Deutschlands Gasversorgung ist sicher – sagt zumindest die Bundesregierung. Im kommenden Winter seien staatliche Markteingriffe nicht nötig. Die Vorsorge bleibe Aufgabe der Lieferanten und Händler, sagte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) am Dienstagabend im Wirtschaftsausschuss des Bundestages laut Teilnehmern.
Dem Ministerium zufolge ist die Lage am Markt deutlich besser als im Vorjahr. So seien für den nächsten Winter bereits 60 Prozent der deutschen Speicherkapazitäten vermarktet. Für den laufenden Winter sei die Versorgung gesichert. Anlass war eine von den Grünen beantragte Sondersitzung des Ausschusses.
Der energiepolitische Sprecher der Grünen, Michael Kellner, äußerte sich nach der Sitzung kritisch. „Hinsichtlich der Wiederbefüllung der Gasspeicher hofft die Ministerin auf den Markt. Ein Plan B wird nicht deutlich“, sagte er. „Die Welt steht Kopf wegen Trump, doch Katherina Reiche sieht kein Problem in der Abhängigkeit von amerikanischem LNG.“
In den vergangenen Wochen, in denen die Füllstände der Gasspeicher rapide sanken, hatte sich Reiche zurückgehalten. Die Kommunikation überließ die Wirtschaftsministerin weitgehend anderen – etwa dem Chef der Bundesnetzagentur, die für die Versorgungssicherheit zuständig ist. Die Sondersitzung des Wirtschaftsausschusses war der erste Termin, bei dem sich Reiche mit mehr als ein paar Sätzen zur Gasversorgungslage äußerte – wenn auch in nicht-öffentlicher Sitzung.
Gasspeicher extrem niedrig gefüllt
Dabei, so berichten es Teilnehmer der Sitzung, sei Reiches Botschaft klar gewesen: Ihre Entscheidung, auf staatliche Eingriffe zu verzichten, um bei der Befüllung der deutschen Gasspeicher nachzuhelfen, sei richtig – und zwar nicht nur in diesem Winter, sondern auch mit Blick auf den kommenden. Dann müssen die Speicher von einem extrem niedrigen Füllstand gefüllt werden.
„Die Wintervorsorge ist und bleibt Aufgabe der Lieferanten und Händler, der Markt übernimmt Verantwortung“, hieß es dazu aus dem Wirtschaftsministerium. Was den kommenden Winter angeht, wird in Reiches Ressort darauf verwiesen, dass die Differenz beim Gaspreis zwischen Sommer und Winter aktuell mehr Anreize zum Einspeichern setze als im Vorjahr. Im vergangenen Jahr war Sommergas über Monate sogar teurer, weshalb sich das Befüllen der Speicher in dieser Zeit nicht rentierte. Für den Winter 2026/2027 seien nun aber bereits 60 Prozent der Kapazitäten in den Speichern vermarktet – mehr als zum gleichen Zeitpunkt vor einem Jahr.
Gleichwohl arbeitet Reiches Ministerium derzeit auf Grundlage eines Gutachtens einer Beratungsfirma an einer Regelung, die an die Stelle der bisherigen Vorgaben für Mindestfüllstände der Speicher treten soll. Eine Überprüfung dieser Vorgaben, die die damalige Ampel-Regierung nach dem russischen Überfall auf die Ukraine eingeführt hatte, haben Union und SPD bereits im Koalitionsvertrag vereinbart.
Aufbau einer Gasreserve
In den vergangenen Wochen hatten unter dem Eindruck der sinkenden Speicherstände einige führende Energiemanager und der Chef der Bundesnetzagentur den Aufbau einer strategischen Gasreserve ins Spiel gebracht, ähnlich wie beim Erdöl. Auch die Unionsfraktion im Bundestag will eine solche staatliche Reserve prüfen lassen.
Nach Reiches Willen soll es dabei allerdings nur um einen absoluten Sicherheitspuffer gehen, um das Gassystem gegen geopolitische Gefahren und unvorhergesehene Schocks zu wappnen, etwa mögliche Angriffe auf Pipelines. Man prüfe derzeit, wie ein „zusätzliches Instrument“ ausgestaltet werden könne, hieß es aus dem Wirtschaftsministerium. Klar sei aber: „Ein staatlicher Eingriff sollte nur erfolgen, wenn er die Versorgungssicherheit nachhaltig erhöht, kosteneffizient ausgestaltet werden kann und die Marktakteure nicht aus der Verantwortung nimmt.“
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