Wer die hochgelobte und äußerst erfolgreiche Doku-Serie "FC Hollywood" von Florian Nöthe und Simone Schillinger kennt, weiß, dass das Autorenduo ein wenig anders auf den Fußball blickt als in Sportdokus meist üblich ist. Hier werden tragikomische Geschichten erzählt. Das menschliche Narrativ steht über dem nüchternen Blick aufs Sportliche. Dennoch ist auch die neue dreiteilige Doku der beiden, "Mission Sommermärchen", keineswegs flach oder gar ein schaler Aufguss von Sönke Wortmanns damaliger Nah-Beobachtung "Deutschland. Ein Sommermärchen" geworden. Ab Mittwoch, 20. Mai, kann man die dreimal etwa 40-minütigen Folgen der WM-Doku 2006 beim ZDF streamen. Am Samstag, 30. Mai, laufen die Episoden um 20.30 Uhr, 21.20 Uhr und 1.20 Uhr auch im linearen Programm.
Nöthe und Schillinger beginnen ihre Erzählung mit dem Kapitel "Schwarz. Den Laden auseinandernehmen". Es erzählt die Jahre 2000 bis 2004, die mit "Rumpelfüßlern" und einer verkorksten EM 2000 beginnen und die Ära von Teamchef Rudi Völler begleiten. Er brachte Deutschland zwar ins Finale der WM 2002, verkaufte nach Ansicht seiner damals durchaus zahlreichen Kritiker letztendlich jedoch Fußball vom alten Schlag und ließ diesen spielen. Als Völler nach dem frühen Ausscheiden bei der EM 2004 zurücktrat, stand Deutschland zwei Jahre vor der Heim-WM ohne Trainer dar. Prominente Kandidaten wie Ottmar Hitzfeld, Otto Rehhagel oder Christoph Daum wollten sich den Job nicht antun. Schließlich ging man beim DFB ungewöhnlich kreative Wege und engagierte einen Mann ohne Trainererfahrung: Jürgen Klinsmann, der mit seiner amerikanischen Frau und zwei Kindern in Kalifornien lebte.
Ein deutsches Narrativ am seidenen Faden
Teil eins des Films zeigt, wie Klinsmann und sein Team, zu dem bereits der spätere WM-Titeltrainer Jogi Löw zählte, Fußball-Deutschland umkrempelten und alte Zöpfe ohne Furcht vor Gegenwehr "des Systems" abschnitten: Ein Hockeytrainer, Bernhard Peters, sollte DFB-Sportdirektor werden. Peters kam, aber nur als Berater. Ansonsten setzte sich der sture Schwaben-Disruptor mit seinen Ideen durch: Amerikanische Fitness-Experten brachten neue Trainingsinhalte. Eine neue, aus vielen Nobodys bestehende Mannschaft wurde mit hoher Motivationskunst auf ein gemeinsames Ziel eingeschworen: den WM-Titel im eigenen Land holen.
Das Problem: Die Skeptiker und Traditionalisten des Fußballs, vor allem die damals noch viel mächtigere Boulevardpresse, hatten sich Klinsmann längst zum Feind auserkoren. Als zudem Ergebnisse und Leistungen der deutschen Elf während der Vorbereitung aufs Heimturnier alles andere als gut waren, kam es zur Nacht der langen Messer in Florenz am 1. März 2006. Dort versemmelte die deutsche Nationalmannschaft ein Vorbereitungsspiel gegen Italien mit 1:4. Damals stand Klinsmann kurz vor der Ablösung, was die Doku mit viel Zeitzeugen-Hintergrund spannend aufarbeitet. Unter anderem äußern sich erfrischend ehrlich im Dreiteiler: Jürgen Klinsmann, Oliver Kahn, Lukas Podolski, Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm, Jogi Löw oder auch der damalige DFB-Medienchef Harald Stenger. "Mission Sommermärchen" zeigt – sieht Tragikomik – an welch seidenem Faden nationale Mythen und Narrative bisweilen hängen: Wäre Klinsmann damals entlassen worden, das "Sommermärchen" hätte vielleicht nie stattgefunden.
Sorgte Angela Merkel fürs Sommermärchen?
