Bei der Reutlinger Firma Mypegasus herrscht in diesen Wochen Hochbetrieb. Die Arbeitsmarktexperten organisieren sogenannte Transfergesellschaften, eine Art Auffanggesellschaft für Beschäftigte, deren Job abgebaut wird. "Bei uns melden sich Betriebsräte, Insolvenzanwälte oder die Unternehmen selbst", sagt Mypegasus Geschäftsführer Martin Rosemann. "Wir erleben gerade eine tiefgreifende Industriekrise, die nun verstärkt auf dem Arbeitsmarkt durchschlägt", erklärt er die erhöhte Nachfrage. Vor allem Konzerne nutzen das Instrument. Aber auch kleinere und mittlere Betriebe initiierten verstärkt Transfergesellschaften, so Rosemann.
Mypegaus zählt zu größten Betreibern von Transfergesellschaften in Deutschland und ist seit 30 Jahren im Markt. Derzeit betreuen die Arbeitsmarktexperten bundesweit rund 3000 Beschäftigte in Transfergesellschaften. Dennoch ist das Instrument hierzulande wenig verbreitet, lediglich ein bis zwei Prozent aller Beschäftigten, die ihren Arbeitsplatz durch einen systematischen Stellenabbau verlieren, gehen in eine Transfergesellschaft, schätzt Mypegasus.
Statistiken gibt es darüber nicht. Viele Unternehmen, aber auch Beschäftigte kennen das Instrument nicht oder hätten Vorbehalte: "Viele glauben, dass sie da ein Jahr irgendwie geparkt werden, aber ihre Situation sich danach nicht verbessert hat", so Rosemann. Die Vorstellung rühre aus der Nach-Wende-Zeit. Damals finanzierte die Treuhand viele Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaften. "Das waren tatsächlich eher Auffanggesellschaften, in denen es wenig um Qualifizierung und schon gar nicht um Vermittlung ging." Das heutige Konstrukt habe damit nichts mehr zu tun. "Wir verschaffen Sicherheit, aber vermitteln eben auch in neue Arbeit."
Drei von vier in Transfergesellschaft mit neuem Job
Im Schnitt drei von vier Teilnehmern einer Transfergesellschaft verhelfe Mypegaus in einen neuen Job, sagt Geschäftsführer Rosemann. Das sei deutlich besser als der Standardweg über die Arbeitsagentur. Die Erfolgsrate sei abhängig von der Dauer, dem Budget der Qualifizierungsmaßnahme, aber natürlich auch von der Situation am Arbeitsmarkt. Hoffnungslos sei es aber auch im Moment nicht. "Es gibt nach wie vor Industriebetriebe, die suchen." Wer flexibel und lernwillig ist, vielleicht sogar bereit ist, Abstriche beim Gehalt zu machen, habe Chancen schnell einen neuen Job zu finden, urteilen die Transfer-Experten.
Der Jobverlust sei immer eine Zäsur und für viele auch ein Schock, erzählt Mypegasus-Projektleiterin Christiane Haake. Sie ist verantwortlich für die Region Stuttgart, dort sei die Situation in den Unternehmen im Moment "sehr angespannt". Schmerzlich sei der Trennungsprozess vor allem, wenn Menschen seit Jahrzehnten in der Firma arbeiten und dachten, dort bis zur Rente zu bleiben. "Wir reden da von einer Trauerzeit, die wir begleiten". Manche schämten sich auch für den Jobverlust.
Arbeitsmarkt bietet vielfältige Chancen
"Viele nutzen die Zeit dann aber, um etwas Neues zu wagen", erlebt Haake. Ein Mitarbeiter Anfang 40 aus dem Automobilsektor im Bereich Testing habe sich wenig Chancen auf eine neue Stelle im Automobilsektor gemacht und deshalb ein Praktikum in einer Seniorenresidenz in Pforzheim angefangen. Er schule nun zur Pflegefachkraft um. Ein anderer Ex-Automobilbeschäftigter bilde sich nun zum Osteopathen weiter. Natürlich sei das nicht die Masse. Die meisten strebten einen Arbeitsplatz an, der nah an dem sei, was sie vorher gemacht hätten. Hilfreich bei der Suche sei auch die Verzahnung der Transfergesellschaft mit den Arbeitsmarktdrehscheiben der Region. Viele Unternehmen suchen darüber Arbeitskräfte.
Einrichten kann so eine Transfergesellschaft im Grunde jedes Unternehmen. Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Transfergesellschaft schließen einen befristeten Vertrag. Ein Wechsel ist immer freiwillig. Zweck der Transfergesellschaft ist, Beschäftigte, die ihren Job verloren haben, fit für den Arbeitsmarkt zu machen und zunächst mal eine direkte Arbeitslosigkeit zu vermeiden.
Die Arbeitsagentur muss zustimmen und finanziert die Maßnahme mit. Die Förderung ist auf ein Jahr begrenzt, während dieser Zeit müssen die Betroffenen nicht arbeiten, können sich qualifizieren, beraten und bei der Jobsuche helfen lassen. Dafür erhalten sie ein Transferkurzarbeitergeld von der Arbeitsagentur in Höhe von 60 Prozent des letzten Nettogehalts, Eltern 67 Prozent, sowie ein Aufstockungsbetrag vom Arbeitgeber, der oft bis auf 80 Prozent aufzahlt. Möglich sind aber auch Umschulungen und Qualifizierungsmaßnahmen über die Laufzeit hinaus. Auch Praktika und Probearbeiten sind während der Transferzeit möglich.
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