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Ex-RAF-Terroristin: Festnahme im Eiscafe

Eva Haule galt als eine der radikalsten RAF-Mitglieder. Sie war am tödlichen Anschlag auf den US-Stützpunkt in Frankfurt beteiligt. Im Sommer könnte sie nach 21 Jahren Haft freikommen, eine Anpassung an das bürgerliche Leben lehnt sie aber ab.

Die Fahnder griffen im Eiscafé Dolomiti zu: Seit zwei Jahren war nach Eva Haule schon gesucht worden, sie war ein führendes Mitglied der Roten-Armee-Fraktion. In der Eisdiele in Rüsselsheim bei Frankfurt trug sie am 2. August 1986 eine durchgeladene Pistole mit 80 Schuss Munition bei sich, ließ sich aber ohne Widerstand festnehmen. Seitdem sitzt Haule in Haft und könnte in diesem Sommer - nach 21 Jahren - auf freien Fuß kommen.

Verurteilt wurde die heute 52-Jährige zunächst wegen der Beteiligung am fehlgeschlagenen Anschlag auf die Nato-Schule in Oberammergau in Oberbayern 1984, der nur wegen eines Versehens scheiterte. Allein dafür erhielt sie 15 Jahre Gefängnis. 1994 kam eine lebenslange Haftstrafe wegen des Anschlages auf die Rhein-Main Air Base der US-Luftwaffe in Frankfurt hinzu.

Haules Fingerabdrücke fanden die Terror-Ermittler in konspirativen RAF-Wohnungen in Frankfurt, Offenbach, Tübingen und Karlsruhe. In der Berger Straße 344 in Frankfurt wurden 1984 außerdem Unterlagen über die Nato-Schule mit ihrer Schrift gefunden sowie Aufzeichnungen über die amerikanische Flint-Kaserne im bayerischen Reichersbeuern entdeckt, auf die im Mai 1986 ein Brandanschlag verübt wurde. Auf diesen Dokumenten wurden ebenfalls ihre Fingerabdrücke gefunden.

Hinterhältiger Anschlag auf Flughafen

Die Festnahme Haules war ein schwerer Schlag gegen die RAF. Die Sicherheitsbehörden rechneten sie zu den Sympathisanten, die 1984 in den Untergrund gingen, um den harten Kern aufzufüllen. Im Juli dieses Jahres wurde ein internationaler Haftbefehl ausgestellt, das Foto der früheren Studentin erschien auf Fahndungsplakaten nach dem Mord am Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts und seinem Fahrer. Dafür wurde Haule, die nach ihrer Scheidung den angeheirateten Namensteil Frimpong ablegte, jedoch nie belangt. Stattdessen verurteilte sie das Oberlandesgericht Frankfurt im April 1994 zu lebenslanger Freiheitsstrafe unter anderem wegen dreifachen Mordes im Zusammenhang mit dem Anschlag auf den militärischen Teil des Frankfurter Flughafens am 8. August 1985.

Dabei ging die RAF besonders hinterhältig vor: Am Vorabend wurde der 20-jährige Soldat Edward Pimental aus einer Wiesbadener Disco gelockt und mit einem Kopfschuss ermordet. Die Terroristen brauchten seinen Ausweis, um auf den schwer bewachten Stützpunkt zu gelangen. Am nächsten Morgen wurde ein mit Sprengstoff beladener VW Passat auf die Air Base geschmuggelt, der um 07.19 Uhr explodierte. Dabei kamen der Soldat Frank Scarton und die Zivilangestellte Becky Bristol ums Leben. 23 Menschen wurden verletzt. Neben der RAF übernahm auch die französische Terrorgruppe Action Directe die Verantwortung für den Anschlag.

Im Prozess 1993 verteidigte Haules Verteidiger Gerd Klusmeyer den Anschlag als legitimen Akt des Widerstandes gegen den Imperialismus der USA. Die damalige Extremistin erklärte, dass die Anklage keinerlei konkrete Beweise gegen sie oder ein anderes RAF-Mitglied habe. Die Bundesanwaltschaft stützte sich vor allem auf zwei Schriftstücke, in denen Haule nach Darstellung der Ermittler die Tat einräumte. Die Dokumente wurden in der Zelle einer Gesinnungsgenossin gefunden. Die Verteidigung argumentierte, dass Haule bereits im ersten Prozess als führendes RAF-Mitglied verurteilt wurde, was auch den Anschlag auf die Air Base einschließe.

Obwohl ein Richter 1988 Haule für noch radikaler als den verurteilten Terroristen Christian Klar einschätzte, setzte sie sich im zweiten Prozess mit den Taten der RAF auseinander: Es sei ein Fehler gewesen, den im April 1992 erklärten Gewaltverzicht nicht schon früher abgegeben zu haben.

"Das reduziert den Blick, stumpft ihn ab"

In ihrer Haftzeit saß Haule zunächst ein Köln ein, später in Stuttgart-Stammheim, wo auch der erste Prozess gegen sie stattfand. Im Jahr 1989 wurde sie nach einem Hungerstreik aus Protest gegen die Einzelhaft nach Frankfurt-Preungesheim verlegt, wo sie bis zum Jahr 2004 blieb. Seitdem ist Haule im Frauengefängnis in Berlin-Neukölln untergebracht. Schon in Frankfurt begann die 52-Jährige, sich mit Fotografie zu beschäftigen. Sie belegte in der Haftanstalt Kurse und fotografierte mitgefangene Frauen und auch sich selbst. Im Vorwort ihres Porträtbandes beschreibt Haule den Gefängnis-Alltag als monoton: "Das reduziert den Blick, stumpft ihn ab, verödet die Sinne. Das Fotografieren macht den Blick wieder auf." Den Freigang in Berlin nutzt die Strafgefangene für den Besuch der Schule "Fotografie am Schiffbauerdamm". Bereits im vergangenen Jahr stellte Haule einen Antrag auf Haftentlassung auf Bewährung, den das Oberlandesgericht Frankfurt ablehnte. Allerdings legte das Gericht die Mindesthaftdauer auf 21 Jahre fest, die im Sommer verbüßt wären.

Ein Gutachten soll jetzt klären, ob die frühere Terroristin immer noch eine Gefahr für die Gesellschaft ist. Selbst wenn sie in diesem August in die Freiheit entlassen wird, ist ein normales bürgerliches Leben unwahrscheinlich. Damit könnten die von ihr porträtierten Frauen und sie selbst nichts anfangen, schreibt sie in ihrem Buch. "Die Anpassung an die herrschenden Verhältnisse und gesellschaftlichen Normen - einschließlich des Frauenbildes darin - ist nicht unsere Sache."

AP / AP