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5. September 2008, 16:45 Uhr
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Was drin ist, zählt

Olivenöl, Pinienkerne - nur die allerbesten Zutaten werden laut Werbung für "Pesto verde" von Bertolli verarbeitet. "Etikettenschwindel" sagen die Verbraucherschützer von Foodwatch: Kunden würden gezielt an der Nase herumgeführt. Denn in "Pesto verde" stecke fast nur Billigware. Von Sylvie-Sophie Schindler

Bella Italia für den Gaumen? Nicht, wenn man auf Original-Zutaten vertraut© Picture-Alliance/DPA

Dass einem nach dem Genuss eines Energydrinks nicht gleich - und auch später nicht - Flügel wachsen, dürfte unumstritten sein. Und dass Kinder nicht automatisch glücklich um den Frühstückstisch herumspringen, bloß weil Margarine aufgetischt wird - auch klar. Ohnehin fühlt sich der moderne Verbraucher kritisch genug, um selbst weniger offensichtliche Werbelügen zu entlarven. Und doch wird immer wieder so raffiniert in die Irre geführt, dass selbst der mündige Konsument nicht so einfach hinter den Schwindel kommt. Jüngstes Beispiel: "Pesto verde" der Marke Bertolli aus dem Hause des niederländischen Lebensmittelkonzerns Unilever. Die Berliner Verbraucherschutzorganisation Foodwatch hat die Pesto-Paste in ihrer aktuellen "abgespeist"-Kampagne genauestens unter die Lupe genommen und festgestellt: Inhalt und Werbung sprechen eine sehr unterschiedliche Sprache.

Olivenöl in mikroskopischen Mengen

Der Hersteller wirbt mit "original italienischer Rezeptur": Pinienkerne, Olivenöl extra vergine und "hochwertigen Zutaten". Bella Italia für den Gaumen. Schon stellt man sich vor, wie "la mamma" in ihrer Küche steht, die Schüssel an ihren großen Busen drückt und alle Zutaten zusammenrührt. Keine Ahnung, wer bei "Bertolli" an die Schüssel darf, von klassischen italienischen Rezepten hat derjenige jedenfalls so viel Ahnung wie einer, der eine Pizza mit Ananas belegt.

Foodwatch hat herausgefunden: in Bertollis "Pesto verde" sind gerade mal zwei Prozent Olivenöl und um die 40 Prozent nicht näher definiertes pflanzliches Öl. Auch mit Pinienkernen wird heftig gegeizt: 2,5 Prozent Pinienkerne sind enthalten. Doch weil der nussige Geschmack ja von irgendwoher kommen muss, hat man sich für - preisgünstigere - "Alibi-Pinienkerne" entschieden: Cashewnüsse. Zum Vergleich: Bei einer Abnahme von 25 Tonnen kosten Pinienkerne aus dem Mittelmeerraum 25 Euro je Kilogramm, Cashewnüsse nur drei bis vier Euro je Kilogramm.

"Wer mit Olivenöl und Pinienkernen wirbt, sollte sie auch hauptsächlich einsetzen und nicht ersetzen", sagt Foodwatch-Mitarbeiterin Anne Markwardt. "Hier wird mit den Emotionen und Assoziationen der Verbraucher gespielt." Im Bericht der Verbraucherschützer heißt es weiter: "Auch ist Aroma zugesetzt, das wahrscheinlich den geringen Käseanteil ausgleichen soll. Dazu Milchsäure als Säuerungsmittel."

Scheinqualität ist billiger

"Bertolli ist ein gutes Beispiel dafür, dass es im Lebensmittelmarkt keinen echten Qualitätswettbewerb gibt", sagt Markwardt. Scheinqualität habe Vorteile vor echter Qualität. Besser als in den meisten anderen Märkten ließe sich im Lebensmittelmarkt schlechte Qualität mit guter Werbung soweit aufpolieren, dass Verbraucher damit systematisch hinters Licht geführt würden. "Das ist besonders dreist", sagt Markwardt. In anderen Branchen würde der Verbraucher die Schummelei sofort entdecken: "Wenn mir jemand einen Plastikschrank mit Holzgriff als 'traditionellen Bauernschrank aus echtem Eichenholz' verkaufen will, erkenne ich den Etikettenschwindel auf den ersten Blick."

