Wie man sich ernsten Themen im TV humorvoll und einfühlsam nähert, zeigte Adele Neuhauser in den letzten Jahren eindrucksvoll in ihren Filmen "Faltenfrei" (2021) und "Ungeschminkt" (2024). Mit der beliebten Wiener Schauspielerin in der Hauptrolle verknüpften die quotenstarken Dramedys von Regisseur Dirk Kummer und Drehbuchautor Uli Brée nonchalant Unterhaltung mit Gesellschaftskritik. Und das so erfolgreich, dass nun ein dritter Film des Teams folgt: Im neuen Teil der losen Reihe, in der Neuhauser immer eine andere Figur verkörpert, spielt die 67-Jährige eine frustrierte Ehefrau mit heikler Callboy-Affäre. Kreisten die Vorgänger um Schönheitsindustrie und Transidentität, macht auch "Makellos – Eine kurze Welle des Glücks" auf lockere Weise vor Tabuthemen nicht Halt. Und manchmal ist es eben tabu, wenn eine Frau tut, was bei Männern normal scheint.
Dass es langlebige Ehen bisweilen an Leidenschaft vermissen lassen und mancher Gatte sich eine jüngere Geliebte sucht, dürfte hinlänglich bekannt und filmisch behandelt sein. Im Gegensatz zum umgedrehten Fall, in dem sich die unglückliche Ehefrau einen Seitensprung organisiert. So wie die von Adele Neuhauser gespielte Constanze Laux, die sich in ihrer Ehe vernachlässigt fühlt.
"Er sieht mich schon lange nicht mehr", urteilt sie über ihren Mann, mit dem sie ein erfolgreiches Trachtengeschäft betreibt und Innovationen wie das "Dirndl to go" anpreist. Doch weil der herrlich hemdsärmlig von Ulrich Noethen verkörperte Gatte keine Lust mehr auf Intimität hat und lieber über den "Untergang der Wiesn" durch "genderneutrale Trachten" schimpft, sehnt sich Constanze nach körperlicher Nähe. Und die sucht sie mit einem Callboy, zu dem ihr Freundin Karin (Caroline Frank) geraten hat.
Heikle Themen, leichtfüßig inszeniert
"Dein erstes Mal?", fragt er – "Merkt man das etwa?", entgegnet Constanze, die das Date voller Scham scheitern lässt. Beim Drink mit der zufälligen Fahrstuhlbekanntschaft Ricardo (wundervoll: Manuel Rubey), lässt sie sich über Ehe, Begehren und Selbstbilder im Alter aus. "Wie sollen andere Sie schön finden, wenn Sie das selber nicht tun?", findet der Charmeur im Rollkragenpulli die richtigen Worte – um sich letzlich selbst als Callboy zu entpuppen. Constanze lässt sich auf eine leidenschaftliche Affäre mit dem jüngeren Mann ein, der sein Handwerk versteht. Autor Uli Brée sagt, er habe von einer Frau erzählen wollen, "die sich all das nimmt, wenn es ihr verwehrt wird. Eine Frau, die sich nicht in ihr Ehe-Schicksal fügt."
Die Romanze kommt, modern inszeniert und begleitet vom passenden Soundtrack, natürlich mit den genreüblichen Hindernissen daher. Sie denkt, es steckt mehr dahinter; ihr Mann wird misstrauisch – und dann geschieht, was geschehen muss: Die erfüllenden Besuche beim Escortmann bleiben nicht unbemerkt, das Unternehmerpaar wird plötzlich erpresst. Für sie steht in der konservativen Trachtenbranche (über die man so einiges lernt) die Existenz auf dem Spiel. Aus der Liebes- und Seitensprungdramedy wird zusehends ein Romance-Thriller und emotionales Drama. Wer droht, die Aufnahmen der Liebestreffen zu veröffentlichen? Hat Ricardo selbst die Finger im Spiel?
Sex, Geld, Erpressung, Tabus, Moral, das liebe Alter und die alte Liebe: "Makellos" schneidet leichtfüßig heikle Themen an, ohne dabei zu verkrampfen. Das liegt am klugen Drehbuch – und am perfekt besetzten Cast: Noethen als wurstiger Klotz mit bajuwarischem Dialekt ist eine Wucht ("Das G'schäft bin I"), nicht minder brillant spielt Manuel Rubey seinen Callboy respektive Sexarbeiter, wie er selbst und man heute so sagt. "Worüber man nicht reden kann, darüber muss man tanzen", kommentiert der Schauspieler jene Tabus, die der Film aufzubrechen versucht. Dass eine ältere Frau Lust erlebt und Liebe von einem Jüngeren kauft, ist eben keineswegs selbstverständlich. Umso vielschichtiger, dass man auch die Person hinter dem Gigolo kennenlernt, etwa, dass er eine nette Mutter und einen skandalumwitterten Vater (schön eitel: Jochen Busse) hat.
"Bewundere ihre Energie und ihren uneitlen Wagemut"
Und dann wäre da noch die wie schon in den Vorgängern glänzende Hauptdarstellerin, für die auch die Kollegen nur lobende Worte finden: "Die Idee einer Reihe mit wechselnden Hauptfiguren hat sie mit so viel Fantasie und Liebe ausgefüllt, dass man bei Adele Neuhausers Verwandlungsfähigkeit sprachlos ist", urteilt Dirk Kummer völlig korrekt, während Ulrich Noethen "ihre Energie und ihren uneitlen Wagemut" bewundert.
Derweil freut sich die Wienerin, die sich zum Leidwesen der Fans in diesem Jahr von ihrer Paraderolle im "Tatort" verabschiedet, über die "beglückende Zusammenarbeit" mit Uli Breé: "Ihm habe ich schon viele besondere Herausforderungen zu verdanken." Bald darf man sich auf eine neue Kollaboration der beiden freuen: Im Krimi-Zweiteiler "Mama ist die Best(i)e" spielt Neuhauser eine Ex-Society-Lady, die nach dem Mord an ihrem Mann aus dem Gefängnis freikommt, um sich zu rächen. Mit dabei als ihr Sohn ist abermals Manuel Rubey. Das kreative Dreamteam scheint nicht aufzuhalten zu sein.
Makellos – Eine kurze Welle des Glücks – Mi. 11.03. – ARD: 20.15 Uhr