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Mohnhaupt-Entlassung: Die Freiheit als Kulturschock

Nach mehr als 24 Jahren ist die ehemalige RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt wieder frei. Das Geldabheben am Bankautomaten hat sie schon gelernt, nun warten weitere Alltagshürden des Jahres 2007 auf sie. Die könnten bald auch auf ihre RAF-Mitkämpferin Eva Haule zukommen.

Es sind sicher nicht nur die Nebensächlichkeiten, die Brigitte Mohnhaupt in Freiheit zu schaffen machen werden. Nach 24 Jahren wurde die Ex-RAF-Terroristin nun aus der Haft entlassen und alltägliches wie Geld aus einem Bankautomaten zu ziehen oder S-Bahn-Karten kaufen, hat sie schon bei einigen Freigängen gelernt. Aber: "Wenn Langzeit-Häftlinge Knall auf Fall entlassen werden, beginnt die Zeit in Freiheit meist mit einem Kulturschock", sagt Lothar Strehl, Bewährungshelfer im Dienst des Landgerichts Regensburg. "Beispielsweise sind es die Leute gewohnt, dass ein Essen im Restaurant für ein paar D-Mark zu haben ist."

"Lebenspraktische Übungen" vom Bewährungshelfer

In machen Fällen müssten die Bewährungshelfer sogar "lebenspraktische Übungen" mit ihren Schützlingen durchführen - etwa, wenn es um das Überqueren einer vielspurigen Straße gehe. "Fast alle, die so lange in Haft waren, haben ihre Marotten", sagt Strehl. Einer seiner Klienten habe beispielsweise ständig alle Türen verrammelt, "weil er es aus dem Gefängnis so gewohnt war". Andere Ex-Häftlinge hätten größte Schwierigkeiten damit, regelmäßig ihre Wäsche zu waschen und sich selbst Essen zuzubereiten: "Denn im Gefängnis gibt es ja eine Art Rund-um-die-Uhr-Betreuung."

Fünf Jahre wird sich ein Bewährungshelfer um Brigitte Mohnhaupt kümmern - die übliche Frist für langjährige Inhaftierte wie die nun 57-Jährige. In der Zeit muss sie Reisen ins Ausland anmelden, Bescheid sagen, wenn sie den Arbeitgeber wechselt oder umzieht, wie der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger zu stern.de sagte. Straffällig darf sie in der Zeit selbstverständlich auch nicht werden. Selbst relativ harmlose Vergehen wie Alkohol am Steuer können sie wieder ins Gefängnis bringen. In der Praxis würde aber wohl nur eine schwere Straftat dazu führen, dass die Bundesanwaltschaft eine erneute Inhaftierung beantragen würde. Der Aichacher Anstaltsleiter Wolfgang Deuschl sieht da aber keine Gefahr: "Ich kann aus meiner Sicht aber davon ausgehen, dass sie nicht mehr straffällig wird."

Auf Hartz IV und Sozialrente angewiesen

Beruflich könnten Ex-Häftlinge nach 20 oder gar 30 Jahren Haft in aller Regel nicht mehr Fuß fassen. Meist müssten sie mit Hartz IV und anschließend mit einer Sozialrente auskommen. Angeblich soll Mohnhaupt allerdings bereits einen Job in einer Autoteilefabrik haben. In ihrer Sozialprognose heißt es, dass sie auf Dauer nicht ohne "öffentliche oder private Unterstützung" wird auskommen können - einen "richtigen" Beruf hat sie nicht gelernt, ihre Zeitungswissenschaftsstudium nicht beendet.

Der frühere Strafverteidiger Rupert von Plottnitz, der im Baader-Meinhof-Prozess den Terroristen Jan-Carl Raspe vertrat, sagt, innerhalb kürzester Zeit müssten die Ex-Häftlinge ihre soziale Isolation überwinden, die Arbeitsplatzsuche beginnen und selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen: "Wenn man da ohne private Unterstützer oder familiären Rückhalt dasteht, ist der Rückweg in die Gesellschaft ein ganz hartes Brot." Zumal es in deutschen Gefängnissen eher die Ausnahme als die Regel sei, dass Langzeit-Häftlinge im Umgang mit Computern oder anderen Geräten geschult würden, die es vor 25 Jahren noch gar nicht gab, so von Plottnitz.

Auf die Hilfe zahlungskräftiger Sympathisanten können entlassene RAF-Häftlinge nach Überzeugung von Ex-Anwalt von Plottnitz nicht mehr hoffen. Zwar hat die in den 70er Jahren gegründete "Rote Hilfe", die sich als Solidaritätsorganisation für politisch Verfolgte aus dem linken Spektrum sieht und vom Verfassungsschutz beobachtet wird, noch immer mehr als 4300 Mitglieder. "Solche Organisationen sind aber eher Geschichte als Gegenwart."

Das gleiche Schicksal dürfte bald auch der den ehemalige RAF-Terroristen Eva Haule erwarten. Das Oberlandesgericht Frankfurt am Main wolle bald prüfen, ob die 52-Jährige vorzeitig entlassen werden könnte, so Gerichtssprecher Wolfgang Weber. Das dazu beauftragte Gutachten, das klären soll, ob von Haule noch eine Gefahr für die Gesellschaft ausgeht, wird Weber zufolge im Juni oder Juli erwartet. Haule wird am 1. August 2007 insgesamt 21 Jahre im Gefängnis gesessen haben - ihrer Mindesthaftdauer. Die in Stuttgart geborene Haule gehörte der dritten Generation der RAF an und wurde 1986 verhaftet. Wegen der Beteiligung an der Ermordung eines amerikanischen Soldaten im August 1985 in Wiesbaden und am Sprengstoffanschlag auf einen US-Luftwaffen-Stützpunkt wurde sie zu lebenslanger Haft verurteilt. Die 52-Jährige sitzt derzeit in Berlin ein, wo sie als Freigängerin eine Ausbildung zur Fotografin macht.

Wird Birgit Hogefeld die letzte Gefangene sein?

Sollte nach Haule auch Christian Klar freikommen, er hat beim Bundespräsidenten ein Gnadengesuch gestellt, wäre Birgit Hogefeld das letzte inhaftierte Ex-RAF-Mitglied. Sie könnte frühestens 2011 freikommen. Die 50-Jährige wird dann 18 Jahre im Gefängnis gesessen haben.

nik mit AP/DPA / DPA