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Teaser Norderstedt
Podcast Folge 2

NEON-Kurzgeschichte "Norderstedt": 30 Quadratmeter große Katastrophen – eine Geschichte über die Wohnungssuche in der Großstadt

Fiona gelingt endlich die Flucht aus der Vorstadt: Sie zieht von Norderstedt nach Hamburg. Der Kulturschock ist ungefähr so groß, als wäre sie nach New York oder Tokio gezogen. Die neue Folge unseres Podcasts "Norderstedt" – die NEON-Kurzgeschichte.

Als Fiona endlich von Norderstedt nach Hamburg zog, überquerte sie nur eine Stadtgrenze. Der Kulturschock war aber so groß, als wäre sie nach New York oder Tokio gezogen. Wie ein wohliger Rausch breitete sich das ungekannte Gefühl der Freiheit in ihr aus. Plötzlich spürte sie alles, was vorher taub war.

Als Fiona ihren Entschluss gefasst hatte, musste alles ganz schnell gehen. Noch am gleichen Tag beendete sie ihre langjährige Beziehung mit Max. Er war nicht bereit, aus Norderstedt wegzuziehen, und auch wenn die wenigen Kilometer bis Hamburg nicht gerade eine Fernbeziehung bedeutet hätten, war ihr bewusst, dass sie mit ihrem Schritt eine unüberwindbare Distanz zu ihm aufbauen würde.

Max war nun mal fast zehn Jahre älter und legte inzwischen Wert auf Häuslichkeit und diesen Zustand, der traditionell mit dem schlimmsten aller Spießerausdrücke zusammengefasst wird: Planungssicherheit. Fiona fühlte sich fürchterlich wegen der Trennung, aber sie hatte keine Wahl: "Was soll ich denn machen?", fragte sie ihre beste Freundin Birte rhetorisch. "Aus schlechtem Gewissen bei ihm bleiben?"

Max nahm es gelassener hin, als sie befürchtet hatte. Er war kein besonders emotionaler Mensch und die rationalen Beweggründe ihrer Entscheidung konnte er sogar nachvollziehen. Es schien auch keine Rolle für ihn zu spielen, dass er ihr gerade erst unter großer Selbstüberwindung die Sache mit Tim verziehen hatte. Außerdem kannte er sie gut genug, um zu wissen, dass sie nicht mehr umkehren würde. "Melde dich", nuschelte er bei der letzten Umarmung trotzdem in ihren Nacken, "wenn du mal wieder in Norderstedt bist." Anschließend sah er sie mit einem Blick an, als würde sie wirklich nach New York oder Tokio ziehen.

Schwieriger geriet das Gespräch mit ihrem Vater. Es brach Fiona das Herz, dass sie ihn auf dem falschen Fuß erwischte.

"Du willst was?", fragte er und kratzte seine Glatze. "Schriftstellerin werden? In Hamburg?"

Er ließ es klingen, als habe sie ihn gerade über eine bevorstehende Expedition zum Mars informiert. Er hatte fest damit gerechnet, dass sie den Job in seiner Versicherungsfirma annehmen würde. Weil er keine Ahnung hatte, wie die Vorstellung seiner Tochter von einem gelungenen Leben aussah. Es war auch ihre Schuld, denn sie hatte ihm nie von ihren Plänen erzählt – vielleicht, weil sie ihnen selbst nicht getraut hatte. Vielleicht, weil sie ihm nicht zutraute, sie zu verstehen.

Jedenfalls war es jetzt zu spät und ihr Vater war verstört. Sie werfe ihr Leben weg, rief er ihr noch hinterher. Das ganze Leben ist Verdrängung, dachte Fiona, und stieg mit ihren drei Koffern in ein Car2go. Als sie losfuhr, hatte sie Angst. Als sie ankam, hatte sie die Angst überwunden.

Eine halbe Stunde später stand Fiona bei ihrer besten Freundin Birte auf einer Fußmatte, auf der gestickte Möwen kreisten und "Moin moin" stand. Birte wohnte im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel im feuchten Studententraum von einer Altbauwohnung. Weil ihre Mitbewohnerin gerade für zwei Monate durch Südostasien reiste, hatte sie ein Zimmer frei. Fiona wollte bleiben, bis sie was Eigenes gefunden hatte.

Jeden zweiten Abend saßen Fiona und Birte bei einem Glas ungarischen Weißweins zusammen und scrollten sich durch die Wohnungsinserate in der Hoffnung, ein paar Perlen zu tauchen aus dem Angebot, das in der Masse unübersichtlich, bezüglich Qualität und angemessenem Preis-Leistungs-Verhältnis dafür umso überschaubarer war. Mit der Norderstedter Reihenhausromantik, in der sie aufgewachsen war, hatte die Auswahl jedenfalls gar nichts gemein. Das gefiel Fiona wiederum gut. Auch wenn sie sich fragte, ob 30 Quadratmeter für ihre Träume nicht ein bisschen zu klein waren.

