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Dioxin-Skandal bei Lebensmitteln Der tägliche Müll in unserem Essen


Farbstoffe, Geschmacksverstärker, Antibiotika - der Speiseplan von Schweinen und Hühnern klingt bedenklich nach Apotheke. Verunreinigungen werden in Kauf genommen. Hauptsache: billig.
Von Swantje Dake

Mischfettsäure ist ein Abfallprodukt bei der Herstellung von Biodiesel. Daraus werden Schmiermittel hergestellt. Mit Lebensmitteln hat das nichts zu tun. Sollte man denken. Doch Zehntausende Legehennen, Puten, Schweine und Ferkel bekommen diese Mischfettsäuren zu fressen. Und haben die Tiere ordentlich Schmiermittel gefressen, werden sie geschlachtet oder geben Eier - und die bekommen dann wir Menschen zu futtern.

Klingt unappetitlich. Ist aber keineswegs illegal. Denn im aktuellen Skandal geht es nicht darum, dass die Tiere Mischfette bekommen haben, sondern dass diese dioxinbelastet waren. Fette im Trog sind laut Futtermittelverordnung durchaus legal.

Der jüngste Dioxin-Skandal zeigt einmal mehr: Die Verbraucher müssen sich von der romantischen Vorstellung verabschieden, dass Schweine und Hühner von Getreide, Heu, Gras und Wasser leben. Dem Futter werden Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente beigemischt, damit das Vieh optimal versorgt wird. Hinzu kommt Kraftfutter aus einem Mix von einer langen Liste, darunter Schrote, Hülsenfrüchte oder Bierhefe. Auch unappetitliche Zutaten sind erlaubt. Nach der Rinderseuche BSE fallen Schlachtabfälle zwar raus, aber Gelatine aus Schweineknochen und Eiweißpulver aus Schweineblut sowie Milchfette aus Fischmehl und getrocknete Bakterien als Eiweißlieferant dürfen in den Trog.

Farbstoffe, Aromen und ein bisschen Antibiotika

Sogar Aromen, synthetische Farbstoffe, Antibiotika und Geschmacksverstärker werden untergerührt. So wird dem Hühnerfutter laut aktuellstem Futtermittel-Report aus dem Jahr 2005 der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch Canthaxanthin oder Capsanthin zugesetzt, um das Eigelb auch knackig gelb erscheinen zu lassen. Paprika, Gelbmais und Luzernegrünmehl hätten die gleiche Wirkung, sind aber deutlich teurer. Und offenbar mischen manche Futtermittelhersteller chemische Reststoffe dem Futter bei, um Geld für die Entsorgung von Abfällen zu sparen, hieß es beim niedersächsischen Landesverband der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, einer Interessengemeinschaft der Bauern.

Und wo viele Zutaten sind, gibt es auch theoretisch viele Quellen des Übels. Viele Lebensmittelskandale haben ihren Ursprung im verseuchten Futtermittel. Die Dioxinfunde in Bio-Eiern sind gerade mal ein Dreivierteljahr her. Verseuchter Bio-Mais aus der Ukraine wurde damals in acht Bundesländern verfüttert. "Die Futtermittel sind die große Schwachstelle in der Nahrungsmittelproduktion", sagt Anne Markwardt von Foodwatch. Denn die Hersteller von Futtermittel sind nicht verpflichtet, die Bestandteile ihres Produkts auf Schadstoffe zu überprüfen. Die Forderung von Foodwatch lautet daher, dass jede einzelne Zutat, jede Charge auf Dioxine getestet werden muss, bevor sie ins Futter wandert.

Die Organisation warnt vor einer Verharmlosung der Wirkung von Dioxin. "Niemand fällt tot um, wenn er dioxinbelastete Eier isst", so Markwardt. "Die sich summierende Anreicherung im Körper ist die Gefahr. Die durchschnittliche Dioxinbelastung in der Bevölkerung ist bereits jetzt am oberen Limit dessen, was die Weltgesundheitsorganisation für gerade noch akzeptabel hält."

Kontrolle ist gut, aber eine Frage des Preises

68 Millionen Tonnen Futtermittel werden jährlich in Deutschland verfüttert. Wenn Fleischproduzenten an der Kostenschraube drehen, dann oftmals beim Futter. Bei der Geflügelmast verursacht das Futter die Hälfte aller Kosten, bei der Schweinemast sind es bis zu zwei Drittel. Günstigeres Futter spart den Landwirten Geld, strengere Kontrollen bei der Herstellung würden das Futter verteuern.

Ein Argument, das Foodwatch nicht gelten lässt. "Es geht hier um den vorsorgenden Gesundheitsschutz", sagt Markwardt. Für den Verbraucher sei die Preiserhöhung durch dichtere Kontrollen zu wuppen. Laut Futtermittel-Report würde sich das Kilo Schweinefleisch nur im Centbereich verteuern - für den Verbraucher ein annehmbarer Preis. Für die Industrie hingegen, die beim Einkauf der Rohware um Prozentbruchteile feilscht, fallen die Centbeträge erheblich ins Gewicht.

Appell an die Politik

Wenn die Hersteller für die Zusätze in ihrem Futtermittel geradestehen müssten, könnte zumindest bei Lebensmittelskandalen die Schuldfrage eindeutig geklärt werden. Doch so weit geht Verbraucherministerin Ilse Aigner noch nicht. Sie fordert zunächst die Bundesländer auf, die Scharlatane zu outen. Die Verbraucher müssten erfahren, "ob mit Dioxin belastete Eier bei ihrem Lebensmittelhändler verkauft wurden", sagte Aigner den Dortmunder "Ruhr Nachrichten". Die CSU-Politikerin will zudem prüfen, ob Betriebe, die Bestandteile für Futtermittel liefern, gleichzeitig technische Produkte wie Biodiesel herstellen dürfen.

Für Foodwatch eine Nebelkerze. Denn auch die getrennte Herstellung von industriellen Fetten und Fetten, die verfüttert werden dürfen, würde wohl nicht verhindern, dass Dioxin ins Essen gerät. Vor einem Dreivierteljahr war es Futtermais, der verseucht war, 2003 war es eine defekte Trocknungsanlage in Thüringen, die Dioxin ins Futter mischte, vor elf Jahren verwechselte eine belgische Firma Behälter für Motorenöl und Frittieröl. Die chemische Verbindung gelangt auf ganz unterschiedlichen Wegen - beim Transport oder bei der Lagerung von Inhaltsstoffen oder über die Weideböden - in das Futter der Tiere. Immer wieder. Nur Kontrollen können sicherstellen, dass verseuchtes Futter nicht zu den Tieren und belastete Lebensmittel zu den Verbrauchern gelangen.


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