RAF-Terroristen Unverbesserlich und kein bisschen Reue


Vor zwei Monaten wurde dem früheren RAF-Mitglied Eva Haule die Reststrafe erlassen. Von der wegen mehrfachen Mordes verurteilten Terroristin, ginge "derzeit keine Gefahr für die Allgemeinheit mehr aus." Dabei hat Haule erst vor einem Jahr die Morde einer Kampfgefährtin verherrlicht, wie der stern nun berichtet.
Von Uli Rauss und Oliver Schröm

Frankfurt, 2. Juli 1984: Die RAF war wieder einmal tot. Der Polizei war ein ganz großer Schlag gegen die Terrororganisation gelungen. In einer konspirativen Wohnung in der Berger Straße 344 hatte sie sechs RAF-Mitglieder festnehmen können, fast die komplette Riege der Kommando-Ebene. Nur ein Mitglied der Führungsmannschaft blieb frei: Eva Haule. Sie wohnte ebenfalls in der Frankfurter Terror-Wohngemeinschaft, war aber zufällig nicht anwesend.

Eva Haule war Mitte der 80er Jahre der "Motor" der RAF, so der Verfassungsschutz in einem vertraulichen Analysepapier. Nach der Verhaftung der kompletten Kommandoebene oblag es der gebürtigen Baden-Württembergerin der RAF neues Leben einzuhauchen. Sie rekrutierte neue Kampfgefährten im Stuttgarter und Frankfurter Raum, meist alte Bekannte, meist Frauen, Mitte bis Ende 20 - das Fundament der so genannten 3. Generation der RAF.

Und das Morden konnte weitergehen. Nach einem gescheiterten Bombenanschlag auf die Nato-Schule in Oberammergau und einem Überfall auf einen Waffenhändler sprengte die neu formierte RAF 1986 die BMW-Limousine von Karl Heinz Beckurts. Das Siemens-Vorstandsmitglied und sein Fahrer starben. Der Name des Siemens-Managers hatte auf einer Liste gestanden, die man in der Frankfurter Terror-WG in der Berger Straße gefunden hatte.

Vier Wochen später, am 2. August 1986, wurde die damals 32-jährige Haule in Rüsselsheim in einer Eisdiele verhaftet, zusammen mit zwei Unterstützter der RAF, Mitglieder der so genannten "Kämpfenden Einheiten". Die beiden Unterstützer hatten erst neun Tage zuvor in Immenstadt am Bodensee einen zur Bombe umfunktionierten VW Golf vor ein Gebäude der Rüstungsfirma Dornier geparkt und zur Explosion gebracht - Sachschaden 1,3 Millionen Mark. Als die Polizei nun in der Eisdiele zugriff, hatten sie gerade mit Haule den nächsten Anschlag geplant. Auf dem Tisch lagen Skizzen des Entwicklungshilfe-Ministeriums in der Karl-Marx-Straße in Bonn. Der Name der Aktion hatte ebenfalls schon festgestanden: "Kämpfende Einheit Ernesto Flores", benannt nach einem Guerillakämpfer aus El Salvador.

1988 wird Eva Haule wegen des Anschlagsversuches auf die Nato-Schule und dem Überfall auf den Waffenhändler zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. 1994 steht sie nochmals vor Gericht. Sie wird wegen der Beteiligung an der Ermordung eines US-Soldaten und an einem Sprengstoffanschlag auf die US-Luftwaffenbasis Rhein-Main, bei dem es zwei Todesopfer gab, zu einer lebenslangen Strafe verurteilt. In der Urteilsbegründung wird noch ausdrücklich auf ihre "besonders schwere Schuld" verwiesen.

Nachruf lässt an Haule zweifeln

Am 16. August 2007 beschließt das Oberlandesgericht Frankfurt, Eva Haule nach 21 Jahren auf Bewährung vorzeitig freizulassen. Von ihr gehe "derzeit keine Gefahr für die Allgemeinheit mehr aus". Nach Meinung der Richter hat sie "überzeugend klargemacht, Gewalt in form des ‚bewaffneten Kampfes' nicht mehr als geeignetes Mittel zur Erreichung politischer Ziele anzusehen".

In einem Beitrag von Eva Haule, veröffentlicht am 18. März 2006 auf der Webseite der französischen Terrororganisation "Action Directe", klingt das anders. Haule schreibt einen Nachruf auf die damals gerade an Krebs gestorbene Joelle Aubron: "Joelle - liebe wilde Genossin und Freundin: Mit dir habe ich die beste und wichtigste Erfahrung in meinem Leben geteilt. Die, die heute an einer revolutionären Perspektive arbeiten, werden auf diese Erfahrung zurückkommen, sie sich aneignen und weiterentwickeln. Sie werden dabei auf Spuren stoßen, die du gelegt hast." Joelle Aubron war einst verurteilt worden für den Mord an dem französischen General René Audran, damals eine koordinierte Aktion der "Action Directe" mit der von Eva Haule angeführten RAF. Sieben Tage nach der Ermordung des Generals hatte die RAF zugeschlagen und den Rüstungsmanager Ernst Zimmermann erschossen.

Eva Haule ist nicht das einzige RAF-Mitglied, dass bis heute die blutigen Taten von einst verheerlicht und trotzdem vorzeitig aus der Haft entlassen wurde. Der wegen Beteiligung am Mord von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer verurteilte Rolf Clemens Wagner hatte erst kürzlich für Empörung gesorgt. In der "Jungen Welt" hatte Wagner die Entführung von Schleyer auch "aus heutiger Sicht" als richtig bezeichnet. Wagner war 2003 nach 24 Jahren Haft vom damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau begnadigt worden. Nach einer Anzeige einer Privatperson hat die Berliner Staatsanwaltschaft gegen Wagner ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Vorwurf: Billigung von Straftaten. Ausgang ungewiss.

Als "skandalös" und "inakzeptabel" kritisierte Bundesjustizministerin Brigitte Zypries am Mittwoch anlässlich einer Gedenkveranstaltung für die Opfer RAF die Äußerungen der Ex-Terroristen, die noch heute versuchen, ihre Taten zu rechtfertigen.

Das umstrittene Äußerungen inhaftierter Terroristen durchaus Konsequenzen haben kann, zeigte sich im Mai. Damals hatte Bundespräsident Köhler eine Begnadigung des RAF-Terroristen Christan Klar abgelehnt. Zuvor war bekannt geworden, dass der Mehrfach-Mörder erst im Januar 2007 sich in einem Grußwort an die Rosa-Luxemburg-Konferenz in der Sprache einstiger RAF-Bekennerschreiben eine "Niederlage der Pläne des Kapitals" wünschte, um damit die "Tür für eine andere Zukunft aufzumachen".

Zu seinen Opfern und deren Hinterbliebenen äußerte sich Klar ebenfalls einmal, im Tonfall kalt und klar: "Ich überlass' der anderen Seite ihre Gefühle und respektiere ihre Gefühle, aber ich mach's mir nicht zu eigen."


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