Die erste Besichtigung sollte sich gleich als große Katastrophe herausstellen. Über drei Stockwerke schlängelten sich die rund 100 Interessenten durch das Treppenhaus, bevor sie auf Socken und in Vierergruppen über 45 völlig verwohnte Quadratmeter geführt wurden. Fiona hielt das Schauspiel bis zum Ende durch, obwohl sie schon beim aufgerufenen Mietpreis von 830 Euro am liebsten lachend weggerannt wäre, während alle anderen um sie herum hochinteressiert nickten.

Nicht jede weitere Wohnung war so teuer, auch weil Fiona ihren Suchradius schon bald notgedrungen über die Grenzen der Hipsterkieze hinaus erweitern musste. Mit jeder Besichtigung näherte sie sich wieder mehr und mehr dem Stadtrand an, vor dem sie doch eigentlich weggelaufen war. Die Mängel der Wohnungen, die von Vermittlern oder Vormietern in der Regel kaum kaschiert wurden – ganz so, als wären bei der enormen Nachfrage auch schwerste Schäden schulterzuckend in Kauf zu nehmen –, diese Mängel also waren teilweise derart abenteuerlich, dass Fiona sich im Anschluss oft Notizen machen musste, um sie auf keinen Fall zu vergessen – denn vielleicht würde sie wacklige Dachgestelle, offene Stromleitungen oder Schimmel im Schlafzimmer irgendwann mal als Thema in einem ihrer Romane verwenden können.

Fast an jedem anderen Abend, an dem Fiona keinen Wohnungsbesichtigungstermin wahrnahm, hatte sie ein Date. Birte hatte ihr Tinder empfohlen, um sich von den Erinnerungen an Max und Tim abzulenken, also traf sie sich mit anderen Typen. Da war zum Beispiel Dieter, der zwar erst 24 Jahre alt war, aber wirklich so hieß und sich selbst "Didi" nannte. Fiona traf ihn in einer Bar mit unverputzten Wänden und vergammelten Sofas, die frisch vom Sperrmüll geklaut sein mussten. Sie war zum ersten Mal dort, aber in ihrer Vorstellung hatte ein normaler Abend in Hamburg unter der Woche genau so ausgesehen: ein runtergerockter Laden, ein Drink, ein Typ.

Dieter trug die zerrissenen Jeans so hoch über die Knöchel gekrempelt, dass seine weißen Tennissocken freigelegt wurden, und die Hosenträger schnabberten über dem weißen Shirt mit Alf-Aufdruck. Er hatte offenbar ein großes Problem mit dem Hamburger Wetter. Er beklagte, dass es in Hamburg nur zwei Jahreszeiten gäbe: Winter und den Rest. Dass der Winter aber mindestens – MINDESTENS! – sechs Monate dauern würde, eher länger, auf jeden Fall gefühlt, und das Schlimmste sei die monatelange Dunkelheit und Farblosigkeit, in der die ganze Stadt dann versinke.

"Im Sommer ist Hamburg dafür umso schöner", setzte Fiona seinem Gemecker das Totschlagargument entgegen, das sie in dieser Stadt binnen kürzester Zeit schon so oft gehört hatte, aber damit brachte sie Dieter erst so richtig auf die Palme. Die Adern traten an seinen Schläfen hervor, als er rief: "Das ist doch genau das Problem! Leute wie du, ihr seid das Problem, weil ihr euch mit so wenig zufrieden gibt. Das ist wie mit dem Typen, den ihr toll findet, der sich aber viel zu selten bei euch meldet. Und wenn er dann doch mal anruft und fragt, was am Wochenende geht, dann seid ihr nicht etwa sauer, sondern kriegt euch gar nicht mehr ein vor Begeisterung." Fiona starrte Dieter an, während er sich eine kurze Kunstpause nahm. Dann atmete er tief durch und seufzte: "Genau so fühlt sich Sommer in Hamburg an."

Eines anderen Abends verabredete sie sich mit Marcel, dessen jungenhaftes Gesicht sie beim Swipen überzeugt hatte. Marcel sah in echt sogar noch zarter aus, aber nach drei Drinks wurde er frech. Wie aus dem Nichts – gerade hatten sie noch über süchtig machende Serien und die Frage nach dem besten Streamingdienst diskutiert – funkelte er Fiona plötzlich an und fragte, worauf sie denn so stehe. "Inwiefern?", fragte Fiona, obwohl seine Augen keine Fragen offen ließen. Er nahm sie ins Visier: "Bisschen Bondage, würde ich tippen ... hab ich Recht?"

