Dass ein Mörder – in neun Jahren – zweimal zurückkehrt, das gab es noch nicht in der langen Geschichten des deutschen "Tatorts". Im Fall des mittlerweile in Rente gegangenen Klaus Borowskis (Axel Milberg) und Mila Sahins (Almila Bagriacik) von 2021 hieß der Widersacher nach 2012 ("Tatort: Borowski und der stille Gast) und 2015 ("Borowski und die Rückkehr des stillen Gasts") wieder einmal Kai Korthals (Lars Eidinger). Zu Beginn des Films sieht man ihn als Hauptdarsteller in Schillers Bühnenklassiker "Die Räuber" – es handelt sich um eine Probe der Theater AG im Gefängnis. Das Method Acting der schweren Jungs eskaliert, ein Brand entsteht, und dem Superschurken Korthals gelingt die Flucht. Als wenig später eine weibliche Leiche im Wald gefunden wird, ist den Ermittlern klar: Der "stille Gast", so Korthals lyrischer Rollenname in den ersten beiden Filmen, ist wieder da.
Vor allem Borowski, dessen große Liebe Frieda Jung (Maren Eggert) sich nach dem letzten Zwischenfall mit Kai Korthals von ihm getrennt hatte, versucht mit dem traumatischen Aufflammen der Vergangenheit möglichst cool umzugehen. Man kann sich schon denken, dass daraus nichts wird. Korthals, der Borowski als "seinen einzigen Freund" bezeichnet, hat in seiner Knastzeit viele Liebesbriefe bekommen. Eine der Frauen, die sich zum inhaftierten Korthals hingezogen fühlten, war die blinde Telefonseelsorgerin Teresa Weinberger (Sabine Timoteo). Eben zu ihr scheint sich der geflohene Psychopath nun auf den Weg zu machen.
Korthals-Kult mit grandios geschriebenen Dialogen
Alle Korthals-"Tatorte" entstammten der Feder des Autors Sascha Arango. Film eins, "Borowski und der stille Gast", lebte vom brillanten Grusel eines gelungenen Home Invasion Thrillers. Lars Eidinger als stummer Paketbote und Verkleidungskünstler, der unerkannt wie durch Wände ging und scheinbar wie ein Geist am Leben seiner Opfer teilnahm – das fühlte sich beim Zuschauen maximal irritierend, innovativ und unheimlich an. Teil zwei inszenierte dann die persönliche Beziehung zwischen Borowski und Korthals. Reichlich "larger than life", aber auch dieser Ansatz hatte seine Momente.
Nun taten Autor Arango und der mittlerweile berühmt gewordene Regisseur Ilker Çatak ("Das Lehrerzimmer" war oscarnominiert, sein jüngstes Politdrama "Gelbe Briefe" gewann den Goldenen Bären der 76. Berlinale) das einzig Richtige: "Borowski und der gute Mensch" feiert den Korthals-Kult mit grandios geschriebenen Dialogen, randvoll mit verstecktem Witz. Der Film inszeniert trotzdem auch Momente des Gruselns, die gleichzeitig als Hommage an den Erzählkosmos "stiller Gast" fungieren: Korthals als Geistwesen in fremden Wohnungen, das Grusel-Lutschen an fremden Zahnbürsten – alles ist dabei, aber mit neuen Twists. Dieses "Gast"-Reboot ist schlau, voller Esprit und keineswegs peinlich.
Tatort: Borowski und der gute Mensch – So. 07.06. – ARD: 20.15 Uhr