"Das unsichtbare Mädchen"
25 Jahre "Fall Peggy": Dieser radikale Thriller von Dominik Graf ist vom echten Fall inspiriert

  • von Jasmin Herzog
Der pensionierte Kommissar Altendorf (Elmar Wepper, rechts) hat im Keller alles archiviert, was ihm im "Fall Sina Kolb" in die Finger kam, Tanner (Ronald Zehrfeld) soll die Aufklärung zum Ende bringen.
Der pensionierte Kommissar Altendorf (Elmar Wepper, rechts) hat im Keller alles archiviert, was ihm im "Fall Sina Kolb" in die Finger kam, Tanner (Ronald Zehrfeld) soll die Aufklärung zum Ende bringen.
© ZDF/Julia von Vietinghoff
Auch nach 25 Jahren wühlt der "Fall Peggy" noch auf. Bereits 2011 lehnte der Regisseur Dominik Graf seinen Film "Das unsichtbare Mädchen" daran an. Das Drehbuch von Friedrich Ani und Ina Jung lässt die Geschichte ins Spekulative driften – mit einer Wut und Konsequenz, die schwer schlucken lässt.

25 Jahre nachdem eine aus dem fränkischen Lichtenberg stammende Schülerin mit damals neun Jahren auf dem Schulweg verschwand, wühlt der "Fall Peggy" die Menschen in der Region noch immer auf. Eine Leiche blieb lange Zeit vermisst, erst 2016 fand ein Pilzsammler per Zufall einen Teil der sterblichen Überreste des Mädchens. Die skandalöse Verurteilung des geistig behinderten Nachbarn wurde bereits 2014 aufgehoben. Schon drei Jahre zuvor orientierte sich Dominik Grafs Drama "Das unsichtbare Mädchen" an dem Fall, der auch bundesweit Aufsehen erregte. Basierend auf dem Drehbuch von Friedrich Ani und Ina Jung entwickelt der nun bei ARTE wiederholte Thriller die Faktenlage mit radikalem Zorn ins Spekulative.

"Das unsichtbare Mädchen" ist ein starkes TV-Stück mit Western-Struktur und prägnanten Bildern. Was die Radikalität der gezeigten Gewalt und die Konsequenz der Denunziation staatlicher Institutionen angeht, lässt einen dieser überragend inszenierte Krimi schwer schlucken. Da, wo die gesicherten Fakten des authentischen Falls ins Spekulative driften, geht's im Film erst richtig los. Graf und Ani spinnen die Ausgangslage weiter – und sie stoßen mit einer Radikalität und einer Wucht in Abgründe vor, die das deutsche Fernsehspiel so unverblümt normalerweise nicht kennt.

Erstklassige Besetzung

Auch die Besetzung ist erstklassig: Ronald Zehrfeld ist wie im Western der "Lonesome Stranger", dem der Zuschauer in den Sündenpfuhl eines Provinzkaffs nahe der tschechischen Grenze folgt. Zehrfeld spielt den jungen Berliner Kommissar Niklas Tanner, versetzt in die Kreisstadt Sihl. Hier, in der tiefsten oberfränkischen Provinz, interpretiert der korrupte Kripochef Michel (Ulrich Noethen) die Sache mit der Wahrheitsfindung sehr frei.

Vor elf Jahren hat Michel den inzwischen pensionierten Kommissar Altendorf (Elmar Wepper) als Chef einer SOKO abgelöst und im Handumdrehen einen Mörder der vermissten Sina Kolb präsentiert – ein damals achtjähriges Mädchen, dessen Leiche nie gefunden wurde. Verurteilt wurde – auch hier schrieb die Realität das Drehbuch – ein geistig behinderter Gastwirtssohn, an dessen Schuld im Örtchen Eisenstein aber die wenigsten glauben mögen.

Überragend inszeniert

Der aktuelle Mord an einer Zeugin von damals bringt den jungen Tanner dazu, die alten Akten zu öffnen, die sein Chef Michel unter allen Umständen verschlossen halten will. Michels Kontakte reichen hoch in die Bayerische Staatskanzlei zum Innenminister (Michael Lerchenberg), der bald als Ministerpräsident kandidieren möchte. Die Lebensader von Michels Widersacher Altendorf reicht runter in den heimischen Keller, wo der kränkelnde Ex-Kommissar Hunderte von Ermittlungsdokumenten archiviert und an die Wand geheftet hat. Keller hat nicht mehr die Kraft und den Schneid, den Unglücks-Fall seines Lebens aufzuklären. Tanner hat beides – und es treibt ihn durchs Niemandsland über die tschechische Grenze in einen Vorort der Hölle.

Auch um den authentischen Peggy-Fall kreisten eine Weile Theorien, die in Richtung Kinderpornografie und -prostitution weisen. Was die Darstellung dieses unsagbaren Verbrechens, was die Radikalität der gezeigten Gewalt und die Konsequenz der Denunziation staatlicher Institutionen angeht, lässt einen dieser überragend inszenierte Krimi schwer schlucken. Die Morallosigkeit saugt förmlich die Farbe aus den braunstichigen Bildern. Wo andere hölzerne Erklärdialoge wuchern lassen, findet Dominik Graf große, einschneidende Bilder, die das Unaussprechliche viel besser erzählen.

Am Ende feiert die Gerechtigkeit einen blutigen Triumph in Showdown-Manier. Auf eine erlösende Gewissheit im realen "Fall Peggy" warten die Menschen allerdings noch immer vergebens. 2020 wurden die Ermittlungen eingestellt.

Das unsichtbare Mädchen – Fr. 20.02. – ARTE: 20.15 Uhr

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