Es war eine Orgie der Gewalt, die sich im August 2008 in einem Eiscafé in der Fußgängerzone von Rüsselsheim abspielte. Vertreter zweier türkischer Familien waren dort mit Messer und Pistolen aufeinander losgegangen. Drei Menschen starben, darunter eine unbeteiligte Passantin. Jetzt hat der Prozess gegen die drei mutmaßlichen Haupttäter begonnen.

Beamte der Spurensicherung überprüfen nach dem Bluttbad in einem Rüsselsheimer Eiscafé den Tatort© Boris Rössler/DPA
Gut ein dreiviertel Jahr nach einer Schießerei zwischen türkischen Clans in Rüsselsheim mit drei Toten stehen seit Dienstag drei Männer wegen Mordes vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft den Türken im Alter von 23, 29 und 32 Jahren vor dem Landgericht Darmstadt vor, bei der blutigen Fehde in einem Eiscafé im August 2008 "zur Wiederherstellung der Familienehre" um sich geschossen zuhaben. Außerdem seien die Männer mitten in der Fußgängerzone mit Schlagringen und Messern aufeinander losgegangen.
Hintergrund soll ein Machtkampf unter Türstehern von Diskotheken im Rhein-Main-Gebiet gewesen sein. Laut Anklage gab es zwischen den Gruppen schon seit geraumer Zeit "Spannungen und Auseinandersetzungen". Die schwer bewaffneten Männer hätten sich schon mit dem Ziel verabredet, "dass das Treffen einen gewalttätigen Verlauf nimmt".
Der jüngste Angeklagte soll mit einem Messer auf eines der Opfer 14 Mal eingestochen haben. Der 23-Jährige war erst zwei Monate nach der Tat in Belgien gefasst worden. Staatsanwalt Knut Happel sagte in einer Prozesspause, Gerüchte über eine Verstrickung der Mafia hätten sich nicht bestätigt. An der Schießerei seien mehr Männer beteiligt gewesen. Sie würden gesondert verfolgt. Die drei Angeklagten seien die Hauptschuldigen.
Für den Prozess galten erhöhte Sicherheitsvorkehrungen. So gab es doppelte Personenkontrollen. Über dem Landgericht kreiste am Morgen ein Hubschrauber, Streifen patrouillierten. Im Gerichtssaal und auf den Gängen gab es mehr Polizei als üblich.
Bei der Schießerei war auch eine unbeteiligte Frau von einer verirrten Kugel getötet worden. Die Griechin hatte in einem benachbarten Café einen Cappuccino trinken wollen. Ihr Mann ist einer der Nebenkläger.
Die Angeklagten, die detaillierte Angaben verweigerten, wurden in Handschellen vorgeführt. Die Wachmänner brachten sie einzeln in den Gerichtssaal. Die Männer, von denen zwei Brüder sind, würdigten einander keines Blickes. Als die mutmaßlichen Mörder den Gerichtssaal betraten, brach der Mann der irrtümlich getöteten Frau in Tränen aus.
Vor und nach der Verlesung der Anklage versuchten die Verteidiger immer wieder, den Prozess durch Anträge zum Platzen zu bringen. So monierten sie die Besetzung der Schöffen, kritisierten die ihnen zur Verfügung gestellten Prozessunterlagen als unvollständig und bemängelten den Umgang mit Zuschauern. Die Kammer unter Vorsitz von Volker Wagner lehnte einige Anträge als unbegründet ab, bei anderen stellte sie die Entscheidung zurück.
Für den Prozess sind bis Ende Juli 16 Verhandlungstage geplant und neben Sachverständigen Dutzende von Zeugen geladen.