Klar ist: Für den Verbraucher würde es einen erheblichen Mehraufwand an Zeit bedeuten, wenn er im Supermarkt die Zutatenliste jedes Produkts genau lesen müsste, bevor er sie in den Einkaufswagen legt. Und wer will schon seine Freizeit stundenlang zwischen Regalen und bei Neonlicht verbringen? "Alle Informationen müssen schnell und leicht zugänglich sein", sagt Markwardt. "Alles andere ist unrealistisch und unzeitgemäß." Bei Bertollis "Pesto verde" würden komplett falsche Erwartungen geweckt. Doch Qualität hat nun mal ihren Preis. Foodwatch macht den Vergleich mit einem Bio-Produkt, das wirklich die versprochenen Zutaten enthält: 100 Gramm kosten knapp fünf Euro. Die stark veränderte Supermarkt-Variante ist für 1,50 Euro pro 100 Gramm zu haben. "Ehrliche Hersteller werden bestraft, während andere aus ihrem Etikettenschwindel einen Vorteil ziehen", sagt Markwardt.

"abgespeist" Was steckt hinter den Versprechen der Lebensmittelindustrie? Dieser Frage geht Foodwatch bei seiner Kampagne "abgespeist" nach. Die Verbraucherschutzorganisation will Werbelügen und leere Versprechungen aufdecken. Weitere Informationen zur aktuellen Kampagne und zu bisherigen Aktionen gibt es auf der Internetseite www.abgespeist.de. Dort können Verbraucher auch weitere Produkte vorschlagen, wenn ihnen mögliche Werbelügen auffallen.

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KOMMENTARE (4 von 4)
 
Amaterasu (05.09.2008, 18:04 Uhr)
Das grosse Problem ist
dass heutzutage nur noch ganz wenige Menschen so kochen können, dass es schnell und unkompliziert geht und trotzdem gut schmeckt. Der Rest greift zum schnellen Produkt. Dass diese Dinge oft qualitativ minderwertig sind, dennoch ganz schön ins Geld gehen, muss man dann eben in Kauf nehmen.
Baladin (05.09.2008, 17:28 Uhr)
Besser selber machen,
das sagt eine, die eine wirklich volle Arbeitswoche hat und trotzdem von solchen Produkten Abstand nimmt.
Kann man gekaufte Mayonaise etc. überhaupt essen?
Eisenbaer (05.09.2008, 16:04 Uhr)
Das erinnert mich immer irgendwie....
...an die Zeit, als der Eigentümer noch höchstselbst mit dem "kontrollierten Pfanni Anbau" Werbung machte. Da bin ich das letzte Mal nach einer Werbesendung vor Lachen vom Stuhl gefallen.

Aber zu Werbung noch einen allgemeinen Tipp: Gar nicht´s drum geben, und immer das kleingedruckte lesen. Ist dieses nicht zu entziffern weil z. B. in grüner Schrift auf blauem Untergrund geschrieben, dann Packung, Dose, Tube, etc. vorsichtig wieder in das Regal zurückstellen und Ware dem vermeintlichen Verkäufer zum eigenen Verzehr überlassen.
-Melanie- (05.09.2008, 16:00 Uhr)
Guter Wille
Eine gute Sache, aber ich befürchte, das ist ein Kampf gegen Windmühlen. Wie schon im Text steht: Keiner stellt sich stundenlang hin und vergleicht Inhaltsangaben. Solange es nicht gesetzlich festgehalten ist (und das halte ich für schwierig bis gar nicht durchsetzbar) werden die Unternehmen weiterhin so werben und die Verbraucher die Werbung beim Einkauf im Hinterkopf haben.
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