von Anziehung und Abstoßung"

Niemand schreibt eindringlicher und genauer über die moderne Liebe als Peter Stamm. In seinen Romanen gibt es keinen Kitsch und keine Hysterie. 

Niemand schreibt eindringlicher und genauer über die moderne Liebe als Peter Stamm.

Peter Stamm hält nicht viel von zu viel Kitsch in der Liebe.

Herr Stamm, in Ihrem ersten Roman »Agnes« sagt die Protagonistin: »Glück malt man mit Punkten, Unglück mit Strichen. Du musst, wenn du unser Glück beschreiben willst, ganz viele kleine Punkte machen (…). und dass es Glück war, wird man erst aus der Distanz sehen.« Kann man Beziehungen nur schätzen, wenn sie vorbei sind?

So drastisch würde ich es nicht ausdrücken. Aber mir hat mal eine Psychotherapeutin erklärt, dass es für das Gefühl, ein glückliches Leben geführt zu haben, zentral sei, zu begreifen, warum Dinge geschehen sind. Es müssen gar nicht alle Erfahrungen gut gewesen sein, solange man einen Zusammenhang erkennt. Das Gleiche passiert, wenn ich eine Geschichte schreibe. Für die brauche ich auch mehr als nur zusammengewürfelte Ideen. Eine Geschichte braucht eine Form. Und diese Form, die man auch in Liebesbeziehungen oftmals erst aus der Distanz erkennt, ist wahrscheinlich ein Weg zum .

Sollte man also hin und wieder aus dem eigenen leben rauszoomen, um wahrzunehmen: »Ich bin schon mittendrin in der tollen Beziehung, es fühlt sich halt nur gerade nicht so an«?

Ich glaube, wir müssen zwischen zwei Arten von Gefühlen unterscheiden. Da ist die Ekstase, die man unmittelbar spürt: in der Phase des ersten Verliebtseins, beim Sex. Da weiß ich: Ich bin glücklich. Den anderen positiven Gefühlszustand habe ich mal das »Glück des Butterbrotstreichens« genannt. Das ist indirekter und alltäglicher, aber auch verlässlicher.

In Ihren Büchern sind die Figuren nicht auf so verrückte Art und Weise verliebt wie etwa Romeo und Julia, die Menschen bleiben sich auch in der Liebe ein wenig fremd. Wie viel Distanz brauchen Paare, um zusammenzubleiben?

Es ist vermutlich einfacher, eine Beziehung stabil zu halten, wenn die Beteiligten einen Teil ihres Lebens für sich behalten. Ich glaube überhaupt, dass der Mensch zwei fundamentale Schwächen hat. Er ist sterblich. Und er kann nicht aus sich heraus. Diese Isoliertheit spürt man in der Liebe ganz besonders. Ich finde das nicht schlimm. Eine Beziehung ist immer spannender, wenn zwei Einheiten aufeinanderprallen, als wenn beide verschmelzen und etwas Amorphes, Klumpiges, Weiches bilden.

In Ihrem Roman »Ungefähre Landschaft« entscheidet sich die Protagonistin nach einer Selbstfindungsreise für das »kleine Glück« in ihrer Heimat, mit dem Mann, den sie schon lange kennt. Ist das Mut oder Resignation?

Ich finde, es hat nichts Resignatives, wenn man erkennt, dass sich jede Liebe mit der Zeit abnutzt oder zumindest verändert. Wenn man mit sechzehn verliebt ist, denkt man, man stirbt, wenn der geliebte Mensch einen nicht beachtet. Mit dreißig sieht man das oft entspannter. Aber das heißt nicht, dass die Wahnsinnsliebe der Jugend wahrhaftiger wäre. Es fühlte sich vielleicht so an. Trotzdem konnte man die gleichen Gefühle wenig später auf einen anderen Menschen übertragen. Das ist ein Lernprozess.