"Episode 2: Rot. Opfer bringen" stellt den Torwartkampf Kahn gegen Lehmann in den Mittelpunkt: Oliver Kahn, größter deutscher Fußballstar der letzten Jahre und als "Titan" bekannt, will bei der Heim-WM unbedingt im Tor stehen. Klinsmann entfacht aber ein Torwartduell mit Jens Lehmann, das alles infrage stellt und zu einer Entscheidung führt, die niemand kommen sieht. In Interviews reflektiert Kahn jene schwierige Zeit, die in einem menschlichen Triumph für den superehrgeizigen Keeper endet: Zwar steht Lehmann bei der WM im Tor. Doch Oliver Kahn begleitet die WM wider Erwarten als Nummer zwei und loyaler Teamplayer, der den Konkurrenten Lehmann vor dem entscheidenden Elfmeterschießen gegen Argentinien im Viertelfinale sogar noch persönlich – auf dem Fußballfeld – aufbaut. Bis heute eine der schönsten Szenen von Menschlichkeit und Teamgeist, die im Spiel um den dritten Platz mit einem gefeierten Kahn im Tor in seinem Abschiedsspiel endete.
"Episode 3: Gold. Alles glänzt" erzählt schließlich das WM-Turnier selbst. Dabei stellt die Folge einen unerwarteten Helden in den Mittelpunkt: Es geht um Nobody David Odonkor und seine späte Flanke auf den Torschützen Oliver Neuville im Vorrundenspiel gegen Polen in Dortmund. Das brachte Deutschland nicht nur mit einem 1:0 ins Achtelfinale, sondern erzeugte eine gigantische WM-Stimmung im ganzen Land. Dabei spielte offenbar Bundeskanzlerin Angela Merkel eine größere Rolle als bisher gedacht. Bei einem Termin mit den DFB-Stars fragte sie nach den Nöten der Kicker und erfuhr, dass sich diese von der Presse, vor allem vom Hause Springer ("BILD"), nicht unterstützt fühlten, was ihren innovativen Weg beträfe.
Merkel initiierte ein Treffen der Springer-Chefredakteure mit dem DFB, wobei man sich auf einen Pakt einschwor. Klinsmann sagte bei jenem Treffen – laut eigener Erinnerung: "Was wir vorhaben, ist, eine junge Mannschaft mit viel Selbstvertrauen in ein Turnier reinzubringen. Es wird ein Spielstil sein, der sehr emotional ist. Da würde es natürlich helfen, wenn ihr dieser jungen Mannschaft Rückendeckung gebt."
Deutsche Begeisterung trotz Ausscheiden
"Diese Mannschaft war außergewöhnlich, was den Teamgeist angeht", erzählt Spielen Thorsten Frings mit aufrichtiger Überzeugung in Teil drei. Jener Teamgeist erschuf mit einer Dynamik aus den richtigen Spielern, Macher-Köpfen, schönem Wetter und der Begeisterungsfähigkeit eines ganzen Landes ein neues Deutschland. Eines, das heute mehr denn je als Vorbild gebraucht würde. Anpacklust, Begeisterung und Optimismus trugen Schwarz-Rot-Gold und seine Fußballmannschaft damals so weit, dass selbst nach dem Halbfinal-Aus gegen starke Italiener die Stimmung im Land nicht einbrach. Das Spiel um den dritten Platz gegen Portugal in Stuttgart wurde keineswegs zur Trauerveranstaltung, sondern zu einem Riesenfest.
In der Doku erinnern sich die Protagonisten daran, wie Stuttgarts Straßen voll mit begeisterten Fans waren. Einer davon hielt ein Schild mit der Aufschrift "Jürgen, du bist Deutschland" nach oben. Nach der WM war jener Jürgen Klinsmann, eigentlich für viele ein eher sperriger Charakter, der vielleicht beliebteste Deutsche. Er trat zurück und schien sich damit ein Denkmal für die Ewigkeit zu bauen. Dass er es später selbst ein wenig einriss, unter anderem durch eine unglückliche Station als Trainer von Bayern München, ist ein anderes Narrativ. Eines, das im Film nicht mehr vorkommt, aber den Tragikomikern Nöthe & Schillinger, die diese sehr sehenswerte Doku erschufen, sicher ebenfalls gut gefallen hätte.