Fiona wusste nicht, was sie sagen sollte. Marcel war überrascht, dass sie so überrascht war. "Was ist denn los?", fragte er und rührte auf einer Armlänge Abstand mit dem Zahnstocher in seinem Glas herum. "Ich finde es unheimlich wichtig, dass man sich da im Voraus verständigt – weißt du, was ich meine? Sonst gibt das hinterher nur böse Überraschungen." Fiona bedachte ihn mit einem abschätzigen Blick. "Ich zum Beispiel", sagte er unbeeindruckt, "lasse mich gerne anfurzen."

Ein dritter Typ hieß Damian. Er sah nicht nur reichlich verlebt aus mit filzigen Haaren und dunkelblauen Augenringen, sondern lieferte die Begründung dafür auch gleich mit, als er sich über seinen zweiten Gin Tonic lehnte und fragte: "Kokst du auch schon mal?" Fiona schüttelte den Kopf. "Speed?" Fiona verneinte. "MDMA? Ketamin?" Fiona fragte: "Warum interessiert dich das?" Damian zuckte mit den Schultern und sagte: "Ich will wissen, ob man mit dir auch feiern kann." An diesem Abend sehnte sich Fiona zum ersten Mal für einen heimlichen Moment nach Max und seiner Norderstedter Bodenständigkeit.

Fiona war froh, dass sie frisch getrennt und nicht auf der Suche nach dem Mann fürs Leben war, sonst wäre sie an diesen seltsamen Kerlen in Hamburg wahrscheinlich verzweifelt. Sie wollte sich nur ein bisschen umschauen, ein bisschen Spaß haben. Dank dieser Gleichgültigkeit fühlte sie sich von ihren katastrophalen Dates im Nachhinein wenigstens ganz gut unterhalten, mehr aber auch nicht. Irgendwann fragte sie sich, ob mit ihrer Haltung überhaupt mehr möglich war.

"In Hamburg wohnen nur gestörte Typen", fluchte Fiona eines Abends in ihren Wein.

"Niemand hat etwas anderes behauptet", erwiderte Birte und lachte ihr dreckiges Lachen.

"Und Tinder ist der größte Scheiß", legte Fiona nach.

"Niemand hat etwas anderes behauptet", sagte Birte und zuckte mit den Schultern.

"Was ist denn los mit den Leuten?", fragte Fiona. "Es kommt mir vor, als wäre ich seit 50 Jahren nicht mehr Single gewesen. Irgendwie ist alles anders als früher."

Birte lachte wieder und sagte: "Viele kriegen es auf dem normalen Weg einfach nicht mehr hin und brauchen Hilfe. Tinder ist wie dieser Griff in der Dusche, an dem sich deine Oma festhält."

Dass es aber auch Zufälle gibt, die sich nur in der Großstadt ergeben, durfte Fiona bei ihrem nächsten Date feststellen. Lenny war anders als die komischen Typen, die sie bisher getroffen hatte. Er war witzig, ohne aufdringlich zu sein, und er fragte sie nicht nach ihrem Drogenkonsum oder nach sexuellen Vorlieben. Stattdessen interessierte er sich für ihre Story, für Norderstedt, und obwohl sie damit normalerweise nicht hausieren ging, fühlte Fiona sich schon am ersten Abend so wohl mit ihm, dass sie ihn in ihre schriftstellerischen Ambitionen einweihte.

Lenny war lässig, aber vor allem hatte er einen Kumpel, der dringend einen Nachmieter suchte. 30 Quadratmeter in einer ruhigen Seitenstraße von St. Pauli – kein Altbau, aber dafür erschwinglich. Kaum zwei Wochen später stand Fiona tatsächlich zum ersten Mal in den noch kahlen Wänden ihrer Traumwohnung und fühlte sich so angekommen wie nie zuvor in ihrem Leben.

Sie konnte nicht ahnen, was sie hier in den nächsten Wochen alles erleben würde. Sie konnte nicht ahnen, dass die Heizung über Tage ausfallen und sie deshalb in ihrer Jacke schlafen würde; dass ihre junge Nachbarin jede Nacht und in unmissverständlicher Lautstärke entweder einen tränenreichen Nervenzusammenbruch oder spektakulären Sex erleben würde, in manchen Nächten sogar beides nacheinander; dass die Obdachlosen, die sich im Waschkeller eingenistet hatten, dort auch mal in die Ecken pinkeln würden.

Sie konnte es nicht ahnen, aber in diesem Moment, dem ersten Moment ganz allein in ihrer neuen Wohnung, wäre es ihr auch egal gewesen. 30 Quadratmeter sind tatsächlich nicht zu klein zum Träumen. Fiona war endlich frei. Keine Frage, hier würde sie ihren Bestseller schreiben. Spontan rief sie Lenny an, um sich bei ihm zu bedanken. Sie dachte nicht eine Sekunde darüber nach, als er sie auf ein zweites Date einlud. Ihr erstes zweites Date in Hamburg. Norderstedt war auf einmal weiter weg als New York oder Tokio. Fiona war angekommen. In ihrer neuen Stadt. In ihrem neuen Leben.

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(