Peter Stamm: "Es wird schon wieder"

"Wenn man mit sechzehn verliebt ist, denkt man, man stirbt, wenn der geliebte Mensch einen nicht beachtet. Mit dreißig sieht man das oft entspannter."


Ist das der Fehler der seriellen Monogamie? Dass man gar nicht versucht, die Abnutzung zu ertragen, sondern immer wieder aufs Neue die großen Gefühle fordert?

Das erinnert mich an das Buch »Wenn ein Reisender in einer Winternacht« von Italo Calvino. Darin beginnt der Autor eine Geschichte, die nach etwa dreißig Seiten abrupt abbricht. Er fängt eine neue an, die ebenfalls unvollendet bleibt. Für das Scheitern dieser Erzählungen nennt der Autor immer gute Gründe. Am Ende hat man zehn Romananfänge. Und dann ist das Buch vorbei. Es ist toll geschrieben, aber unbefriedigend. Weil es nie über den Moment hinauskommt, in dem es spannend wird.

Aber woher nimmt man die Zuversicht, dass nach einer ein Höhepunkt folgt?

Die Frage ist doch eine andere: Wieso will ich eine Beziehung eigentlich beenden? Langeweile gilt nicht. Probleme wenn sie nicht schwerwiegend sind wie beispielsweise häusliche Gewalt auch nicht. Die Liebe hat viel mit dem Lesen zu tun: Kein Buch der Welt ist von der ersten bis zur letzten Seite spannend. Und trotzdem liest man weiter. Weil man wissen will, was als Nächstes passiert. Es geht in der Liebe wie in der Literatur immer nur darum, die große Form im Auge zu behalten.

Und dieses Vertrauen hat man nur, wenn man schon mal eine Krise überstanden hat?

Genau. Mir fällt das momentan bei modernen Kinofilmen auf: Die Blockbuster folgen einem ähnlichen Prinzip wie die serielle Monogamie. Da werden Szenen aneinandergereiht, die nur dazu dienen, möglichst ununterbrochen Bedürfnisse zu befriedigen. Sensation an Sensation. Jede Actionkomödie muss zwanghaft auch noch eine Liebesgeschichte erzählen, damit der Zuschauer auch wirklich auf allen Ebenen unterhalten wird. Kürzlich habe ich einen Kunstraubfilm aus den 70er Jahren gesehen. In einer Szene fliegt der Hauptdarsteller Segelflugzeug. Über mehrere Minuten sieht man nur Landschaftsaufnahmen, Blumenwiesen in der Unschärfe. Diese Bilder befriedigen kein Bedürfnis, aber sie machen den Film schöner.

In Ihrem aktuellen Roman »Nacht ist der Tag« möchte die Protagonistin unbedingt von einem Maler porträtiert werden. Sie möchte, dass sie jemand sieht. Geht es darum in Langzeitbeziehungen: Dass da jemand ist, der alles von einem weiß und trotzdem bleibt?

Vielleicht geht es um etwas noch Grundsätzlicheres: unsere Identität. Die wird ja überhaupt nur durch andere Menschen erzeugt. Alles, was mich selbst ausmacht, sind die Beziehungen, die ich mit meinen Mitmenschen habe. Und je komplexer diese Kontakte sind, desto reichhaltiger wird mein Bild von mir.

Also ist der Trick beim Zusammenbleiben am Ende, sich einfach nicht zu trennen?

Vermutlich ja. Neulich bat mich eine Leserin, ich solle doch mal einen Beziehungsratgeber schreiben. Ich habe darüber nachgedacht. Das Buch bestünde nur aus drei Sätzen: »Es ist schon okay.« »Es wird schon wieder.« »Bei den anderen ist es auch so.«


Peter Stamm, 51, ist Schriftsteller und schreibt Prosatexte, Hörspiele und Theaterstücke. Er lebt mit seiner Freundin und seinen zwei Söhnen in Winterthur in der Schweiz.

Dieser Text ist in der Ausgabe 08/15 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte der NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben ab September 2013 gibt es auch digital in der NEON-App.

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