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Teuerung in den letzten Jahrzehnten Was eine Eiskugel für 1,50 Euro über die Inflation verrät

Große Vielfalt an der Eisdiele, doch gefühlt ist alles teurer geworden
Große Vielfalt an der Eisdiele, doch gefühlt ist alles teurer geworden
© Colourbox.de
Viele Menschen haben das Gefühl, das Leben wird immer teurer. Die Inflationsrate ist aber niedrig, sie beträgt weniger als zwei Prozent. Stabiler kann eine Währung nicht sein. Der Preis für eine Eiskugel gibt Aufschluss, warum wir heute alles als teuer empfinden.

Endlich Sommer – was liegt da näher als der Besuch im Eiscafé? Die Idee ist gut, aber an der Kasse folgt die Ernüchterung: Eine Kugel Stracciatella-Eis mit Schokostreuseln kostet im Hamburger Univiertel 1,50 Euro. Die Älteren würden sagen: Drei Mark. Und das ist noch nicht mal Spitze in Deutschland.

Früher, da reichte eine silberne 50-Pfennig-Münze, um sich eine Eiskugel in ein Hörnchen drücken zu lassen. Die Auswahl Mitte der 1980er war einfach: Vanille, Erdbeere, Schokolade und für die Exoten gab es grüne Pampe mit Waldmeister-Geschmack. Heute ist alles ein bisschen ausgefallener: Strawberry Toffee Fudge, White Chocolate Banana Cheesecake und andere Zungenbrecher gehören mittlerweile zum Standard. 

Wie Preisentwicklung berechnet wird

Die Entwicklung der Preise wird durch die Inflationsrate gemessen. Dreht man die Zeit von 1985 ins Jahr 2015, müsste das Eis für 50 Pfennig bei zwei Prozent Inflation mittlerweile 46 Cent kosten. Das klingt vollkommen unrealistisch. Eine Teuerung von 50 Pfennig auf 1,50 Euro innerhalb von 30 Jahren entspricht einer jährlichen Inflation von mehr als sechs Prozent. Werden wir also angelogen?

Das statistische Bundesamt ist in Deutschland für die Berechnung der Inflationsrate zuständig. Um zu prüfen, wie sich die Preise in Deutschland entwickeln, wird ein repräsentativer Warenkorb zusammengestellt. Darin landen allerlei Dinge, die wir zum täglichen Leben brauchen, aber auch größere Anschaffung, unsere Mietzahlungen und die Kosten, die wir für Energie zahlen. An der Preisentwicklung des Warenkorbes lässt sich die Inflationsrate ablesen.

Subjektive Wahrnehmung

Gefühlt ist alles teurer geworden. Doch es gibt im Leben noch andere Dinge als Eis. In den 1980ern war der Walkman ein Verkaufsschlager, dieser Traum kostete einige Hundert Mark plus die Folgekosten für Kassetten. Heute bekommt man einen guten MP3-Spieler für ein paar Euro. Der MP3-Spieler ist dem Walkman technisch in jeder Hinsicht überlegen, gilt trotzdem als veraltet und ist ein Ladenhüter. Wer sich mit Technik von Vorgestern zufrieden gibt, kommt in den Genuss drastisch sinkender Preise. Wir hetzen stattdessen Jahr für Jahr dem neuesten Smartphone-Trend hinterher - koste es, was es wolle. Das statistische Bundesamt geht von "mittlerer Qualität" aus - wer mehr will, lebt teuer.

Der Warenkorb hat weitere Schwachstellen: Er tut sich schwer, technische Weiterentwicklungen bei bestehenden Produkten abzubilden. Für einen Kleinwagen mussten Käufer vor einigen Jahren beispielsweise rund 10.000 Euro hinblättern. Heute kostet das gleiche Auto bereits 12.000 Euro und ist damit 20 Prozent teurer geworden. Dass der vermeintlich gleiche Wagen inzwischen aber sparsamer und deutlich umfangreicher ausgestattet ist, muss nach Meinung des statistischen Bundesamtes berücksichtigt werden. Die Inflation wird (durch einen Korrekturfaktor) kleiner gerechnet, als sie es ist. Die Verbraucher, denen eine Klimaanlage, Navi und anderer Schnickschnack egal sind, haben Pech. Sie müssen den höheren Preis zahlen.

Woher kommt unser Gefühl, inzwischen für alles mehr Geld auszugeben? Die Kugel Eis ist ein Beispiel, aber auch der Restaurantbesuch oder ein Kaffee zum Mitnehmen sind deutlich teurer geworden. Diese Dinge spüren wir tagtäglich, andere laufende Kosten hingegen beziehen wir in unser Urteil kaum ein. Computer, Stereoanlagen und Fernseher sind drastisch billiger geworden (zumindest, wenn man heute einen kleinen Fernseher kauft, der damals riesig gewesen wäre). Diese Dinge schaffen wir uns aber im Schnitt nur alle paar Jahre neu an. Dass auch diese Preise die Inflationsrate beeinflussen, vergessen wir gerne.

Wer ständig das Beste und Neueste haben will, muss Preissteigerungen von deutlich mehr als zwei Prozent in Kauf nehmen und mit dem Gefühl leben, dass früher alles billiger war.


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