In der letzten Warteschleife

23. Oktober 2008, 12:37 Uhr

Altwerden in Deutschland, das ist immer wieder auch Altwerden im Heim. Die Menschen in dieser Geschichte versuchen, das Beste daraus zu machen. Doch ob im bescheidenen Haus oder in der Luxusresidenz - sie werden schon zu Lebzeiten aus dem Leben ausgegrenzt. Von Verena Lugert

Der Blick ruht auf den vorbeizeihenden Schiffen. Alt werden am langen ruhigen Fluss©

"Bingo!", zirpt es aus einer winzigen Person, sie schüttelt die schlohweißen Locken, sie wuchtet sich auf den Rollator, den Gehwagen, drängt nach vorn und sucht sich am Gabentisch ihren Gewinn aus. Sie hält eine Schachtel "Delacre-Keks-Kollektion" in die Höhe, ein kleines Lächeln huscht über ihr Gesicht. Eine andere alte Dame in türkisblauem Cordsamt sitzt konzentriert über ihrem Bingoschein, ihr Stock hängt am Nachbarstuhl. In sich zusammengesunken kauert ihre Sitznachbarin in einem lila Gewand, sie hat geschminkte Lippen, blickt ausdruckslos vor sich hin. Neben ihr steht ein Rollstuhl, vor ihr eine Schnabeltasse aus durchsichtigem Plastik, darin milchigbrauner Kaffee. Auf den Tischen stehen Platten, auf denen unter einer Frischhaltefolie ungeröstete mit Marmelade bestrichene Toastbrotscheiben und aufgeschnittener Rosinenstuten angerichtet sind. Noch hängt der Mittagessensgeruch im Raum, eine Dunstglocke, gebaut aus Spuren von Fett, Brühe, Kartoffeln und Mehlschwitze. Dreißig alte Menschen spielen heute Bingo, nur zwei Männer sind dabei. Adrett mit Bart und Pullunder der eine, im Rollstuhl gekrümmt und in seinem Vergessen versunken der andere. Die Spielleiterin sitzt vorn an der Bingotrommel, einem goldfarbenen Gebilde, in dem Bälle durcheinandergewirbelt werden. Es rattert und kollert und klöpfelt wie Bachkiesel im Schleudergang. Und steht dann still. "Bingo", flüstert eine Frau.

Spielenachmittag in Hamburger Arbeiterstadtteil Rothenburgsort, im Altenheim Billwerder Bucht. Träger: die Diakonie. Kosten je Monat für betreutes Wohnen: 500 Euro. Ausblick: Bäume, Elbe, Binnenschiffe, Kräne. Und Möwen im Wind.

Klaviertöne perlen aus einem schwarzlackiert-glänzenden Flügel

Gut zehn Kilometer elbabwärts, Richtung Meer: Liedernachmittag im feinen Hamburger Stadtteil Nienstedten, im Altenheim Elbschloss Residenz, der "Hamburger Wohlfühloase", wie die von alten Bäumen und Rhododendren umstandene Anlage für sich wirbt. Im Restaurant Hanseatic perlen Klaviertöne aus einem schwarzlackiert-glänzenden Flügel, Kirschbaumholzstühle stehen auf Teppich und Parkett, Leinen bedeckt die Tische, auf denen Lilien in schlanken Gläsern stehen. Eine Sopranistin hebt die Stimme: "Ein Lied geht um die Welt …" Eine Dame betritt den Raum, im rosa Vichy-Karo die Bluse, cremefarben die Marlenehose, das Handgelenk umspielt ein goldenes Armband. "Na, die Damen!", begrüßt sie ihre Freundinnen schwungvoll. Schon steht ein Glas Champagner vor ihr. Die Elbschloss Residenz ist in privatwirtschaftlicher Trägerschaft und gewinnorientiert. Der Preis für Logis und das tägliche Mittagessen beginnt bei 2000 Euro für das kleinste Apartment und geht bis 4500 Euro, bei Pflege bis 8000 Euro. Pro Monat.

Ausblick: Bäume, Elbe, Schiffe, Kräne. Und Möwen im Wind.

Altwerden in Deutschland bedeutet meist: Altwerden im Heim. Knapp eine Million Deutsche wohnen in Alten- und Pflegeheimen. Dabei wollen neun von zehn Deutschen am liebsten in den eigenen vier Wänden alt werden. Egal, ob ihr neuer Platz ein simples Altenheim ist oder eine luxuriöse Residenz: Abgeschoben fühlen sich viele, nicht mehr gebraucht. So wird Dasein im Altenheim zu einem Aufenthalt in einer Art Zwischenreich. Nicht mehr in der Gesellschaft, aber auch noch nicht außerhalb. Ein Ozean an Zeit steht zur Verfügung, Zeit, die gefüllt werden will und doch meist mit Grübeln verbracht wird oder mit Sorgen.

Die Kinder haben nicht viel Zeit

Die Elbschloss Residenz setzt auf Zerstreuung: Am Liedernachmittag nimmt man Eiskakao zu sich oder Espresso, serviert von Kellnerinnen im schwarzen Anzug. Ein alter Herr blickt in sich hinein. Stocksteif hält er sich, der Rücken ist durchgebogen, am Finger glänzt ein Siegelring. Haltung, überall Haltung. Jürgen R. Alzer, 80, ehemals Vorstand einer international agierenden Baufirma, wippt mit der Melodie mit. Seit bald zwei Jahren lebt er in einem 80-Quadratmeter-Apartment in der Elbschloss Residenz. "Klein Hagen an der Elbchaussee", schrieben ihm seine Kinder auf ein Schild und hängten es an seine Tür. Sie leben in Hamburg. Nachdem er gestürzt war in seinem nordrhein-westfälischen 300-Quadratmeter-Haus, entschloss er sich zum Umzug ins betreute Wohnen. 3000 Bücher und 60 Gemälde ließ er zurück, ebenso die 40 Jahre, die er in dem Haus gelebt hat. Die Erinnerung bleibt, auch an seine Frau, die an Krebs erkrankt war und die er zu Hause gepflegt hat. An den Rosengarten, den er der Todkranken noch pflanzen ließ. Alzer liest viel, hört Klaviermusik. Und hat in den vergangenen zwei Jahren ein Buch über die Weltreligionen geschrieben. Viel Zeit haben seine Kinder nicht für ihn, sie sind berufstätig, haben Familie. "Ich bin ein Mensch, der sehr gut allein sein kann", sagt Alzer. Und dann sagt er: "Wollen muss man können."

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 43/2008

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KOMMENTARE (1 von 1)
 
starmax (26.10.2008, 14:33 Uhr)
Ein großartiger und bewegender Bericht
der leise, aber schonungslos das letzte Kapitel in unserer arbeitsteiligen, weil zinsgierigen Welt aufzeigt.
Ich hoffe für mich, später einmal rechtzeitig die Kraft zu finden, dem aus freien Willen ein Ende zu machen, wenn man nur noch einer von vielen Belastungsfaktoren ist und der Welt nichts mehr zu geben hat....
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